WENN ICH MICH ERINNERE, falle ich auf mich herein. Die Erinnerung ist eine Trickbetrügerin. Die Erinnerung behauptet, ich wäre von der lieben Sonne täglich in meinem Kinderheimbettchen geweckt worden. Klar und hell sind die durch die Erinnerung erinnerten Morgende. Die Fensterflügel stehen weit offen, ein mit Sonnenlicht ausgefüllter Raum ist das Heim. Die anderen Kinder schlafen. Die Sonne kommt an mein Bett gekrochen. Die Sonne kitzelt mir die Stirn, die Nase, Haar und Ohr, dass ich wach werde und aufstehe, die anderen Kinder aufwecke.
Nach meinem Besuch bei der ehemaligen Heimerzieherin ist meine Sonne zerfetzt, wie Zuckerwatte auseinandergerissen. Nach über vier Jahrzehnten zerstört die Heimleiterin die von mir gehegte Mär von einem Sonnenfenster. Ich akzeptiere. Ich nehme hin. Gedacht, ersonnen, zerfasert, zerbrochen. In Splitter gehauen der Spiegel, in dem ich mich als das von der Sonne beschienene Kind sah. Einbildung, in mutterloser Düsternis erzeugt, mich zu wärmen. Der eingebildete Mantel, der das Kind hüllt und schützt, nichts weiter als eine mutterfeste Ersatzdecke. Mein Vater ist Bergmann und ich bin sein Sohn, mit Kummer und Sorgen werd ich groß, als Knabe musst ich unter die Erd fahren mit Wagen und Pferd, fahren mit Wagen und Pferd. Und eines Tages, da hat es gekracht, ich hörte ein Wimmern tief unten im Schacht, ich kannte die Stimme, die Hilfe geschrien, mein Vater, mein Vater, da brachten sie ihn, von Steinen zerschmettert, lag tot auf der Bahr, die Knappen senkten ins Grab ihn hinein, oh welch ein Kummer, Bergmann zu sein. Wissenschaftler nennen den Vorgang Spleißen. Die fehlerhafte Erinnerung ist durch Hirnspleißen zu erklären. Das irrtümliche Stück Erinnerung gehört ausgeschnitten, entfernt und verworfen. Das Bett, von dem ich meinte, ich hätte in ihm unterhalb des Fensters gelegen, wird angepackt und quer durch das erinnerte Zimmerchen verrückt. Ich bin nicht das von Sonnenlicht geweckte Kind. Es gibt kein Sonnenfenster für mich. Das wahre Bett steht neben der Tür. Die Tür führt zum Flur hinaus. Rechts neben der Tür ist ein Lichtschalter. Man kann den Lichtschalter betätigen. Mein Lichtschalter sorgt für elektrischen Strom, umgewandelt zu Licht. Die Birne hängt von der Decke herab. Birnenstrahl ist kein Sonnenlicht, eine Deckenlampe geht nicht auf und nicht unter, sondern an und aus, wenn das Kind den Schalter betätigt. Ich bin das Kind am Lichtschalter. Die von mir erinnerte Sonne im von mir erinnerten Kinderheim ist nicht die Sonne, die wir Menschen kennen und schätzen, ist eine Glühbirne, die wir zum Glühen bringen, werden wir wach. Ich schalte den Lichtschalter an, aus. Was für ein nerviger Geselle du gewesen bist, wenn es um den Lichtschalter ging, sagt die Heimleiterin. Kein anderer durfte an deinen Lichtschalter ran. Benommen hast du dich, unbeschreiblich, kam eines der Kinder in die Nähe. Steif bis zur Zehe, sämtliche Gliedmaßen angelegt, ein einziger Aufschrei, standest du im Bett, eine schreiende Säule. Für einen, der sonst so mickrig war, dürr und großköpfig, wie sie mich erinnert, eine sensationelle Wandlung hin vom Spinnenkind zur Sirene. Und die zwei Mädchen viele Seiten Rosa und Lena von mir genannt, heißen in Wirklichkeit Birgit und Kerstin. Ich fliehe das Haus. Ich trete auf den Baum zu, den ich als Kind mit meinem Dreirad umrundet habe, wenn dem so war, wenn mir die Erinnerung nicht auch in diesem Fall Lug vorgegaukelt hat, ich dagestanden bin und mir sehnlichst gewünscht habe, ein Dreirad zu besitzen.
VON DER MUTTER VERSTOSSEN, bin ich nirgends daheim, von einem Heim zum anderen verbracht, von Grimmen nach Nienhagen und weiter nach Rerik überführt, wo ich in die Schule ging. Wie eine Ware stets. Wie ein Paket aus Fleisch und Blut werde ich angeliefert. Wohin ich auch komme, mit wem ich rede, von meiner Zeit ist nichts überliefert, nichts eins zu eins nachzuerleben. Die Wege sind ausgebessert, umgeordnet oder verschwunden. Die kleinen Bäume und Hecken sind gewachsen, abgehackt oder weggenommen. Der Garten hinterm Haus ist Rasenfläche, die Hühner- und Kaninchenställe sind abgetragen, hüglige Flächen eingeebnet. Kein Vogel. Kein Vogelhaus. Die unebenen Gehwegsteine, die windschiefe Eingangspforte, verschwunden, alles weggeklotzt, abgetragen. Zerdeppert die drei Treppenstufen, von unzähligen Kinderfüßen getreten, wenn es zum Sammeln vor das Heim ging, wir uns in Gruppe stellen mussten, um an den Strand zu wandern.
Die Vergangenheit ist eine Höhle, in die man einfahren kann wie der Bergmann in den Berg, um in das dunkle Innere zu gelangen. Das Erinnern ist die kleine Taschenlampe im Kopf, die das Vergangene wie eine Märchengrotte zu beleuchten versteht. Mehrstimmig erinnere ich mich. Mehrfarbig leuchtet und strahlt die Vergangenheit, die bei Lichte betrachtet niemals so aufregend anzusehen wäre. Aus der Sicht der vergangenen Tage ist das innere Tönen und Leuchten der Vergangenheit zu erleben. Man muss die vielen leeren und ereignislosen Zwischentage vergessen können. Schon zieht ein murmelnder Sprechgesang auf, tief aus einem hervor, tauchen die sonst nicht zur Wort kommenden, begrabenen, zaghaften Regungen auf, die in einem selbst verborgen bleiben wollen und doch dazu beigetragen haben, die schlimmen Tage zu überstehen. Gesang ertönt, der die wohl größte Errungenschaft in einem menschlichen Dasein darstellt, dessen sich rühmen darf, wer Zugang bekommt zu seinem inneren Tonwerk, mitten hervor aus dem Zentrum aller Einsamkeit.
MIT MEINEM WAGEN AUF DIE GRENZE zwischen Ost- und Westdeutschland zufahrend, weiß ich nicht, warum mir Tränen kommen, ich die Welt vor mir verschwommen sehe, welche unscheinbaren inneren Regungen mich während der Durchfahrt ergreifen. Ich denke Butter, Stulle, Pflaumenmus und ich beginne zu krampfen. Anwandlungen wie von Trauergemüt beeinflusst bemächtigen sich meiner. Ich habe gegen das innere Schluchzen regelrecht anzukämpfen. So allein mit mir und unbeherrscht, wie ich in dem geborgten Wagen in den Westen einreise, auf einer gewöhnlichen Autobahn, ist es mir weniger peinlich, als würden mich Freunde so erleben, für die mein Gefühlsausbruch sicher schwer nachzuvollziehen wäre. Ein Gefühlsausbruch eines Wortes wegen, das Butterblume heißt oder Mutterblume. Ich lebe innere Regungen im Allgemeinen rasch aus, gebe mich meinen Gefühlen nicht haltlos hin und überwinde den Anflug von tieferer Bewegtheit, bevor Tränen eine Chance haben. In diesem konkreten Fall beherrsche ich mich nicht und kriege mich eines Wortgebildes wegen nicht in den Griff, bin dermaßen ergriffen und von innen her geschüttelt wie nie zuvor im Leben, dass ich ohne Gefährdung meines Lebens nicht auf der Straße sein darf, mich nötige, den Wagen rechts ranzufahren, um diesen kritischen Moment durchzustehen. Die Worte wechseln. Es kommt zur Rotation der Worte, die mich reihenweise anfallen und zum Heulen bringen. Butterstulle, Kuhstall, Marzipan, maritim und Tokio sind sonst keine Begriffe, die bei mir Emotionen auslösen. Hier aber denke ich sie nur leicht an und komme aus dem Weinen nicht heraus. Weinen, ausgelöst durch äußere und innere Gemütsbewegungen. Folge von physischen Reizen wie Kälte, Wind, aber auch von Tränengas, das die Tränendrüsen genauso erfolgreich reizt wie die Ausdünstungen der Zwiebelhaut. Reizungen, durch welche salzige Flüssigkeit entsteht, die dem Schutz des Augapfels dient. Es kommt auch durch bloße Umweltreize bedingt zu körperlichen Symptomen, die man Weinen nennt. Alles hebt an mit der ungleichmäßig auftretenden Atmung. Wir beginnen zu schluchzen. Es kommt zur Sekretabsonderung der oberen Atemwege. Wir unterliegen überwältigenden Gefühlen, tiefer Rührung. Es soll Menschen geben, die beim Orgasmus im Wechsel der Gefühle weinen und lachen und dabei in heftig anhaltende Weinkrämpfe und außer Kontrolle geraten.
Und mit einem Mal ist mir nicht nur, als hörte ich Heinz Schwarzer sagen: Wer heult, ist eine Memme. Ich habe Heinz Schwarzer zweimal heulend erlebt. Wie ein Schlosshund hat er geflennt. Das geht niemanden etwas an, hat er zu mir gesagt. Das behält besser jeder schön für sich, wir beide für uns, musste ich ihm auf Ehre und Gewissen in die Hand versprechen. Zu keinem je ein Wort darüber. Ich sehe mich seitdem lebenslang Heinz Schwarzer gegenüber verpflichtet, nie jemanden zu verraten, dem die Tränen kommen, der weint wie Heinz Schwarzer, bis dahin für mich ein emotionsloser Klotz.