Leute überholen mich, schauen zu mir herüber, denken sich ihr Teil. Mitfahrende Kinder drücken ihre Nase an die Autoscheibe, um einen Mann vor seinem Wagen auf dem Boden kauern zu sehen, der traurig ausschaut und haltlos flennt. Sie fragen vielleicht, was der Mann da hat, und fühlen sich ihm verbunden und bekommen dann diesen sehnsuchtsvollen, schweigenden Blick. Ich weine, weil ich mir die Mutter, die ich nicht hatte, erfinden musste. Ich weine, weil ich mich mein Leben lang mit einer Erfindung abgegeben und unterhalten habe, von der ich wusste, dass sie ein Ersatz war für die Mutter, der einer richtigen Mutter nicht standhalten kann.
Die Muttereinbildung ist rothaarig, strohblond, schwarz, gelockt. Sie ist untersetzt oder dürr. Sie ist mal klein oder groß. Wenn es mir gefällt, forme ich sie mir hünenhaft zurecht und setze mich winzig klein daneben. Ich simuliere mir eine Mutter und weiß von ihr, dass sie eine Muttersimulation bleibt. Und doch komme ich recht gut mit ihr zurecht. Für mich ist die erfundene, ausgedachte, den anderen Kindern ferngehaltene Mutter in meinem Kopf eine seelische Krücke innerhalb eines totalitären Systems. Mehr oder weniger widersetzen sich alle Heimkinder der Realität durch die Erfindung einer Mutter, um als ein ausgedachter Anhalter quasi durch die Galaxis der Heimkindjahre zu kommen. Wer sich keine Mutter erfindet, überlebt nicht in der mutterlosen Welt des Heimes. Du kannst die Rituale des Heims nicht überleben, wenn du nicht heimlich eine Mutter im Herzen trägst. Mit einer erfundenen Mutter als Herzschrittmacher dagegen sind die Jahre im Kinderheim besser zu ertragen. Du findest dich mit deiner Erfindung schneller ins Heimleben ein, meisterst die Odyssee im mutterlosen Weltraum besser und erhältst dir ein Stück weit geistige Gesundheit. Die Erfindung bewahrt dich vor Erkrankung. Die erfundene Mutter heilt dich. Sie ernährt das verstoßene Kind, hilft ihm, die Einsamkeit zu durchbrechen, sich ohne Elternschaft zu entwickeln. Ich weine, weil ich ein Leben mit meinem Ersatz verbringen werde und nicht loskommen kann von diesem Mutterersatz, dieser Muttereinbildung, die eine Muttermogelpackung ist, und mich am Leben hält, weil keine Frau der Welt an eine Mutter heranreicht, selbst wenn die Mutter eine Rabenmutter ist und dem Kind nicht zur Verfügung steht. Die Köchin, wie umsichtig und gut sie zu mir war, ist kein Mutterersatz, kommt an eine Mutter nicht heran. Die Tischlerfamilie konnte den Mangel nicht ausgleichen. Ich bleibe in meinen tiefsten, geheimen, inneren Winkeln mit einer ausgedachten Mutter behaftet, weil es die echte Mutter nicht gibt, ich mich durch diesen Umstand gezwungen sehe, sie mir als Einbildung, Nachbildung zu erhalten, dass ich nicht an ihrem Fehlen krepiere, die Lebenslust verliere.
ES BRAUCHT DIE MUTTER NICHT. Es braucht den Vater nicht. Ich redete mit kräftiger Stimme auf mich ein, um mir nicht zu folgen. Denn ich sah die Folgen kommen. Ich spürte die Kraft der Szene. Ich wusste, es würde nicht helfen, ich würde mir nicht zuhören, so tun als ob. Da war längst ein anderer Zwang an die Stelle von Vernunft getreten, der mich lenken würde. Um nicht mit anderen Stimmen reden zu müssen, bildet die Waise innere Stimmen aus, die es braucht, mit sich reden zu können. Das Waisenkind, das die Mutter nicht kennt, wird die Mutter nicht zurückgewinnen. Und doch redet das Waisenkind mit sich im mütterlichen Ton davon, es zu können. Die Waise wird von ihren eigenen, inneren Stimmen dermaßen durcheinandergebracht, dass sie, im Kopf irre, nicht länger die mutterlose Waise sein will und meint, eine Mutter haben zu müssen, weil um sie herum behauptet wird, es sei nicht normal, ohne Vater aufzuwachsen und so gar keine Mutter zu haben.
Der Waise ist in dem Moment, der ein Wahnzustand ist, völlig egal, was eine Rabenmutter ist. Sie will zu dieser Mutter aufbrechen. Sie will unter die Fittiche der Frau, die ihr als Mütterlein bekannt gemacht worden ist. Sie wünscht sich Nähe bei der Person, von der gesagt wird, sie wäre herzensgut und mütterlich. Es geht der Waise in dem Zustand wie all den Chinesen, die alle einmal im Leben nach Schanghai gereist sein müssen. Es geht der Waise wie den verwirrten Amerikanern, die General Custers Schlachtfelder heimsuchen. Die Waise wird den Iren ähnlich, die alle an einem bestimmten Tag den heiligen Berg erklimmen. Die von ihrer inneren Sehnsucht verleitete Waise will in ihrem Lebensbericht den Eintrag vermerken, die imaginäre Mutter wäre erreicht wie ein Gipfel, von dem behauptet wird, es gebe ihn so rein, so gütig, so fern und königlich. Die Waise reflektiert ihr Tun nicht. Sie leidet unter Luftknappheit und ist verwirrt von der mutterlosen Luft um sie herum. Die Waise wird muttersüchtig und kommt damit in die Jahre, wo die verheimlichte Muttersehnsucht bitter wird, zu faulen droht. Und siehe da: Die Waise, die ich bin, hat die Mutter innerlich nie wie angegeben abgehakt. Du hast keine Mutter, hast keinen Vater. Nein, so etwas hast du nicht, höre ich die Heimleiterin zu mir sagen und täte gut daran, ihr Glauben zu schenken, statt mich jetzt auf mein Verderben zuzubewegen. Es ist der schändliche Gebrauch der von mir zuvor nicht in dieser Fülle benutzten Worte. Mutter. Findung. Vater. Heimat. Heim. Seit ich zur Mutter unterwegs bin, führe ich die Begriffe im Munde, die eine Wiedergeburt erleben. Obwohl das Wort Mutter nichts als ein Wort ist ohne die Person dahinter. Ein Wort in meinem Fall für das erdachte Wesen, das ohne eine Seele in sich auskommt, wie eine Seele ohne Aussicht auf Vollendung dem Untergang geweiht ist.
ICH TRAGE DIE Mutternummer mit mir herum wie die vielen anderen Handynummern auch und werde sie so bald nicht anwählen, mich nicht sofort nach Eberbach an den Neckar begeben, sie in ihrem Versteck aufzufinden. Mit der Mutter Tacheles reden, bedeutet mir seit Jahren nicht mehr so viel wie in früheren Zeiten. Es angehen meint, durch eine Zeitscheibe aus Glas springen und alles, was ich als Person bin, bei diesem Sprung zu verstümmeln und zu verlieren. Es ergibt für den mittlerweile gestandenen Mann, der ich geworden bin, so keinen Sinn, nach fünfzig leeren, mutterlosen Jahren die Mutter zu besuchen, die gut über siebzig Jahre alt ist, mich und meine Schwester, Sohn und Tochter in ihrem Leben nicht gebraucht hat. Mein Mutterwissen ist ein gut Ruhekissen. Die vergangenen zehn Jahre bin ich mir abhandengekommen und verschiedenen Lastern verfallen. Ich habe mich eingeigelt, mich von der Welt abgewandt. Ich bin immer seltener im Freien anzutreffen. Ich habe eine Bude ohne Telefonanschluss in einer abseitigen Straße bezogen. Ich hauste, ich sah mir unendlich viele DVDs an, bedudelte mich mit inszeniertem Leben, um nicht mit dem meinen in Berührung zu kommen; dieselben Filme wieder und wieder. Ich aß Tage hindurch nichts, schlief auf dem Teppich, torkelte aufs Klo, mich zu übergeben, was nicht möglich war. So ging das die Jahre zunehmend schlechter und irgendwann steckte ein Zettel im Schlitz der Tür, von einem Freund, der mir behilflich werden wollte, für mich bei einem Verein einen Antrag eingereicht hatte betreffs eines Stipendium und Aufenthaltes, der mich aus der Stadt raus, weit weg aufs Land verfrachten würde. Es ist das Beste für dich, sagte der Freund, als es dann so weit war, man mich genommen hat, allerhöchste Eisenbahn, packte ein paar Habseligkeiten ein, fuhr mich am ersten Februartag zur Stadt hinaus, langte mit mir im Dunklen an, wo wir dann den Ortsplan in Augenschein nahmen, um herauszubekommen, wo das Kuckucksheim lag. Wir entdeckten die Dorfstraße, die Deiche, den Hafen, die Werft und allerlei wie den Fußballplatz, die Deichstöpe. Die Schriftstellerherberge entdeckten wir nicht, sie war nicht auf dem Plan verzeichnet. Es schneite. Uns wurde kalt. Wir riefen die Haushälterin an. Sie sprach mit krächzender Stimme, fragte uns, wieso im Dichterhaus niemand anwesend sei, das Haus verschlossen wäre, wo sie doch strenge Order gegeben habe. Dann kam eine kleine, dünne, knochige Frau mit dem Minifahrrad durch das Schneetreiben geradelt, schlitterte zu uns heran und ein gutes Stück vorbei, weil sie nicht gelernt hat, Rücktritt und Vorderbremse zu betätigen. Verlangsamte das Tempo, stoppte mit ihren beiden Füßen, eine topsichere Technik, wie sie meinte; an den Schnee aber müsse sie sich erst gewöhnen, den habe sie nicht auf ihrem Zettel. Sie hat einen Buttermilchteigkuchen gebacken, der warm vom Blech auf den Tisch kommt. Ich esse. Ich fühle mich gerettet. Die Haushälterin erzählt von nach dem Krieg, der Flucht, als sie sich aus Brennnesseln alles Erdenkliche gezaubert haben. Sie redet vom Reichsbund, dem Wirtschaftswunder, Butterfahrten.