ICH ESSE VON meinem Tellerchen. Ich sage höfliche Worte zur Frau Köchin, wie die Adoptionsmutter es mir beigebracht hat. Das gute Benehmen von A bis Z. All die Dichter am Tische verunsichern mich. Ich weiß nicht, was ich mit ihnen sollen will und wollen soll, fühle mich so fehl geladen, möchte nicht den Fettwanst, nicht den Minister im Raum als Kumpels haben. Schriftsteller zu einem Seezungenessen laden, denke ich, ist mehr als ein gediegener Witz. Menschen des Wortes Seezunge zu verabreichen, hat etwas. Ich traue es dem Pressemann zu. Der Minister scheint mir zu solch hintersinnigen Scherzen zu dröge. Ob der Herr Minister denn wüsste, dass bei der Seezunge in einer frühen Entwicklungsphase das linke Auge auf die rechte Seite des Kopfes wandere, pustet der dicke Dichter den Landesverteidiger an, gewährt ihm keine Denkpause, gackert und gluckst erfreut: Die Augen wandern aus. Die Augen hauen ab. Die Augen wechseln die Fronten. Die Augen der Seezunge sind Deserteure, biologische Überläufer, erfreut sich der dicke Dichter, dass er sich an einem Seezungenhappen aus lauter Heiterkeit verschluckt, zu prusten beginnt, Erstickungsanfälle hat, auch nicht mehr prustet, ehe er sich durch ein Schnauben und tiefes Luft-nach-innen-Ziehen ins Leben zurückmeldet, rot anläuft, dann explodiert, dass Seezungenfetzen und Speichelbatzen in Richtung Minister fliegen. Fällt wie der Sack nach hinten, wo er für bange Momente stumm verharrt und offenen Mundes daliegt. Eine angenehme Ruhe entsteht, ist aber nicht von Dauer. Ein hagerer Buchautor mit dem Aussehen eines freudlosen Chemielehrers nutzt die Redepause dahin gehend, das Wort an sich zu reißen; glattzüngiger als sein Vorgänger, im Tonfall eines Oberstudierten, gibt er sich besser unterrichtet als jener andere, näselt mit unverkennbarer Seitenhiebfreude gegen den angeschlagenen dicken Dichterkollegen: Das Maul mit seinen wenigen, aber teuflisch scharfen Zähnen befinde sich auf der augenlosen, man könne ruhig sagen, blinden Seezungenseite, was er als einen überaus wichtigen, für jedwede Vertreter der Schriftstellerei und Dichtung bedenkenswerten Aspekt erachte, im Wissen darüber, wie sich die Seezunge dem jeweiligen Untergrund geschickt anzupassen verstünde, was in der Kunst von Übel sei. Spricht fertig aus, schaut in die Runde, genießt den Nachhall seiner Worte. Die rumänisch-deutsche Lyrikerin neben mir stöhnt etwas Verbales in sich hinein, erklärt sich mir nicht, ringt nach Erklärung, will offensichtlich etwas zu mir sagen, der ich sie ansehe und nicke; kriegt aber nichts als ein mehrfach wiederholtes Ausatmen zustande. Meiner Meinung nach ist sie für die draußen vorherrschende kühle Jahreszeit etwas zu leicht bekleidet. Sie schaut mich hilfesuchend an, wohin mit dem Besteck, wo hinein die Gabel stechen? Ich mache es ihr vor. Sie tut mir nach, behält aber immer ihren fragenden Gesichtsausdruck bei, bis sie und ich im Gleichtakt aufgegessen und mit der Serviette die Lippen saubergewischt haben, der Pressesprecher sich erhebt, einen silbernen Füllfederhalter gegen das Weinglas in seiner Hand klopft, ein paar Worte zur systematischen Einordnung der Seezunge zu der Familie Soleidae verliert, beheimatet in den flachen Küstengewässern der südlichen Nordsee, wo sie sich sammelten und laichten, dort also, woher er selber gebürtig stamme; und erteilt sodann dem Minister das Wort, der die Gelegenheit ergreift und loslegt, am Ende die Redezeit überzieht, als übe er für den Bundestag. Von den Anwesenden gelingt es dem Pressesprecher am besten, volle Aufmerksamkeit zu heucheln. Der dicke wie der hagere Dichter stehen ihm dabei kaum nach. Den einen Arm auf der Stuhllehne abgelegt, das Kinn auf den Handrücken des aufgestützten anderen Arms getan, die Körperhaltung somit passend zum untertänigen Ausdruck von Vigilanz mit einem leichten Lächeln im Gesicht, lauscht der Pressesprecher, als habe er Freude an den alle einlullenden Worten des Ministers. Ich bin unter Algen geraten, lauter sich wiegende, immergrüne Leiber am großen Tisch, von dem weg mich die Frau des Pressesprechers zu sich in die Küche lockt, als ich von der Toilette komme.
Wenn der Minister erst einmal am Reden ist, haucht sie und verdreht die Augen. Wie angenehm verunsichert ich wirke, wenn nicht gar genervt, flüstert sie vertraulich, sagt, dass sie den rachitischen Chemielehrertyp von Schriftsteller so wenig möge wie ich den aufgeblasenen kahlköpfigen Luftblasenballon. Ich solle mich zu ihr setzen; in die Ecke, an den kleinen Tisch; von der Nachspeise kosten, der es an etwas fehle; sie wisse nicht zu sagen, woran, sagt, das Rezept stamme aus Cambridgeshire, gibt kund, Cambridgeshire wäre für seine Aale einstmals bekannt gewesen; ein Blauschimmelkäse stamme von dort, das Dorf dazu heiße Stilton, wenn sie sich den Namen richtig gemerkt habe. Eine weitere Spezialität der Gegend sei Figdget Pie, eine Art Wackelauflauf. Speck, Zwiebeln, Äpfel, Kartoffeln, schwarzer Pfeffer, Apfel im Teigmantel, ähnlich unserem nordischen Himmel und Hölle. Äpfel, sagt sie so freundlich gestimmt, die Kartoffeln des Himmels.
Ich koste die Nachspeise und mache Muskatnuss als fehlende Komponente aus. Sie kramt aus dem Küchenschrank Muskatnuss hervor, dankt und rät, flink zu den anderen zu huschen, wir würden uns später sprechen, sie gäbe mir ein Zeichen. Als sie dann in bläulichen Schalen die Nachspeise reicht, nickt sie mir im Abgehen anerkennend zu. Muskatnuss, wer hätte das gedacht.
Es wird gegessen, geredet und nach dem Mahl geraucht wie unter Männern. Ich dürfe mich ruhig erdreisten, sie mutig um einen Wunsch anzugehen, ihr etwas Persönliches abzuverlangen, fordert die Frau des Pressesprechers beim nächsten Stelldichein in ihrer Küche; als Dank für den Muskatnusstipp. Ich sage, ich stelle mir die Frage, was ich unter all diesen seltsamen Literaten zu suchen habe, und bei einem Minister, der nicht die Spur von Nähe zur Literatur erkennen lässt. Sie und ihr Mann, verrät sie selbstbewusst, hätten sich das ausgedacht. Sie wüssten beide Bescheid über mich, kennten alle meine Bücher, wüssten sogar, was mir im Kopfe rumore. Die Mutter, sagt sie und sieht mich erwartungsvoll an, der Vater. Zwischen den Zeilen spüre man die Mutterproblematik. Sie hätten ihren heimlichen Literaturstar mal von Angesicht kennenlernen wollen, so am gleichen Saum der gleichen großen Ostseeküste wie sie aufgewachsen, so am gleichen Wasser erwachsen geworden, wenn auch jeweils auf der anderen Seite der Ostsee, in einer völlig anderen Gesellschaftsordnung. Es flösse ein Blut durch unsere Adern, unsere Gedanken zeichneten sich durch nahezu identischem Salzgehalt aus. Ihr habe es die Seezungenpassage so angetan, sagt sie, in meinem schönsten Buch, wie sie findet, all meine Bücher seien toll; der Text, den sie meint, befände sich auf der drittletzten Seite. Sie holt das Buch hinter dem Rücken hervor, in dem die besagte Stelle mit einem Lesezeichen markiert ist. Sie steht und hält für eine Weile die Luft an, senkt den Kopf, schlägt die Augenlider nieder, legt, ohne aus dem Buch abzulesen, wie ein Schulmädchen beim Text-auswendig-Aufsagen los: Für mich allein eine Seezunge bereiten, kann ich nicht, es nimmt mich zu stark gegen die hungernde Menschheit ein. Anders verhielte es sich, sollte je eine Frau daherkommen, mir eine Seezunge manierlich zubereiten. Ich höhnte meine weltenhungrige Engstirnigkeit. Ich ließe meinen Gaumen sich hoch erfreuen. Aus innigem Fühlen hervor belobigte ich die Seezungenzubereiterin wie meine leibliche Mutter nie. Ihr Mann, der Pressesprecher, steht in der Küche, klatscht leisen Beifall, lobt den fehlerfrei gesprochenen Vortrag. Die Frau jauchzt in sich hinein, öffnet die Augen, zeigt Mühe, sich in ihrer Küche zu orientieren, wirkt durch den Vortrag verwirrt, sagt, sie sei so froh und stolz, diejenige Person gewesen sein zu dürfen, welche mir Seezunge dargebracht hätte. Ich solle mir einen Ruck geben, den Pressesprecher hier und heute beauftragen, die Mutter für mich ausfindig zu machen. Vorname, Nachname, irgendeine dritte Angabe reichten völlig hin. Es muss doch vorwärtsgehen, sagt sie, hakt mich unter, führt mich ins große Zimmer zurück, wo der dicke Dichter den Minister im Stehen bespricht, ihm erklärt, wie viel besser und weise von ihm gehandelt es sei, die Tochter ein Studium in Amerika beginnen zu lassen, weil Amerika ein wundervolles Land sei, er am liebsten in Amerika leben würde, wenn er es sich leisten könnte. Kein Mensch kann über sein Temperament hinweg. Die ganze Situation ist entschieden peinlich. Ich bin abwesend anwesend. Mich stört die glitschige Ergebenheit, dieses Zum-Munde-Reden nicht weiter, ich will raus und finde bei einem Erfolgsautor, der nach dem Essen losmuss, weil er, wie er sagt, mit einem Stück am großen Theater der Stadt Premiere habe, Mitfahrgelegenheit. Wir sausen auf seinem Motorrad in Richtung Stadtzentrum. Er setzt mich bei mir zu Hause ab, wo ich nicht zur Ruhe komme, keinen Schlaf finde und frühmorgens die angegebene Nummer wähle, die Frau des Pressesprechers prompt an der Strippe habe, wie man so sagt, die mich augenblicklich mit ihrem Mann ins Büro des Verteidigungsministers verbindet, der Freude darüber ausdrückt, wie rasch ich mich in der Angelegenheit gemeldet habe. Er wolle mir bei meiner Mutterfindung behilflich werden. Ich sage den Vornamen und den Nachnamen der Mutter, gebe als weiteres Detail das Wort Rose an. Mehr hat auf dem Schmierzettel aus dem Nachlass der Adoptionseltern nicht gestanden. Wir lebten heutzutage im Zeichen der Drei, jubelt der Pressesprecher am anderen Ende der Leitung. Drei Dinge brauchte es für den großen Personalcomputer. Der dreibeinige Stuhl kippe nicht. Drei Gliedmaßen brächte der Bergsteiger fest am Berg unter, sagt er blumig, wohl um einem schreibenden Menschen wie mir zu imponieren, um mit der vierten, freien Gliedmaße den Gipfel zu stürmen. Her also mit dem wenigen Wissen und ab damit in die Suchmaschine, alles ihr zum Fraß vorgeworfen und schon kann ein Geheimnis nicht länger ein Geheimnis bleiben, die Mutter werde sich nicht vor dem Sohn ins sichere Grab retten. Ich sitze den Tag darauf am Faxgerät. Pünktlich um neun Uhr setzt sich das Faxgerät in Bewegung, spuckt etliche Seiten aus, in denen ich zum einen Kenntnis darüber erhalte, wohin sich meine Mutter verkrochen hat, zum anderen eine mobile Telefonnummer mitgeteilt und zu lesen bekomme, dass die Mutter keinen Festanschluss besitzt. Ich speichere die Nummer unterm Stichwort MUTTER in das Register meines mobilen Telefons und unternehme daraufhin drei lange Jahre nichts weiter, als mich in der festen Gewissheit zu wähnen, nach fünf Jahrzehnten Trennungsphase jederzeit aufbrechen und bei der Mutter auftauchen zu können. Ich nehme es mir vor und verwerfe den Gedanken wieder und wieder, um mich zu beschwören, fünfzig Jahre hindurch hat es des Sohnes nicht bedurft, es gibt keinen nennenswerten Grund, nach solch einer elenden Zeitspanne in Hektik zu verfallen.