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Den Tag darauf schneit es nicht. Der Freund steigt in sein Auto, fährt in die Stadt zurück. Die Stadt ist weit weg. Für drei Monate bin ich nun in einem Dichterhaus untergebracht. Nach der Zeit kehre ich nicht in die Stadt zurück, sondern ziehe vom Dichterhaus ins Sommerhaus des Hafenmeisters um. Regentropfen fallen auf das Glas des Schrägfensters. Regen treibt mich an zu schreiben. Etliche Varianten, mich schreibend der Mutter zu nähern, entstehen und vergehen im neuen Haus. Ich sitze frierend am Tisch. Was vorhanden ist und länger bleibt als meine vielen Schreibversuche, sind die Geräusche der nahen Werft und der trommelnde Regentropfenfall auf dem Schrägdachfenster. Das Wasser fließt den Fluss abwärts. Ich schreibe mich leer. Es herrscht kein Wetter, wenn du schreibst. Es tritt eine Landschöne in mein Leben, für die ich das Sommerhaus aufgebe, mit der ich eine Weile zusammen bin, bis sie mich aufgibt;

den erfolglosen Schriftsteller gegen einen Bauern mit Hof und Tieren tauscht. Ich ziehe zurück ins Sommerhaus. Der Kern der Pyramiden, heißt es in einem weisen Buch, besteht aus losem Gestein und Sand. Was ursprünglich Ausmaß besessen hat, verwaist und zerfällt. Es wird wieder Winter. Es ist kalt um mich herum. Ich sitze im Sessel, ein Schafpelz zu Füßen. Ich blicke auf den Fluss, das Land hinter dem Flussbogen, die Baumgruppen, Boote, Häuser und den einzelnen, hohen Schornstein, der weithin zu sehen ist. Für diese kleine ländliche Idylle habe ich die große Stadt aufgegeben. Ich fange von Neuem zu schreiben an. Ich gehe nicht nach Berlin zurück, halte gebührenden Abstand zur Stadt, ihrer hoch aufgetürmten Erbärmlichkeit. Besser den ewigen Regen fallen sehen und auf dem Land bleiben, auf die Gerüche und Geräusche bauen. Zur Nacht den Sternenhimmel ansehen, regungslos sein und die enorme Dimension zu erfassen suchen.

Anderer Handlungsort Paris. Filmsequenz. Hauptdarsteller Jack Nicholson. Es ist Nacht in Paris. Nasskalt schaut auch die Leinwand aus. Ein Mann geht über eine Brücke. Pfützen stehen. Die Hände tief in seine Manteltaschen gegraben, steht der Mann am Brückengeländer, schaut über die Seine auf eine Brücke gegenüber. Weit entfernt. Nahe genug ins Bild gerückt. Lichter. Bunte Farbtupfer. Es schneit. Schnee fällt herab. Schneeflocken huschen. Mir stehen kaltfeuchte Tränen im Gesicht. Der Schnee weht aus dem Film, treibt von der Leinwand her in mein Gesicht, berührt meine Wangen, schmilzt, bildet Tropfen, die sich mit meinen Tränen verbinden, abwärtsrollen. Jack Nicholson ist der Mann, der ich bin, und die Seine sieht wie der Neckar aus. Ich bin ans Ufer getreten, mein mutterloses Leben endlich zu überschauen. Ich rede mir Mut zu. Ich erstarke am Leinwandschnee, der flockt so unverbindlich, wie Flocken halt fallen und sich einander nichts angehen.

Am Hafen steht der Kran mit dem abgesenkten Arm. Hat den Kopf auf dem Geländer abgelegt. Der Kran ist schön anzusehen so mit dem gesenkten Haupt, sein Unterbau dem Eiffelturm in Paris ähnlich. Die Seile vibrieren, von Strömungen bewegt, selbst an windstillen Tagen. Ein Mann im roten Overall steht auf einem Gerüst. Das Gerüst besteht aus vier senkrechten Streben. Die Treppe zum Gerüst ist grün angestrichen und mit einem weißen Geländer versehen. Ein zweiter Arbeiter mit einem Kaffeebecher in der Hand durchschreitet/zerschneidet das Bild. Mir ist, als sollte ich nur über den Hafen schreiben, den Kran, der eine Giraffe ist. Ich stehe oft am Giebel, sehe über die Deichkimme auf die Werft, den Fluss, den geknickten Kran und sage mir zum bevorstehenden Muttertreff: eine solche Begegnung, wie ich sie ins Auge fasse, muss eine Sache auf Leben und Tod sein. Ich ließ den Dingen viel zu lange ihren Lauf, begann beliebig zu werden, ein zurückgelassener Hut an einen ausrangierten Garderobenständer gehängt. Jetzt wird es Zeit für mich, dem Lebensende entgegenzugehen, die Mutternndung zu beginnen, die Mutter zu besuchen oder vorzufinden. Die Mutter besuchen meint nicht, zu einem sagenhaften Land unterwegs zu sein. Es geht eher mit mir in einen dunklen Schlauch hinein. Es ist mir dabei, als müsste ich mit bloßer Hand in einen schwarzen Kasten fassen, ohne zu wissen, was in ihm lagert. Man begreift etwas und denkt an Lehm und Schleim. Ich gehe spazieren. Flache Ebenen vor Augen, sehe ich einen Mann, der über Land geht, auf einem Feld arbeitet, so weit wie ich entfernt vom verwirrenden Treiben, den Bahnen, Bussen, Flugschneisen bin, all den Aktivitäten der städtischen Metropolen. Keine Stadt kommt gegen die mächtigen Pflockschläge an, die der Mann erzeugt, der eine Koppelzaunstange nach der anderen in die Erde rammt. Es gibt in keiner Stadt etwas so Nebensächliches zu betrachten wie schwarzbeinige Schafe, die den Deich abgrasen. Kein städtisches Signal wird mir das Geräusch eines pochenden Seils an einem Schiffsmast ersetzen, kein Hochbau kommt gegen den Anblick eines abgelegten Ankers an, der im Hafenareal liegt. Ich reife und ich atme wie unter Schock von den vielen Erinnerungen, die mich befallen. Ich pfeife ein Lied in der Schrebergartenidylle, die man schnell verlassen hat, so handtuchklein, wie das Gelände ist. Ich stakse im Weidenparadies, wo die Kiebitze wie mobile Funktelefone fiepen, wie es die Dichterin Sarah Kirsch herausgefunden hat. Lange, flache, in Wellen gelegte Aufwerfungen von schnurgeraden, kleinen Kanälen zerschnitten, die mitunter so breit werden, dass ich sie nicht überspringen kann und mich damit zu begnügen habe, über die welligen Wiesen den Rückweg anzutreten. Es tapst ein Bauer daher, stellt klar, dass die Äcker, auf denen ich latsche, sein Besitz sind, wie auch die mich umgebenden Felder, Wälder, täglichen Wetter, die Bäume bis nach Moskau und die kiebitzenden Kiebitze auch. Diese Sorte Mensch, auf jedem Klassentreffen der Welt gefürchtet und gemieden. Ausdruck der allgemeinen Gesichtslosigkeit unserer Welt, mit einer gesichtslosen Einheitsfrau und einem Fertigkind zur Seite bestraft, in einem Legoland-Fertigwohnhaus von im Landkaufhaus erworbenen Standardgartenblumen umgeben. Das Leben wie eben von seiner Verpackung befreit. Er rücke ja auch nicht mit seinen Bauernstiefeln in mein Haus ein, erregt sich der Mann über all die Idioten auf seinem Grund und Besitz. Die Zugezogenen. Die unwissenden Wandervögel, Jugendgruppen, die allesamt und ausgerechnet über seinen Acker latschen. Die Dörfler. Die Durchreisenden, Bekannten und Unbekannten. Die Schnauze gestrichen voll habe er. Im Namen der Zukunft, im Namen der Erblast, im Namen von Gut und Böse soll ich zusehen, wo ich bliebe und mich von seinem Acker trollen. Er folgt mir auf seinem Traktor sitzend hinterdrein und steht lange kopfschüttelnd an der Feldrainecke. Am besten wäre es gewesen, er hätte mich totgeschlagen und an den Koppelpfahl gebunden, ein für alle Mal ein Zeichen gesetzt.

ICH LEBE WIE ein Boxer vor seinem Kampf im Trainingscamp, bereite mich auf den Mutterbesuch vor, bin in den Trainingspausen am Hafen, esse Lammfleisch, stemme Muttergedanken wie Hanteln, bin auch mal im Doppelhaus unten am Hafen, wo die Schippersleut hocken. Ehrwürdige Seefahrtsherren, sonntags immer in ihrer alten Seefahrtsrobe gekleidet, die schnasseln, klönen und das Latein der Seebären tauschen. Kapitäne zu Land statt Kapitäne zu Wasser. Waisen der Seefahrt. Auf einer Liege vor einer Wand mit Seefahrtslisten, Kalendern, Fotografien und angegilbten Zeichnungen von Schiffen, eine kreisrunde Uhr, die das Zeitliche nicht mehr bestimmen kann, an einem mit heller Tischdecke bezogenen Tisch. Auf ihm ein Fernglas, zwei Aschenbecher, ein Zettelkasten, ein dreiarmiger Glaskerzenhalter mit himmelblauen Kerzen und diese unübersehbar große Messingglocke. Bier hole ich mir aus dem Kasten an der Tür. Ich stoße aufs Leben an und setze mich, um hier zu schweigen, mich der soliden Stimmung im Raum hinzugeben, die hin und wieder durch den Ruf nach Herbert, von außerhalb der gemütlichen Hütte, gestört wird. Herbert zieht seinen Kopf ein wie vor einem Hammerschlag. Au backe, da ist sie ja. Die Frau ruft ihrem Mann in der Hütte zu, dass sie in der Stube zu Hause auch eine herrliche Sitzgarnitur hätten. Und weg ist Herbert, hinaus und auf seinem Fahrrad, das er wieder nicht abseits, sondern vor dem Eingang abgestellt hat. Fünf Jahre lebe ich auf dem Land, unbehelligt wie in einem Trainingslager auf den einen Moment zu, die Stadt wieder betreten zu können und von ihr aus dann der Mutter entgegengehen.