Weit nach Mitternacht stelle ich die Reisetasche im Pensionszimmer ab, hole aus ihr den transportablen CD-Player hervor, lege die Musik ein, mit der ich zur Mutter unterwegs bin. THE KÖLN CONCERT. Cologne, January 24, 1975, Part I, 26:15, Part II a 15:00, Part II b, 19:19. Part II c, 6:59, All composed by Keith Jarrett, Produced by Manfred Eicher, An ECM Production, Published by CAVELIGHT MUSIC BMI/AMRA. Erschöpft und müde, stehe ich am Pensionsfenster, blicke in die dunkle Nacht wie in eine Zeitmaschine. Der Pensionsbesitzer hat eine Riesenplatte Abendbrot unter Klarsichtfolie bereitet, die für zwei Personen locker ausreichen würde. Ein Ensemble grandioser Köstlichkeiten. Geräucherte Forelle. Schinkenscheiben. Weintrauben, Melonenhälften. Tomatenstücke. Gewürzgurke. Weichkäse mit Schimmeleinlage. Hartkäsehäppchen auf Salatblättern. Tischtennisballgroße Salamistücke. Butter in rot-blauweißer Verpackung. Null-Komma-zwei-Liter-Weingläser mit grünem Apfelsymbol. Eine gute Stunde verweile ich an der Silberplatte, esse brav alles auf, sitze auf den weichen, rotweiß karierten Kissen im halb runden Korbsesseln. Die Beine hochgenommen, betrachte ich die Nacht durch die geöffnete Balkontür, beginne zu frieren, trinke die Flasche Wein leer, haue mich, ohne mich meiner Kleidungsstücke zu entledigen, ins Bett, um alsbald erschöpft einzuschlafen.
Unter welcher Belastung, welchen Umständen, zur späten oder bereits sehr frühen Nachtstunde ich wann und wo auch einschlafe, ich erwache Punkt sechs Uhr siebenundzwanzig. Ein Fluch. Meine Biouhr. Und muss mit Müdigkeit in den Knochen das Erlebte erst einmal aufschreiben, die Träume der Nacht, Gedanken, die einem so gekommen sind, bestimmte Dinge bei Tageslicht besehen beschreiben. Und bin nicht gerne lange in fremden Zimmern, sitze auf der Terrasse unter dem Schirm, der mir zur Nacht den Himmel fernhält, schaue auf die Kirche hinter der Pension. Die Kirche sieht wie ein Bahnwärterhäuschen aus. Aus ihrer Dachmitte ragt ein quadratisches Türmchen, mit viertelstündlich bimmelnder Uhr. Neben mir werkt ein Mann mit Bauchschürze, der Tscheche oder Pole ist, an einem Motorrad. Er schmeißt die Maschine an, gibt Gas, macht Lärm, der mich vertreibt. Ich bewege mich zum Pensionstor hinaus, drehe große Runden, schaue mich um, fühle mich ein, suche Sensationen, wie dieses knallig gelbe Plakat unweit der Pension, das nach mir ruft, an einer Verkaufsbude prangt und einen Jackpot von neun Millionen verspricht. Lotto jetzt, steht über dem Eingang geschrieben. Ein Hundeverbotsschild sagt streng: Wir bleiben draußen. Hinter der Barriere steht eine Frau, gut einige wilde Jahre über ihrem Zenit, aber immer noch verdammt gut beisammen, in eine dunkelblaue Sportjacke gesteckt, umflort von einen weißen Kragen mit Reißverschluss. Schauen Sie sich um, junger Mann, fordert sie mich auf, der ich dem Wunsche bereits nachgehe. Mir nach treten zwei Typen, die Manne und Knolle heißen und wie Topf und Deckel zusammenpassen; offensichtlich Brüder, in Mutters guter Stube, mit ihren auffällig hellen, hohen Stimmen. Der eine in Windjacke mit roten Armstreifen plus Brustaufschrift, die Hose über dem Bauchnabel um die fette Hüften gebunden. Der andere, auf den ersten Blick dürre, in hellblauem Hemd, Kragen offen, in einer Hose, die ihn wie eine Schneiderpuppe aussehen lässt. Bruder Dick holt mit ausladender Geste Tippscheine hervor, die von der Tresendame Blatt für Blatt in die Glücksermittlungsmaschine gesteckt werden, dann zahlt sie ihnen eine Summe aus, die Dick & Dürr in Schokolade, Gummizeugs, Lustigkeitswasser, Brot, Milch, Käse, Salzgebäck umsetzen. Ein Restsümmchen verbleibt, sagen sie im Chor, schieben ein Trinkgeld der Dame hin, sind raus aus dem Laden. Was die hier gewonnen haben, ich kann Ihnen sagen, sagt die Tresenfrau. Hinter ihr lindgrüne, lindrosa, lindbläuliche kleine Becher bedruckt mit den Fernsehfiguren aus der DDR. Das Sandmännchen. Der Fuchs. Die Elster. Pittiplatsch. Schnatterinchen. Für einen Euro und sechsunddreißig als Überraschungspackung. Dazu Ostquark. Honeckers Schlafmohn. Stasi-Schocker und Russenpudding, dass die Vermutung naheliegt, der Laden sei eigens für mich eingerichtet worden, weil man um meine Vergangenheit weiß, und von meinem Mutterunterfangen. Sie wissen von meiner Heimkindzeit, woher ich komme, und suchen mich mit albernen Artikeln aus meiner Vergangenheit zu erfreuen, was mich mehr als erschreckt. Ruckzuck bin ich aus dem Laden raus, zur Verwunderung der freundlichen Dame hinterm Tresen, dem Flussrauschen der Nacht nach, das zu einem kniehohen Wasserfall gehört und einem Flachgewässer von ungefähr doppelter Billardtischbreite, träge und sauber fließend. Ich hört ein Bächlein rauschen wohl aus dem Felsenquell, hinab zum Tale rauschen, so frisch und wunderhell, ich weiß nicht, wie mir wurde, nicht, wer den Rat mir gab, ich musste hinunter mit meinem Wanderstab, hinunter und immer weiter, immer dem Bache nach, der immer frischer rauschte, und immer heller, ist das denn meine Straße, oh Bächlein sprich, wohin, du hast mit deinem Rauschen mir ganz berauscht den Sinn.