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Ich stecke in einer Haut, die mich von innen her beschriftet. Mit Botschaften überzogen sehe ich mich, die einzig von der Mutter stammen können. Die Mutter schreibt an mich. Sie schreibt aus mir hervor. Ich fürchte die Schrift, weil ich die Mutter in ihr nicht erkenne, von der Mutter auch nichts weiß; die mir unter die Haut gefahren ist und nun versucht, als Schrift durch die Haut zu mir aufzubrechen. Ich sitze steif am Rand des Strandes. Den Kopf gesenkt, als suchte ich etwas im Sand vor mir. Man lässt mich sein, wie ich momentan bin. Von der Gruppe entfernt, wünsche ich in dem Moment, mir könnte die alte Haut abgestreift und eine neue Haut über den Leib gestülpt werden. Eine frische, frohe Haut. Eine Hülle ohne die quälenden Male. Notfalls hautfrei leben, von Muttermalen verschont. Und plötzlich sehe ich mich als wasserscheuen Menschen, der den Leuten allzu oft rätselhaft ist. An der Ostsee groß geworden, drängt es mich an heißen Tagen nicht zu schwimmen, den Körper im Wasser abzukühlen. Die Liebste hat längst aufgegeben, mit mir in einer Badewanne zusammen sein zu wollen. Ich gehe nicht an Strände. Ich gehe nicht in Hallenbäder. Ich meide Demonstrationen, bei denen man mich mit Wasser bewirft. Ich meide Regen. Ich steige mit anderen Menschen in kein Wasser hinein. Ich dusche nur daheim, wenn ich mich allein weiß. Ich meide jeden Wasserstrahl. Ich schließe mich ins Badezimmer ein. Ich gehe angekleidet hinein und komme vollständig angekleidet wieder heraus. Es ist mein Geheimnis. Es geht niemanden an, was mit mir im Badezimmer geschieht.

ICH ERLEBE DEN ERSTEN SCHÖNEN SOMMER. Ich bin nackt. Es kommt ein Gewitter auf. Ich stehe im Regen. Ich schaue zu den dunklen Wolken hinauf. Ich sehe die Regentropfen bedrohlich auf mich zu rasen. Regentropfen klatschen in mein Gesicht. Ich erlebe das schlagende Glück. Kleine stupsende Ohrfeigen erquicken mich. Ich bebe. Ich verliere Körperwärme. Ich zittere und halte die Hände gen Himmel, will alle Regentropfen greifen, sie in meinen Handschalen sammeln, wie kleine Perlen in meiner Hand halten. Schaut euch dieses Kind wieder an. Was mit ihm ist. Sie holen mich heim. Ich sehe mich gegen meinen Widerstand ins Heim geführt, in die Wanne gesteckt, abgenibbelt, ins Bett gewickelt; und verwundere mich, sehe, was andere nicht an mir sehen. Dass ich von Muttermalen übersät bin. Dass meine Haut wie eine Blumenwiese dunkelviolett erblüht, eine Muttermalwiese ist. Alles kommt vom Wasser her, denke ich. Und also will das Kind unter keine Wasserdusche mehr kommen. Also wehrt sich das Kind mit Händen und Füßen, von der Mutter verschandelt. Führt sich hysterisch auf, der unsichtbaren Male wegen, die schmerzen, wo sie erscheinen, böse Male sind, mir die Haut von innen her verbrennen. Eine tödliche Weide, ein brennendes Hautfeld.

Wissenschaftler des Kings College in London haben zweitausend Zwillingspaare untersucht, die Länge der Chromosomenenden (Telomere) mit der Anzahl der Leberflecke verglichen und je nach Anzahl der Flecken die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, wobei nach der Auswertung die Gruppe mit mehr als hundert Leberflecken auch die längeren Telomere aufwies als die Gruppe mit weniger als fünfundzwanzig Leberflecken. Telomere bilden die Endstücke von Chromosomen. Mit zunehmendem Alter verkürzen sie sich parallel zu den durchlebten Zellteilungen; je mehr Zellteilungen, desto kürzer sind die Telomere, je kürzer sie sind, desto älter die Zelle und damit auch der Mensch. Telomere sind wie Endstücke von Schnürsenkeln, die verhindern, dass die Chromosomenschnüre ausfransen. Je mehr Leberflecke ein Mensch auf seiner Haut versammelt, desto weniger kann ihm der Alterungsprozess was anhaben, umso intensiver wird er dem Tod widerstehen, wenn er Glück hat, wird er deutlich langsamer als andere Menschen altern. Ich will die Flecken auf meiner Haut, die sich unter Wasser bilden und an Zahl zunehmen, nicht. Die Heimerzieherin singt scherzend: Ich fand das ganz große Glück mit dir im Zug nach Osnabrück, Wir fingen an zu schmusen, beim Halt in Leverkusen, dein süßes Muttermal, fand ich in Wuppertal. Ich fühle Bienen unter meiner Haut. Ich spüre wieder dieses Flirren in der Luft und das Flirren von tief innen her. Der Körper, zur Muttermalwabe gewandelt, ein gutartiger Hauttumor, der aus Blutkapillaren bestehend, verschieden gefärbt, je nachdem, ob die Kapillaren arterielles oder venöses Blut führen. Ungefährlich nie, diese Feuermale. Gezielte Behandlungsmethoden, die man je nach Art und Lage des Fleckes anwendet, sind elektrische Verschorfung, Radium in geringer Dosierung, Unterkühlung mit Kohlendioxid und die Entfernung durch herkömmliche Chirurgie oder mit Laser. Ich werde den Gedanken nicht los, dass ich ein Wespennest bin und Wespen zu meinen Offnungen ein und aus fliegen, in mir über Generationen lebend, sich ausbreitend, mir von innen her die Haut beengend. Meine Haut, die nicht die Haut des Kindes ist, das sich seiner Mutterhaut sicher sein kann, sondern eine auferlegte, fremde Haut, als Ersatz für die Mutterhaut, die mir abgezogen worden ist, und in tausend Fetzen zerfiel. Nichts anderes als Transplantation ging mit mir vonstatten, als die Adoptionseltern mich als ihren Ersatzsohn auserkoren, mich in ihr Haus und Leben versetzten. Transplantation. Verpflanzung von Gewebe oder Organen, von einem Lebewesen zum anderen. Herz, Leber, Niere, Knochenmark, Hornhaut, Auge, Bauchspeicheldrüse und Haut. Was transplantiert werden kann, wird verpflanzt. Warum nicht die Krönung? Warum nicht einen Menschen wie Herz und Lunge gemeinsam in eine kinderlose Beziehung transplantieren? Der Patient überlebt, wenn das Kind den neuen Eltern gefällt. Das Kind kann sich nicht beklagen und Einspruch dagegen geltend machen, dass man es verpflanzt hat. Die Verpflanzung der Bauchspeicheldrüse nutzt Personen mit Diabetes. Knochenmark transplantiert man bei Krebserkrankungen und Leukämie. All diese Eingriffe sind mittlerweile medizinische Routine und verlaufen bis zu einem gewissen Grad erfolgreich. Man kann sich auf schwierige Operationen spezialisieren, wie im französischen Lyon, wo man erfolgreich eine Hand samt einem Teil des Unterarmes transplantiert hat. Drei Jahre später wird dem Patient auf dessen Wunsch hin die transplantierte Hand wieder abgenommen, weil ihm die neue Hand seelische Qualen bereitete, er sich wegen ihr zur Einnahme von Immunsuppressiva gezwungen sah und es zu Belastungen kam. Ich bin das Organ bei der Transplantation, nach dessen Befindlichkeit und Immunsystem nicht gefragt wurde. Und natürlich wurde mit dem ersten Tag der Adoption eine Abwehrreaktion ausgelöst. Man hat versucht, die Symptome zu unterdrücken. Man hat sich zielstrebig gegen die Natur des Kindes verwendet. Ich bin durch die Unterdrückung meiner Persönlichkeit als Transplantationsobjekt die ganze Adoption lang anfällig für Infektionskrankheiten. Die Adoption folgt der sogenannte Graft-versus-host-Reaktion. Transplantat gegen Wirt. Die Adoption hätte abgebrochen und verhindert werden müssen, als ich mich zu meinen Ungunsten veränderte, für keine Lockung mehr empfänglich zu machen war. Es wäre keine weitere Abstoßung zu erwarten gewesen, wenn man mich aus der Adoption genommen und ins Heim zurückgebracht hätte. Ich bin ein gebrandmarktes Kind, stecke in einer Brandhülle und entwickle während meiner Adoptionszeit spezielle Absonderungen und Substanzen, die meiner Brandhaut genehm sind. Dieser Haut, in die ich gezwungen wurde, in der ich stecke, die schmerzt und nach Linderung schreit.