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Die Mutter weiß das Wort Matrose auf Franzose zu reimen, weiß, was sie vom Engländer, vom Russen und Amerikaner erwarten darf, kennt mit Sicherheit die Extraläden auf den Kasernenhöfen, die Kinos von innen, sieht lustige Zeichentrick- oder Liebesfilme. Die Männer rufen und pfeifen und schnalzen mit ihren Zungen der Muttergöre hinterher, die keine Schönheit ist, nicht einmal das gewisse Etwas präsentiert, aber nahe genug am Hafen wohnt. Am Hafen ist die Zeit für Gefühle knapp. Man lebt von der schnellen Liebe, dem flinken Geschlechtsakt, ausgeführt ohne Flirt und Vorspiel. Es kommt mit den Männern im Hafen zu keinerlei Heimlichkeit. Man muss sie machen lassen, und sie verrichten rasch, wonach ihnen der Sinn steht. Man sieht sich anschließend dafür ausgelöst, mit Dingen beschenkt, die rar sind im Land; für nichts als das Versprechen, beim nächsten Mal wieder pünktlich da zu sein, gleiche Stelle, Uhrzeit. Es sind so viele Männer fern ihrer Heimat am Hafen unterwegs, weit weg von Frau und Kind, wie sie sagen und den Familien, an die sie immerfort denken, zu denen sie zurückwollen, je eher, desto besser. So also wird die Mutter mit dem halben Stück französische Butter, von dem sie sich klugerweise zuvor die Hälfte selber zugeteilt hat, bei der kranken Großmutter vorstellig. Die Großmutter schickt das Mädchen los, die Hälfte der Hälfte beim Händler um die Ecke gegen Mehl einzutauschen. Mehl, das man dann für den Umtausch von Zucker, Zigaretten verwendet. Es gibt die Dinge allesamt, von denen gesagt wird, dass es sie nicht gibt. Die Händler feilschen nicht. Die Leute stehen Schlange. Was kümmert die Vorschrift, Satzung. Es kommt zu Zank und Streit um Geringfügigkeit. Die Kinder adelt ein Kaugummi, ein Stück Bruchschokolade.

Als vergesslich, aber ehrlich erwies sich ein Mann, der eine Geldbörse in einer Telefonzelle in San Francisco gefunden hatte. Als er sie zurückgeben wollte, war der ursprüngliche Besitzer bereits seit vierzig Jahren tot. So gelangte das Paket mit der Brieftasche in die Hände seines Sohnes, der in derselben Polizeistation arbeitet, in der einst auch sein Vater angestellt war, berichtete die örtliche Presse. Der Finder schrieb, er habe die Geldbörse 1951 gefunden. Da er damals unterwegs gewesen sei und keine Zeit hatte, zum Fundbüro zu gehen, habe er sie in seine Tasche gesteckt. Dann habe er einen Unfall gehabt und das Portemonnaie lange vergessen. Nun habe er es wiedergefunden und wolle es endlich zurückgeben. Er ersetzte sogar die sechzig Dollar, die er damals in der Brieftasche gefunden hatte. Der Sohn zeigte sich gerührt über die Ehrlichkeit und darüber, dass er in der Brieftasche einen Ausweis seines Vaters mit einem Bild von 1942 fand.

WAS WÄRE, WENN, denkt es in mir, ich nicht in Heimen, sondern unter schlimmen Umständen bei Muttervater und in der großen Hansestadt herangewachsen wäre, mir Rostock als Unterstand geblieben wäre, die Stadt mir zu Füßen gelegen hätte, ich sie mir Stück um Stück erobert hätte haben können und mit mir geschehen wäre, was mir so nicht vergönnt war? Oft genug habe ich mir ausgemalt, wie anders mein Leben ausgefallen wäre, in meiner, in einer richtigen Familie, mit richtigen Verwandten zur Seite einer Mutter, eines Vaters und echter Geschwister, statt verlassen, den Organen überantwortet, in staatlichen Heimen untergekommen und eben nicht am großen Stadthafen von Rostock aufgewachsen zu sein, wo es weites Flächengelände gibt, hohe Zauneinheiten, Wälle, Absperrungen, Gebäude zu erkunden. Ganz anders als die kleine naturbelassene Bucht, der mickrige Fischereihafen, der mir im Dorf als Schulheimkind und Adoptionsjunge zur Verfügung stand. Wie wäre ich doch viel lieber zwischen den enormen Schuttbergen, Müllhaufen, Kisten und Tonnen aufgewachsen, zuhauf gestapelt, zu hohen, eckigen Türmen, wäre der spielende Abenteuerjunge im Rostocker Hafen gewesen, wo dicke Kabel liegen, die der stärkste Mann der Welt nicht anzuheben vermag, schimmernde Schmierpfützen zu überspringen sind, Rost und Rohre das Material für waghalsigeres Spiel darstellten. Gitter. Schienen. Stränge. Lokomotiven. Schranken, die dich einladen, sich mit ihnen ins Verhältnis zu setzen, deine Kräfte an ihnen zu messen. Mit altmodischen Rollschuhen an meinen Füßen sehe ich mich am langen Kai Fahrt entwickeln und eine recht gute Figur dabei machen. Auf Rollen die gesamte Kindheit hindurch unterwegs sein. Immer wieder am großen Hafen, um mir jeden Tag neuerlich die Neugierlöcher gut zu stopfen. Was für eine tolle Kindheit? Nahe dem Brackwasser, von Schweißerblitzen umrahmt auf dem Bauch liegen und Glaskugeln rollen lassen, um aufzuspringen, loszuwetzen, wenn lautes Hupen von großen Pötten Langweile und Spiel unterbrechen. Gegen das Sonnenlicht blinzeln. Nur Schatten und riesige Schemen der Riesen sehen. Auf die Knie fallen. Auf Knien durch Schmiere und Öl rutschen. Sich einsauen und die Kleidung an rostigen Kanten schlitzen. Sich blaue Flecken, Beulen und Wunden holen. Und die Mutter hätte geschimpft, die Sachen wieder repariert und ausgewaschen.

GEGENÜBER DEM HAUS der Schifffahrt, in der Passage, wo ich das Licht der Welt erblickt haben soll, befindet sich ein städtisches Kino, das mir durch seine von Hand gemalten Plakate in Erinnerung bleibt. Ich bin, wenn ich in Rostock war, stets dorthin gegangen und lange stehen geblieben und habe den Männern zugeschaut, die handgearbeitete Filmplakate anbrachten. Ich bin danach zu dem Haus gegangen, das nie mein Mutterhaus geworden ist. Ich nehme den Fahrstuhl nach hoch oben, wo ich ein Aussichtsfenster weiß, als wäre ich nie fort gewesen. Ich stütze die Ellenbogen auf, richte den Blick hinab auf den städtischen Verkehr, die Lichter, die sich unterhalb als eine rote, gleißende, leuchtende Schlange bewegen, aufeinander zu, aneinander vorbei, voneinander weg. Lichter, die vor den Augen verschwimmen, Mischfarbenmatsch werden. Ampeln, die warnend blinken. Fernes Hupen. Straßenbahnquietschen. Die Symphonie einer verkehrsreichen Innenstadt. Am Schaukasten der Tageszeitung drängen sich die Leute, die für Zeitung kein Geld ausgeben können, nicht aber auf das tägliche Zeitungslesen verzichten wollen. Hälse recken sich. Eine Menschentraube dicht beisammen. Wenn einer sich aus ihr löst, rücken die anderen zusammen. Immer neue Leute drängen von hinten hinzu. Wort für Wort. Zeile für Zeile wird das Blatt gelesen. Man macht sich Notizen, um die Bekanntgabe schwarz auf weiß mit sich zu tragen. Man redet wild und heftig gegeneinander, wenn da was nicht klar ist. Jemand schimpft, wird bestätigt. Jemand lacht, wird abgelehnt und für irre erklärt. Vom Markt her ist eine Stimme zu vernehmen. Um die Stimme lauter menschliche Rückenansichten, zum Kreis um die Stimme gruppiert, auf Zehenspitzen oder hüpfend, im Versuch, den Mann zu der lockenden Stimme zu entdecken. Notfalls werden Kinder animiert, sich auf alle viere zu begeben und kriechend, bäuchlings liegend, herauszubekommen, worum es im Zentrum des Ringes aus menschlichen Rücken geht, wovon die Stimme den Leuten spricht, was sie anpreist. Der Halbkreis aus Rücken dezimiert sich plötzlich. Ein Bus hält. Seine Türen öffnen sich geräuschvoll. Leute steigen aus, andere Fahrgäste besteigen das Gefährt. Die Stimme ist aus. Der Mann, zu dem die Stimme gehört, wird sichtbar. Der Bus fährt ab. Die Stimme setzt ihren Gesang fort. Der Kreis bildet sich erneut um den Mann, der, wie zu sehen war, nichts als eine Kiste hochkant vor sich aufgestellt hat, aus welcher hervor er diebstahlsichere Ledersäcke präsentiert, um den Hals zu legen, um die Hüfte zu binden. Der Mann aber stapelt seine Münzen auf dem Rand der Kiste.