Aufhebung auf Klage der leiblichen Eltern Ist eine erforderliche elterliche Einwilligung nicht eingeholt worden, konnte der Aufenthalt der Eltern nicht ermittelt werden oder waren sie zur Abgabe einer Erklärung außerstande, kann das Gericht auf Klage der Eltern oder eines Elternteils die Annahme an Kindes Statt aufheben, wenn dies dem Wohl des Kindes entspricht. Das Gericht trifft die Entscheidung nach Anhören des Organs der Jugendhilfe. Die Klage ist nur innerhalb eines Jahres zulässig. Die Frist beginnt mit dem Zeitpunkt, in dem der Kläger von der Annahme an Kindes Statt Kenntnis erlangt hat oder die Fähigkeit zur Abgabe einer Willenserklärung wiederhergestellt ist.
AN IHRER SCHANDE ist nichts gut- und wieder wettzumachen. Die neunzehn Jahre, die sie mir voraus ist, bleibt sie die Spanne ihrer Lebenszeit von mir entfernt. Zu meiner eigenen Sicherheit lasse ich den Abstand wachsen. Den Vorsprung an Zeit, ich kann ihn vergrößern. Ich bin auf und davon, wenn ich den Besuch bei der Mutter hinter mich bringe, die Mutter in ihrer Welt belasse. Wie kann ich ergründen/die person die ich nicht kenne/die gedanken ordnen/für die ich brenne/wie kann ich den schmerz / trennen von Vernunft/ wie mein kleines sehnen baun auf engsten grund/wie kann ich die Wahrheit/trennen von dem trug/finde eine antwort/zeit ist nie genug/vorbei sind tage die unbekannt sind /die sind nichtig/nichtig der augenblick/in dem ich mich dann entscheide. Heilfroh bin ich in diesem Moment, nicht losgelaufen zu sein zu jener Zeit als Grenzsoldat an der deutsch-deutschen Grenze. Tödlich der Gedanke in all seiner Konsequenz, wegen dieser Frau beim Fluchtversuch erwischt, angeschossen oder gar erschossen zu enden, den unwürdigen Schluss auf unwürdigen Todesstreifen erleiden. Ich darf mir nicht ausmalen, wegen dieser Mutter unter Umständen jung gefallen, im Niemandsland verendet zu sein.
IN DER KLEINEN KÜCHE, an einem kleinen Tischchen, inmitten eines schmucklosen Raums, sitzen wir vor Tellerchen, Tässchen, Löffelchen, Kuchengabeln und einem aus seiner Verpackung zur Hälfte befreiten Kuchen. Ein flacher Laib, ein rundlicher Ziegel mit innen liegender Sahnespirale, in der Großbackmaschine gefertigt, aus dem Regal genommen und in der Hülle angeboten. Den absonderlichen Backrohling, ich beachte ihn nicht. Ich habe einen richtigen Kuchen erstanden, wie ein Weihnachtsteller groß. Auf dem Ritterfest erworben, nach altem Rezept in seinem Traditionsofen gebacken, hat der Kuchenbäcker betont. Ein Pflaumenkuchen, ein durch das Pergament nach Butter und Hefe riechendes, mit seinen Duft die blutarme Küche kräftigendes Stück Backwelt. Für den mickrigen Küchentisch der Mutter viel zu groß geraten, weswegen ich ihn neben mich auf den freien Stuhl ablege. Wir haben uns nichts zu erzählen. Es kommt kein Gespräch auf. Wir sitzen wie Leute in einem Wartesaal, die eine Nummer gezogen haben und nun darauf warten, aufgerufen zu werden. Meine Mutter sitzt am Tisch. Meine Mutter sitzt auf einem Stuhl. Meine Mutter kennt meine Gedanken nicht. Auf dem Tisch ist ein Tuch. Auf dem Tuch steht Geschirr. Der Stuhl, so mein Eindruck, entfernt sich mit ihr vom Tisch, ohne dass sie den Stuhl verrückt. Sie sagt, dass ich mir Kaffee in die Tasse gießen darf. Sie sagt, dass sie den Kuchen extra gekauft hat. Dann hält sie ihren Mund. Ich gieße mir Kaffee ein. Sie tut es mir nach. Ansonsten sagt sie nichts. Die Wände um sie herum schweigen nicht so beredt wie sie. Ich bin nicht versucht, ihr den Mund zu öffnen. Ein Sarg sitzt vor mir, der sich nicht öffnen lässt, für den der Sargbauer keinen Deckel zimmern musste, weil dieser Sarg aus einem Stück gehauen ist. Der Klotz Mutter, der mir nicht gegenübersitzt, sondern wie in die Küche hineingeschoben wirkt. Wie in der eigenen Gruft, hockt der Klotz Mutter, sich im Wege stehend, mit Redeverbot belegt. Klappe-zu betreibt die Mutter die drei Stunden, die ich bei ihr bin. Einmal nur wird der Raum auf mein Drängen hin gewechselt und ins Schlafzimmer der Frau gegangen, wo sie ein Bild von ihrem Vater hängen hat. Von deinem Vater, sagt sie, gibt es keine Bilder, und ich glaube es ihr. Die jungen Leut, die ihr versprochen hätten, Vorhänge vor die Fenster anzubringen, dass von draußen niemand reinschaut, haben dies bis heute nicht bewerkstelligt, sagt sie. Sie halte deswegen die Rollis herunter, was auf Dauer kein Zustand wäre, von die jungen Leut hat sich aber keiner bisher bemüßigt gefühlt, redet sie und von der Lampe im Flur, dass die jungen Leut gemeint haben, es wäre ein Kabel zu verlegen, von einer dieser Buchsen aus. Beim Umzug hätten die jungen Leut, das muss sie sagen, geholfen. Froh ist sie, die jungen Leut um sich zu haben, die es richten, nur eben leider stets nur, wenn es ihnen passt. Aber ohne die jungen Leut wäre da nichts für sie zu bewerkstelligen, mit ihrem angeknacksten Bein, das fürchterlich zugerichtet sei, das sie schmerzt. Die jungen Leut, stöhnt sie und sagt, sie will sich nicht beschweren, die sind da, wenn sie da sind und haben alle mehr mit sich als mit ihr zu tun. Das Foto dort an der Wand überm Nachtschrank rechts zeigt einen in die Kamera blickenden Polizist in Polizeiuniform, die nach Uniform im Dritten Reich aussieht. Ich stehe dem Mann gegenüber, sage ich mir augenblicklich, der die Muttergöre, zwanzig Jahre jung und zum zweiten Mal schwanger, aus dem Osten fort über die Landesgrenze in den Westen befohlen hat. Du kommst sofort hierher und keine Widerrede. Dieser Mann, spüre ich sofort, hat die Mutter hergeschafft und dann an ihr keine Freude gehabt, wie keine Seele um sie herum, ihre ganze, garstige Lebenszeit über. Die Uhr in der Küche tickt grob. Ach, wäre das Mutterkind nicht zu neugierig gewesen und besser hart geblieben, bedauere ich mich, sitze in ihrer Falle, wenn es auch aussieht, als säßen wir in einer gewöhnlichen Küche. Die Situation bekommt durch das teilnahmslose Benehmen der Mutter etwas Absonderliches.