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ICH BIN AUF DEM WEG zur Mutter meint: Ich entferne mich von der Mutter, je mehr ich zu ihr aufbreche; ich werde ihr am Klingelknopf ihrer Haustür entkommen sein. Die Mutter wird den Sohn das weitere Mal zur Waise stempeln, wenn dieser nur Gast im Haus der Mutter bleibt. Das die Menschen Trennende ist nicht durch einen Besuch aufzuheben und über Bord zu werfen. Man kommt nicht zusammen, auch wenn man dem Augenschein nach zusammengehört. Der Graben wird breiter, die Kluft wird tiefer, ist erst der Fuß über die Hemmschwelle bewegt, aber trotzdem keine Nähe entstanden. Diesseits des Tales stand der junge König, griff feuchte Erde aus dem Grund, kühlte nicht die Glut der armen Stirn, sie machte nicht sein krankes Herz gesund, ihn hielten zwei frische Wangen und ein Mund, den er sich verbot, fester schloss der König seine Lippen und sah hinüber in das Abendrot, jenseits des Tales standen ihre Zelte, vorm roten Abendhimmel quoll der Rauch. Ich bin in die Dorfkirche meiner Adoptionstage zurückgekehrt. Adam sah ich und Eva dicht beisammen und mir gegenüber stehen, wie ich die zwei Figuren in Erinnerung habe. Ich betrachtete die Orgel der kleinen Dorfkirche wieder, unter der ich eine Weile gelebt habe. Ich erinnere den damaligen Organisten; er spielt etwas von Bach; ich höre ihm mit geschlossenen Augen zu. Sein Orgelspiel erzeugte in mir heftige Muttergedanken. Ich habe die wehmütige Musik aus den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts lange suchen müssen, die ich als die aus jener Ära stammende Musik wiedererkannte. Ich bin in dem Ort, wo meine Kinderheimzeit ihren Anfang nahm. In der Theologie sind Schuld und Sünde verkoppelt. Sünde als Schuld im Verhältnis von Mensch zu Gott. Sühne als Schuldhaftigkeit der Gotteskinder. Schuldig der Nichteinhaltung sittlicher Gebote sind die Schuldigen. Schuldig der Übertretung sind die Überläufer. Schuld bin ich, bin gekennzeichnet, Mutterhaut engt mich. Bin voller Zeichen. Die Zeichen tummeln sich. Die Zeichen schreien. Die Zeichen fesseln mich, binden mich fester in meine Haut, aus der ich nicht fahren kann, in der ich stecke wie im Hautschlamassel. Wie kann man an solchen Blödsinn glauben. Fantasie hast du, das muss man dir lassen, sagen sie, nennen mein Verhalten einen Rückfall. Sie sagen, dass ich schwierig geworden bin, seit ich an dem Mutterbuch schreibe. Schwierig ist das gehässige Wort meines Lebens. Oder wie Karl Valentin mal gesagt hat: Mögn täten ich wollen, aber dürfen habe ich mir nicht getraut. Ungeschützt nähere ich mich der Wahrheit, gerate in die von der Mutter verschandelte Biografie. Nur weil ich in diesem Wagen sitze, mir die Mutter als Ziel der Reise angebe, vormache, vorgaukle, muss das noch lange nicht heißen, dass ich froh über diese Fahrt bin und wahrhaftig zur Mutter unterwegs, mir mit dem Besuch bei der Mutter den Wunsch meines Lebens erfülle. Innere Stimmen sind meine Triebkraft. Innere Stimmen wollen mich und die Mutter zusammenführen. Innere Stimmen sind die Fahrt über an meiner Seite und von nichts anderem beseelt, als dabei zu sein, daneben zu stehen, wenn der Moment gekommen ist, von dem die naiven Leute denken, dass er für die Waise ein großer, erhabener Augenblick ist. Hals über Kopf riskiere ich meinen eigenen Fall. Und doch geht die Fahrt nach Eberbach weiter über die Autobahn, vorbei an Auffahrt, Abfahrt, Anschluss, Zufahrtsstraße, Brücke, Raststätte, Parknische und Pinkelhaus. Auf Höhe Boxberg verlasse ich die Autobahn, um über Land zu fahren. Ich will außerhalb der Autobahn ins Schwärmen für Landschaft geraten, für die Natur sein, durch die ich sause, bei aufziehender Dunkelheit; in sie hinein bergauf und aus ihr heraus bergab. Ich fahre merklich langsamer. Bei diesem Sauwetter steht kein Tramper an der Straße. Es mangelt an der potentiellen Mitfahrerin, dem Mitfahrenden, den ich aufnehmen und wohin er oder sie gebracht zu werden wünscht, chauffieren könnte. Bis auf ein entlegenes Gehöft am Ende der Zeit würde ich diejenige Person fahren, hielte sie mich nur von meinem Vorhaben ab. Es steht niemand am Straßenrand. Die Zeiten der Mitfahrerei sind vorbei. Ab Mosbach ist die Strecke dann langweilig und wenig kurvenreich. Ich drossele die Geschwindigkeit, sprich: innere Stimmen bremsen meinen Wagen aus. Wenn man den Wagen aus der Vogelperspektive sähe, denke ich, wäre an meinem Fahrverhalten auszumachen, wie hochexplosiv es unter dem Wagendach zugeht. Stimmengeladen stehe ich auf einem Feldweg und lasse mich bereden, bis ich der Meinung bin, weiterfahren zu können. So rausche ich die nächsten Kilometer Richtung Mutterwohnort, sprich: auf Eberbach am Neckar zu. Die inneren Stimmen zwingen mich weiterhin, ihnen zuzuhören. Ich kann mich gerade so auf die Fahrt konzentrieren. Da redet viel zu viel aus mir heraus auf mich ein. Die inneren Stimmen springen auf den Sitzen, reißen Tür und Fenster auf, dass ich ein weiteres Mal das Tempo drossele, halte und ungehalten die eigenen inneren Stimmen niederzuschreien versucht bin. Ich steige aus, um mich von ihnen zu befreien, was nicht gelingt, denn die inneren Stimmen kommen mit mir mit, wohin ich mich auch bewege. Also tue ich, als wüsste ich nichts, laufe gestikulierend auf dem Acker umher, kreuz und quer, um das Thema, das meiner Stimmen Thema ist, diese verdammte Mutterfindung, gegenüber den inneren Stimmen als ein normales Unternehmen zu werten. Dass die von mir so genannte Mutterfindung nur eine Recherche ist, ein literarischer Ausflug und nichts als eine Reise von mir zu einer Frau hin, von der ich weiß, dass sie meine leibliche Mutter ist und nicht sonderlich hell im Kopf sein kann, kurzum, es um Material für einen Stoff geht, der mir lange schon, fast mein vollständiges Leben lang im Hirn geistert und abgearbeitet werden will. Ich fahre weiter, sinniere über mein Verhältnis zu der Familie. Mein Potential reicht nicht für familiäre Dauerzustände.

Ich bin ein Unterbrecher. Ich will schon in Familie leben. Ich heirate auch. Ich zeuge Kinder. Ich suche das Glück mit meinen Händen festzuhalten, Bindung zu schaffen und aus der Bindung für mich Halt zu schöpfen. Ich handle, von unstillbarer Lust auf das gewöhnliche Leben in Familie getrieben, laufend falsch. Ich gerate von einem Debakel ins nächste. Die Schnitte ins eigene Fleisch werden dichter und tiefer. Erst sind es sieben Jahre, dann fünf, zum Ende gelingt mir nicht einmal mehr ein halbes Jahr Bindung an eine Frau, die ich zu lieben meine und viel zu rasch verliere. Flinker als gedacht bin ich wieder allein mit mir und meinem Mutterkomplex. Aus Angst vor der Mutter, die hinter und in jeder Frau steckt.