VOR DIESER REISE liegen andere Reisen. Ich bin sechsunddreißig Jahre. Ich fahre nach Nienhagen, das Heim ansehen, um das Haus herumgehen, das drei Jahre lang meine Heimstatt war. Wie bekannt mir nach dreißig Jahren das Haus vorkommt und zum Heim das Tor, die Gartenpforte, die da ein Dasein gefristet hat zwischen zwei krummen Pfeilern, leicht schief gen Himmel gerichtet, in trostlos rostigen Verankerungen. Rechts und links faustdicke Lücken, durch die Katze und Hund mühelos hindurchschlüpfen. Die Hecken weiß ich leicht mit Schneepulver bestäubt, oder es handelte sich um eine Weißdornhecke.
Es gibt keine Stunde Null. Kein Tag lässt sich bestimmen. Es ist keine Zeit für Chronologie. Ich lüge, wenn ich die Reise zu Mutter als wichtigste Reise meines Lebens nenne. Ich spreche wahr, wenn ich die Reise nach fünfzig Jahren Trennung als gewagt und niederschmetternd für mich bezeichne, weil ich mir vom Besuch bei der Mutter keinerlei Linderung erwarten darf. Ich hätte fliehen können, nachdem ich das halbe Jahr ausgebildet worden bin, Fluchten zu verhindern, an der Grenze Wache zu schieben, im Frühtau vallera, grün schimmern wie Smaragde alle Höhen, vallera, wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen noch ehe im Tale die Hähne krähen, ihr alten und hochweisen Leut, vallera, ihr denkt wohl wir wären nicht gescheit, vallera, in dieser herrlichen Frühlingszeit, wir sind hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen, kommt mit und versucht es doch auch einmal. Auf der Rundreise von Heim zu Heim und zu den Stätten meiner Frühgeschichte wandle ich über den fußschmalen Weg am Sportplatz vorbei zum Waldstreifen hin, durch das Wäldchen genannte Teilstück zur Steilküste, um an meiner Stelle wieder am Geländer die breiten Stufen der Treppe zum Strand hinabzugehen, von dort bis an meine Lieblingsstelle, meinen Aussichtsturm, meinen früheren Ausruhpfosten, um die Einsamkeit von damals auszuleben, in die es mich immer wieder gelockt hat. Jahre später sitze ich also wieder mit dem Rücken gegen den Pfosten gelehnt, suche mit dem Herzen herauszufinden, was ich wohl gefühlt haben mag. Der Wind ist lange Zeit meine Mutter. Der Wind wischt mir die Tränen fort. Der Regen ist eine Zeit lang meine Mutter. Regen nässt mein Haar. Die Wellen der Ostsee sind meine Mutter. Die Wellen wiegen meine Gedanken. Ich halte mich an meinen Schwimmreifen geklammert über Wasser. Die Sonne ist meine Mutter. Der kalte Mond am Himmel ist meine Mutter. Zur Nacht ist die rabenschwarze Nacht lang meine Mutter.
ICH BIN AN DER OSTSEEKÜSTE, mache lange Spaziergänge, denke nach, und ich erinnere mich nach Jahren der Abkehr im Grunde an keine Herkunft, wie ich zwar die Namen der Orte zu benennen weiß, aber nirgends zu Hause bin, keine Heimat habe, mich den Leuten nicht zugehörig fühle, den Menschen gegenüber fern bleibe, mich von den Leuten nie entfernen konnte, weil sie mir nicht nahe waren, sie mich der Bestimmung überlassen haben.
Ich stehe auf dem Hügel. Ich sehe über Landschaft. Alles was vor mir ausliegt, ist gut einsehbar. Nichts ist abstoßend zu nennen. Ich bin zurück. Ich verweile an den Orten, die früher zu mir und meinem Leben gehörten. Niemand außer mir weiß davon, weiß, was ich fühle, wie ich empfinde, wenn ich vor einem Haus stehe, in eine Straße gehe, an einem Zaun stehen bleibe und etwas mit der Hand berühre, was es für mich zu schätzen gibt, in der mir fremd gebliebenen Heimstatt. Ich gehe Wege und fühle mich der Region wieder verbunden. Die Heimleiterin könnte gestorben sein. Die Köchin liegt längst begraben wie auch meine Adoptionseltern.
ES REGNET. Es gibt Schwierigkeiten mit den Scheibenwischern. Ich halte an, verlasse das Gefährt, fummle an den Scheibenwischern, lasse sie zwei-, dreimal gegen die Scheibe klatschen, sitze wieder hinterm Lenkrad und freue mich, dass sie wieder funktionieren. Die Adoptionseltern sind gestorben. Ich bin mir meiner Einsamkeit auf Erden bewusst. Ich bin so allein wie nie in meinem Leben und zu der Frau unterwegs, die nie meine Mutter war, aber doch meine leibliche Mutter ist, mich geboren, mich verworfen hat, alles begonnen, alles ausgetragen, alles beendet, mich ausgelöscht und nie mehr ausgelöst hat, mich in diese Einsamkeit hineingestoßen hat, dieses tiefe Loch, das meine lebenslange Grube ist. Ich bin auf dem Rastplatz nahe der Autobahn. Ich trockne irgendwo die Hände an dem Papier aus dem Papierspender neben dem Waschbecken, ziehe mit dem feuchten Finger die Augenbrauen nach. Ich gehe zur Toilette hinaus. Ich sitze im Wagen. Ich weiß wieder, dass es mir eine Zeit lang unmöglich gewesen ist, schwimmen zu gehen. Ich sah die Haut mit Muttermalen übersät. Zeichen leuchteten auf. Zeichen brennen heute wieder, wenn ich die Erinnerung belebe. Muttermale blühen auf und nehmen rapide an Zahl zu, wenn die Haut mit Wasser in Berührung kommt. Fruchtwasser. Brandblasen. Fruchtblase. Löschwasser, denke ich, sehe mich im Heim in der Badewanne. Zum Glück bin ich allein. Zum Glück bekommt niemand etwas mit. Zum Glück sieht außer mir niemand die Muttermale blühen und zahlreicher werden. Sie erscheinen und breiten sich aus. Sie rücken auf meiner Haut dichter zusammen, bilden Gruppen, rudeln, flirren bis meine Haut ein Himmel ist aus Muttermalen. Wie Sterne leuchten, sehe ich mich in eine von geheimer Wasserzeichenschrift beschriebene, mir zunehmend fremder werdende Haut gepfropft.