Ein Mann, heißt es, ist nach der Wende mit seinem knallroten Trabbi bis hierher aufgebrochen und Autohändler geworden. Dann klingelt das Telefon. Bruder Nummer drei hat von mir über Schwester Nummer zwei erfahren und will mich auch im Namen der Schwester Nummer vier gern sehen. Auf ein Bier. Ich schlage das Notizbuch zu, mir schwirrt der Kopf. Das Bild auf dem Notizbuch, ich sehe es mir zum ersten Mal genauer an. Ein Mann in Sandalen und in ein orangenes Tuch gehüllt, geht auf ein offenes Tor zu. Das Tor besteht aus Baumstämmen und in die Lücken eingefügte Steinen. Eine riesige Aushöhlung, hinter ihr ein mit Bäumen bestandener Park. Wie vor dem Tor fühle ich mich. Gehe ich hindurch, bin ich in einer anderen Welt, der Welt der Brüder und Schwestern. Ich gehe nach Hause. Ich kann beruhigt gehen. Ich stelle mir kein Leben mehr mit der Mutter vor, wie es gewesen wäre für mich, das Leben mit einer Mutter. Und hab ich einst geendet des Lebens ernsten Lauf, dann setz mir einen Hügel und setzt ein Blümlein drauf, doch nehmt aus meinem Busen das arme Herz heraus. Was ich in den drei Stunden zur Mutter erfahre, reicht hin, sie weiterhin nicht anzuerkennen. Und dann ist Treff beim jüngsten Bruder. Der hat eine Schlange und füttert sie mit Mäusen. Ist schon sehr verwöhnt, der kleine Bruder. Nach dem Big-Brother-Erlebnis will Bruder Nummer zwei es noch einmal packen, unbedingt auf die Bühne, singen, bekannt werden, erhofft sich eine neue Möglichkeit, den Schub durch eine neue Chance, die er sofort ergreifen will. Fernsehstar werden. Superbruder. Das kanns doch nicht gewesen sein, sagt er. Und kann es einfach immer noch nicht fassen, dass die Mutter aus dem Osten ist, aus dem Honeckerland, der Stasizone. Und dann schauen wir uns Fotos an, Bilder aus der Kinderzeit, Pubertät. Die Fresse von Bruder Nummer eins ist die gleiche geblieben. Die Geschwister erzählen mit Vorsicht einiges zur Mutter, die oftmals fort, tagelang, wochenlang, nicht bei den Kindern ist. Nachbarn müssen sich um die Kinder kümmern. Eine zügellose, unmenschliche Despotin sei sie gewesen, jähzornig, in plötzliche Wut ausbrechend, mit Hang zur Grausamkeit. Ihrem Verhalten gegenüber steht die Ohnmacht der Amter. Blaue Flecken und Geschrei. Die älteren Kinder kümmern sich um die jüngeren Geschwister. Das jüngste Kind nennt die älteste Schwester Mutter, weil es sie für seine Mutter hält, die richtige Mutter ihm wie eine Besucherin erscheint, die für eine Weile im Haus ist, laut wird, rumschimpft, nach den Kindern wie nach lästigen Fliegen klatscht. Geschrei ist die tägliche Hausmusik auch bei uns im Osten gewesen, erzähle ich. Ruppig-rüder Umgang sind die Streicheleinheiten dieser Frau, kommt mit den zwei Kindern nicht klar. Krach aus der Wohnung ist man gewohnt im Haus, und auch dass die Mutter länger weg ist. Aber als es immer stiller und die Mutter länger nicht gesehen wird, schreiten die Nachbarn ein, schalten Ämter ein. Das Amt sieht sich genötigt, etwas zu tun, dass die Kinder wieder zu Stimme kommen und vielleicht einmal vor Freude schreien können, Krach schlagen, wenn ihnen Unrecht geschieht, nicht hauchfein das Leben auswimmern, zu einem unhörbaren letzten Winseln verurteilt sind. Wer immer als Erster gemeint hat, man dürfe nicht länger weghören, müsse was gegen den Zustand unternehmen, ehe es für die Kinder zu spät ist, wer immer zuerst gehandelt hat, er hat mein Leben und das Leben der Schwester gerettet. Sie haben sich nicht im Entferntesten ausgemalt, wie es aussah bei uns. Der rechtschaffene Mensch kann sich nicht ausmalen, was zu tun eine Mutter fähig ist und was zu unterlassen, was Gang ist und Gewohnheit bei gewissen Familien. Wie kann man mit dem eigenen Kind überfordert sein. Wenn man jung ist, ich bitte, höre ich die Museumsdame kommentieren; die war unreif, das war klar, man hätte der das Neugeborene am Wochenbett abnehmen müssen, und alle weiteren Kinder. Kein Tier haust so. Und dieser Dreck, dieser Stallgeruch und mittendrin ich und meine kleinere Schwester, zwei elendige Gerippe zwischen Unrat und Kot, Hingekotztem und Kehricht. Nackt am kalten Boden liegend. Oh, wie muss ich wieder weinen, muss immer wieder weinen, weinen. Eine wütige Person, diese Frau Mutter. Von plötzlichen Attacken gepackt, schlägt um sich, teilt aus, langt hin, dreht durch, haut auf die eigenen Kinder ein, statt sich selbst die Fresse gehörig zu polieren. Und die Tassen, Teller, Kuchengabeln auf dem Tisch sind aufgeregter als die unter uns weilende Mutter, der Grund meiner Reise hierher, die Mutterfahrt, die so lange Zeit meines Lebens das große Thema war. Und was sie zu gestehen hat, beschränkt sich auf die Jetztzeit. Sie sei eben aus dem Nachbarhaus in die Etagenwohnung hierher umgezogen. Sie müsse die momentane Ungemütlichkeit entschuldigen. So eine Frau also ist meine Mutter, denke ich, drehe das Muttergefühl auf null, verstaue die Kinderheimzeiten und alle die aus ihr resultierenden Muttersehnsüchte tunlichst in meine persönliche Verwahrkiste. Wie es mir geht bei der Mutter, fragt mich Schwester Nummer zwei. Ich habe weiterhin keine Mutter, antworte ich. Uns stellen sich weiterhin getrennte Vergangenheiten in den Weg. Es habe einmal Gerede gegeben. Gerüchte um zwei Kinder im Osten, erinnert sich Bruder Nummer eins. Eine Tante hat behauptet, dass es im Osten noch zwei Geschwister gäbe. Und die Mutter hat darauf nur barsch geantwortet: Die sind mir gestorben, die beiden; hat sich entsetzt, wie man nur nachfragen kann, und mich wie die Schwester einfach für tot erklärt. Sie ist eine geistige Kindsmörderin. Sie hat uns auf dem Gewissen. Eine Flüchtende vor dem eigenen Ich ist sie. Dahinein, so mit der Gabel, hat sie einem Kind von ihnen in den Handrücken gestochen, das nach einer Bulette greifen wollte, als es noch nicht erlaubt war. Die drei Punkte verheilen nie. Erzählen könnten sie alle noch viele solcher Geschichten, sagen die Geschwister. Und reden nicht weiter.
Der Einzelne nur Schaum auf der Welle. Die Größe ein bloßer Zufall. Die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel. Ein lächerliches Ringen gegen ein knöchernes Gesetz. Es zu erkennen, das Höchste. Es zu beherrschen unmöglich. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Georg Büchner
IN DER NACHT VOR MEINER ABREISE kommt der Big-Brother-Bruder die lange Anhöhe zu meiner Pension die Straße hoch. Es regnet leicht. Es ist kalt, keineswegs angenehm draußen. Ich freue mich über seinen Spontanbesuch. Ich bin aus dem Bett gesprungen, seinetwegen aufgestanden, um mit ihm die letzte Flasche Wein auf sein Kommen zu öffnen. Wir setzen uns unter das Dach der Pension an einen gemeinsamen Tisch, trinken Wein aus der Region. Regen prasselt unaufhörlich aufs nachsichtige Welldach. Der Bruder sieht bekümmert drein. Es kommt kein rechtes Gespräch auf. Der Bruder druckst herum. Der Bruder ringt mit sich. Der Bruder schüttelt sein Haupt, als ich ihn befrage, was denn sei, und ihn dränge, seinem Herzen Luft zu verschaffen. Ein Glas Wein später gibt der Bruder sich einen Ruck, umklammert die Lehnen des weißen Gartengestühls, müht sich ein gequältes Lächeln ab, lächelt eine Weile sichtlich befreit von der inneren, unsichtbaren Last, die eine ihm aufgebürdete Last ist, wie ich vermute, eine familiäre Mitteilung, die er herschleppen und hier abladen muss, wie der Esel den Sack abwirft.