Sie hatten zwei Tage zurück zu der Ruine gebraucht, und an der letzten Kutschstation hatten die Pferdeknechte ihnen erzählt, dass die Goyl die Hochzeit ihres Königs in ein Massaker verwandelt und die Kaiserin verschleppt hatten. Mehr wusste niemand.
Fuchs wälzte sich im Schnee, als wollte sie sich die letzten Wochen vom Fell waschen, und Clara stand da und blickte hinauf zu dem Turm. Der Atem hing ihr weiß vorm Mund, und sie schauderte in dem Kleid, das Valiant ihr für die Hochzeit gekauft hatte. Die blassblaue Seide war zerrissen und schmutzig, aber ihr Gesicht erinnerte Jacob immer noch an feuchte Federn, auch wenn darauf nur die Sehnsucht nach seinem Bruder zu finden war.
»Eine Ruine?« Valiant kletterte aus der Kutsche und blickte sich entgeistert um. »Was soll das?«, fuhr er Jacob an. »Wo ist mein Baum?«
Ein Heinzel löste sich aus den Schatten und sammelte hastig ein paar Eicheln aus dem Schnee. »Fuchs, zeig ihm den Baum.«
Valiant stiefelte der Füchsin so eilig hinterher, dass er fast über die eigenen Beine stolperte. Clara sah ihnen nicht nach.
Es schien so lange her, dass Jacob sie zum ersten Mal zwischen den Säulen hatte stehen sehen.
»Du willst, dass ich zurückgehe, oder?« Sie blickte ihn an, wie nur sie es tat. »Sag es ruhig. Ich werde Will nicht wiedersehen. Du kannst es nicht ändern. Ich weiß, du hast alles versucht.«
Jacob griff nach ihrer Hand und legte den Ball hinein. Die Oberfläche war makellos blank, und das Gold schimmerte, als hätte die Sonne selbst es gemacht.
Du traust der falschen Fee.
»Du musst ihn polieren«, sagte er. »Bis du dich so deutlich darin siehst wie in einem Spiegel.«
Dann ließ er sie allein und trat zwischen die verfallenen Mauern. Will würde Claras Gesicht zuerst sehen wollen. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Falls die Dunkle Fee ihn nicht ebenso betrogen hatte wie ihre Schwester.
Jacob schob den Efeu zur Seite, der vor der Tür des Turmes wuchs, und blickte an den verrußten Mauern empor. Er erinnerte sich daran, wie er zum ersten Mal aus der Höhe herabgeklettert war, an einem Seil, das er im Zimmer seines Vaters gefunden hatte. Wo sonst?
Die Haut über seinem Herzen schmerzte immer noch und er spürte den Abdruck der Motte wie ein Brandmal unter dem Hemd. Du hast bezahlt, Jacob, aber was hast du dafür bekommen?
Er hörte, wie Clara leise aufschrie. Und eine andere Stimme ihren Namen sagte. Wills Stimme hatte schon lange nicht mehr so weich geklungen.
Jacob hörte sie flüstern. Lachen.
Er lehnte den Rücken gegen die Mauer, schwarz vom Ruß, feucht von der Kälte, die sich zwischen den Steinen fing.
Es war vorbei. Diese Fee hatte ihr Versprechen gehalten. Jacob wusste es, bevor er den Efeu wieder auseinanderschob. Bevor er Will neben Clara stehen sah. Der Stein war fort und die Augen seines Bruders waren blau. Nichts als blau. Nun geh schon, Jacob.
Will ließ Claras Hände los und blickte ihn fassungslos an, als Jacob zwischen den verschneiten Mauern hervortrat. Aber es war kein Zorn auf dem Gesicht seines Bruders zu finden. Kein Hass. Der jadehäutige Fremde war fort. Obwohl Will immer noch die graue Uniform trug.
Er kam auf Jacob zu, den Blick auf seine Brust geheftet, als sähe er dort immer noch das Blut vom Schuss des Goyl, und umarmte ihn so fest, wie er es zuletzt als Kind getan hatte.
»Ich dachte, du bist tot. Ich wusste, es kann nicht wahr sein!«
Will.
Er trat zurück und musterte Jacob erneut, als müsste er sich vergewissern, dass ihm wirklich nichts fehlte.
»Wie hast du es geschafft?« Er schob den grauen Uniformärmel hoch und strich sich über die weiche Haut. »Es ist fort!«
Er wandte sich zu Clara um. »Ich hab es dir gesagt. Jacob schafft es. Ich weiß nicht, wie. Aber so war es schon immer.«
»Ich weiß.« Clara lächelte. Und Jacob sah in dem Blick, den sie ihm zuwarf, alles, was geschehen war.
Will führ sich über die Schulter, wo der Säbel den grauen Stoff aufgeschlitzt hatte. Wusste er, dass die Flecken darauf von seinem Blut stammten? Nein. Wie auch? Es war blass wie Goylblut gewesen.
Er hatte seinen Bruder zurück.
»Erzählt mir alles.« Will griff nach Claras Hand.
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Jacob. Und er würde sie Will nie erzählen.
Es war einmal ein Junge, der zog aus, das Fürchten zu lernen.
Für einen Moment glaubte Jacob, eine Spur von Gold in den Augen seines Bruders zu sehen, aber wahrscheinlich fing sich nur die Morgensonne in seinen Pupillen. »Bring ihn fort, weit, weit fort.«
»Seht euch das an! Ich bin reicher als die Kaiserin! Ach was! Reicher als der König von Albion!« Vergoldetes Haar. Vergoldete Schultern. Selbst Jacob erkannte Valiant kaum, als er hinter der Ruine hervorstolperte. Das Gold klebte an ihm wie der stinkende Blütenpollen, mit dem der Baum Jacob überschüttet hatte.
Der Zwerg lief an Will vorbei, ohne ihn auch nur zu bemerken.
»Gut, ich gestehe es!«, rief er Jacob zu. »Ich war sicher, du betrügst mich. Aber für diese Bezahlung bringe ich dich gleich noch mal in die Goylfestung! Was denkst du? Wird es dem Baum schaden, wenn ich ihn ausgrabe?«
Fuchs tauchte hinter dem Zwerg auf. Selbst ihr hingen ein paar Goldflocken im Fell. Aber sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie Will sah.
Was sagst du, Fuchs? Riecht er immer noch wie sie?
Will klaubte einen kleinen Klumpen Gold aus dem Schnee, den der Zwerg sich aus den Haaren gewischt hatte.
Valiant hatte ihn immer noch nicht bemerkt. Er bemerkte gar nichts. »Nein. Nein, ich grabe ihn aus!«, stieß er hervor. »Was weiß ich? Womöglich schüttelt ihr ihm das ganze Gold aus den Ästen, wenn ich ihn hierlasse! Nein!«
Er fiel fast über Fuchs, als er wieder davonhastete, und Will stand da und wischte den Schnee von dem winzigen Klumpen in seiner Hand.
»Bring ihn weit, weit fort, so weit, dass ich ihn nicht finden kann.«
Clara warf Jacob einen besorgten Blick zu.
»Komm, Will«, sagte sie. »Lass uns nach Hause gehen.« Sie griff nach seiner Hand, aber Will strich sich über den Arm, als spürte er unter der Haut erneut die Jade wachsen.
Bring ihn fort, Jacob.
»Clara hat recht, Will«, sagte er und griff nach seinem Arm. »Komm.« Und Will folgte ihm, auch wenn er sich umsah, als hätte er etwas verloren.
Fuchs kam ihnen bis zum Turm nach, doch sie blieb vor der Türöffnung stehen.
»Ich bin gleich zurück!«, sagte Jacob, während Clara ihr zum Abschied übers Fell strich. »Pass auf, dass der Zwerg das Gold aufsammelt, bevor die Raben kommen.«
Zaubergold zog sie in Schwärmen an und das Krächzen von Goldraben konnte einen den Verstand kosten. Fuchs nickte, aber sie wandte sich nur zögernd um, und der besorgte Blick, den sie zurückwarf, galt Clara und nicht Will. Sie hatte das Lerchenwasser immer noch nicht vergessen. Wann würde er es vergessen? Wenn sie fort sind, Jacob.
Er kletterte als Erster die Strickleiter hinauf. In dem Turmzimmer lag zwischen den Eichelschalen ein toter Heinzel. Wahrscheinlich hatte der Stilz ihn getötet. Jacob schob den kleinen Körper unter ein paar Blätter, bevor er Clara heraufhalf.
Der Spiegel fing sie alle in seinem Glas, aber es war Will, der darauf zutrat und sein Abbild wie das eines Fremden musterte. Clara trat an seine Seite und griff nach seiner Hand, doch Jacob wich zurück, bis das dunkle Glas ihn nicht mehr fand. Will sah ihn fragend an.
»Du kommst nicht mit uns?«