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Ich bin am Strand meiner Kindertage unterwegs, spreche mit angeschwemmten Hölzern, abgetriebenen, angetriebenen Flaschen, denke mir zu textilen Fetzen wie dem an Land geworfenen Jackenärmel fantastische Geschichten aus. Ich sitze an meinem Meer, sitze ihm in gebührender Entfernung gegenüber, schaue dem Treiben der Wellen zu und spüre den Tidenhub meiner Seele. Höhen. Differenzen. Wasserzwischenstände. Niedrigpegel. Hochwassergefahr. Bewegungen. Gezeiten. Ich fühle mich wie der Armlose, der den weggeschnittenen Arm als Phantomschmerz spürt und der seinen verlorenen Arm so täuschend echt wahrnimmt, dass er ihn hebt und mit der fehlenden Hand nach einer Sache greift, die er nicht zu fassen bekommen wird. Ich setze mich den Anziehungskräften zwischen Erde, Mond und Sonne aus und bilde mir ein, Bestandteil des Universums zu sein, überdurchschnittlichen Kräften ausgesetzt. Das Wasser steigt unmerklich. Flut zieht auf. Wasser fällt und leitet die Ebbe ein, das Auf und Ab des Wassers, durch mich bestimmt wie der volle und der neue Mond. Ich spüre mein Wirken bis in meine Fingerspitzen. Ich sitze im Sand am Boden. Meine unheimlichen Kräfte lähmen mich. Ich möchte wie jeder normale Mensch nicht Gezeiten spüren. Es treibt mich aus meinen Verhältnissen ans Meer, in den Sturm, zu den Böen. Ich kann gar nichts dagegen tun. Ich muss die Stadt verlassen, dem Meer gegenübertreten und meine Tidenhubschübe auf mich wirken lassen. Immer um die gleiche Zeit. Immer in denselben Wochen der Monate Februar und November treibt es mich an fremdländische Küsten, wo ich mich den Gezeiten ausliefere, mit Gezeitenspitzenwerten von bis zu fünf Metern. Das Meer, auf das ich sehe, arbeitet unverdrossen gegen die glitschigen, ins Meer einfahrenden Bunen an. Mich ergreift heftiges Kribbeln. Ich mag Irland, weil der Tidenhub dort groß ist. Ich folge dem irischen Tidenhubsog. Ich entkleide mich, wenn es so weit ist, und stehe nackt im irischen Wasser, um die Schübe die Beine empor zu verfolgen. Ich gehe tiefer ins Wasser hinein. Ich lege mein Kinn auf die Wasseroberfläche, um mit der Kinnspitze die Tidenhubspitzen zu empfinden, mich dem Tidenhubgefühl ungehindert auszusetzen. Ich möchte im irischen Wasser stehend sterben. Ich bin immer kurz davor, mich zu ertränken. Etwas bewahrt mich vor diesem freiwilligen Tod, reißt mich los und zurück in die Wirklichkeit, kehrt mich um, kleidet mich an, rubbelt und scheuert mir meine Glieder, den zitternden Leib, der mich rüttelt und schüttelt, bis ins Mark erschüttert, mich antreibt, Laufstrecken zu absolvieren, entlang der Strände vor mir, um zu rennen, bis der Schweiß so aus mir herausbricht, ich mich fallen lassen kann, flach liege, glücklich bin wie nach einem überstandenen Fiebertraum. Das Meer auf Meeresspiegelhöhe erleben. Bei den Steinen sein. Im kalten feuchten Sand. Die Hände tief in diesen Sand graben. Das traurig-schöne Gefühl von absoluter Verlassenheit erlangen, das mich an einem Strand ergreift, zu haltlosen Tränen hinreißt, kaum dass ich mit meinem Körper kaltfeuchten Sand berühre; wieder der kleine Junge von damals sein. Ich gerate in die Waisenvergangenheit zurück. Ich kann einem Seehund gleich heulen und mich verlachen und leise murmeln, lallen, singen, rauslassen, was mich innerlich bewegt: Zu den Steinen stehen, die wie du Gefangene sind auf sandig-gelbem Grund, unterhalb der Uferböschung, den Blick gen Himmel, immerfort, auf dem Kippelrand der Steilküste, mit meinen beiden kindlichen Augen, um Jahre gealtert, ein Bruder mir.

ICH HABE DEN SICHEREN SCHREIBTISCH VERLASSEN, um mich auf den Weg zur Mutter zu machen, in das Erinnern. Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach, es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan? Dahin, dahin möcht ich ziehn. Das Haus Sonne steht in meinen Tagträumen in allmorgendlicher Frühe. Lichte Helle ist. Die Erinnerung mahnt an, dass es eventuell gar nicht geschneit hat, Pflanzenflaum von den hinter dem Haus stehenden hohen Pappeln durch die Lüfte geweht worden ist wie in Fellinis Film Amarcord, gedreht in Fellinis Heimatstadt Rimini. Amarcord heißt ja zu Deutsch auch nichts weiter als: Ich erinnere mich. Ich erinnere mich heißt amarcord. Ich bin das Kind aus dem Mutternichts, bin ein Dschungelkind. Ich sehe immer die Haustür des Kinderheims in Nienhagen, die Tür, durch die Generationen von Kindern ins Kinderheim hineingegangen und hinausgegangen sind. Die Tür ist nicht mehr. Sie ist zugemauert worden. Du kannst sie anhand schwacher Konturen nachempfinden. Das wird entdecken, wer sich auskennt, wer die Tür hinter den drei Stufen zu ihr hinaufgestiegen ist. Das Kinderheim, in dem ich vom vierten bis zum siebten Lebensjahr lebte, ist inzwischen ein renoviertes, sandig-gelb angepinseltes Haus geworden, das sich neben der Landstraße, die weiterhin hinausführt aus dem kleinen Ort, oder von außen kommend in den Ort hinein, an der gleichen Stelle befindet. Ich saß so oft am Fenster, blickte vom Fenster aus auf das Stück Feld, auf Getreideschnee, Maisschnee, Schneerüben, Schnee. Dem Feld schließt sich der Wald an, den ich als Bühne der Schatten erinnere. Die Bäume ragen blattlos, nackt. Grau und glatt sind die Stämme der Buchen. Hochaufgewachsen, verzweigen sich ihre Aste erst vorm möglichen Kontakt mit dem Himmel. Mir ist in dem Waldstück Absonderliches zugestoßen. Wir sammeln Pilze, sagt die Erinnerung. Doch der Wald ist zu hell, zu trocken, zu sehr von Wind durchweht, als dass in ihm Pilze gedeihen könnten. Der Boden ist kein Pilzboden, sagt die Vernunft. Wenn wir nicht Pilze suchten, werden wir nach Bucheckern Ausschau gehalten haben. Für die Wintertiere, im dichten Wald, die Hunger leiden, wenn Schnee über das Gras gewachsen ist.

Nach Jahren stehe ich vor dem Haus, zu dem das Haus der Erinnerung geworden ist, und sehe es, wie es in meiner Erinnerung war. Ich rede mit keinen anderen Tieren als den Vögeln. Die Katzen des Heimes sind mir egal. Ich gehe Hunden aus dem Weg, seit der dreibeinige Hund sich mir gegenüber so erbärmlich aufgeführt hat, die Mädchen gegen mich stimmte, von ihnen getröstet wurde, mich in Schadenfreude und Gehässigkeit angeguckt, ja gemein über mich triumphiert hat. Schmetterlinge erblicke ich. Kohlweißlinge, die mich in Spannung versetzten, denen ich nachlief, sie unendliche Male vergeblich einzufangen versucht habe. Kohlweißlinge, von denen ich später erst als Adoptionskind ein Exemplar auf der Wiese neben dem Haus greifen kann und an ihm miterleben muss, wie sich Staub von seinen Flügeln löst. Staub, der in meiner Handschale liegen bleibt, wie der Kohlweißling durchsichtig wird, hilflos flatternd. All seiner vorherigen Eleganz beraubt, taumelt er, sinkt nieder, ist nicht mehr zum Flügelschlagflug zu überreden, wie oft ich ihn mir auch schnappe und ihn aufwerfe, er stürzt immer wieder ab, weshalb ich ihn wütend zertrete.

Die Pforte? Sie steht für mich noch. Die Hecke ist nicht viel höher gewachsen, nur etwas dichter geworden. Der Plattenweg führt weiterhin auf drei Stufen zu, vor denen ich an dem besagten ersten Tag mit dem Ledermantelmann gestanden habe. Ich habe mich schriftlich angemeldet. Die Heimleiterin lässt mich ein. Ich gehe die Flure entlang. Man öffnet mir sämtliche Türen. Ich steige Treppenstufen empor. Ich kann mich täuschen, weiß nicht zu unterscheiden und habe nicht die Kraft, dagegen etwas zu unternehmen. Ich höre Schreie. Ich sehe Kinder wuseln. Sie sind in den Räumen, die in Wirklichkeit längst leer sind. Ich sehe Kinder hinterm Haus im Garten spielen, wo keine Kinder sind. Die enge Treppe, die ich mit den beiden Mädchen vor Jahrzehnten so oft bewältigt habe, ist eng und steil, und doch sehe ich mich und die Mädchen sie erklimmen, ohne auf die zwei Betrachter zu achten. Mich schwindelt. Ich muss mich an Wand und Geländer halten. Ich gelange in das Zimmer, das die Mädchen mit mir geteilt haben, und muss endlich Klarheit haben, die Heimleiterin fragen, wie ich ihres Wissens nach ins Heim gebracht worden bin. Limousine oder Motorrad? Sie antwortet prompt, sie wisse von keiner Limousine, keinem Motorrad. Die Kinder wurden mit dem Linienbus gebracht, von einer Kollegin am Abfahrtsort in den Bus gesetzt, von ihr oder einer Kollegin hier am Bus abgeholt.