Die Peruaner sprechen gerne von drei verschiedenen Perus: die tausend Meilen lange, dichtbevölkerte Küstenregion mit ihren Städten, dem regen Handel und den belebten Stränden, die Berge der Südlichen Anden, die in ihrer Großartigkeit denen des Himalaya in nichts nachstanden und in denen sich die Spuren uralter Inkakulturen fanden, und schließlich der Dschungel, die Amazonas-Selva - das undurchdringliche Reich der Indianer. Miguel mochte das erste und das zweite Peru. Doch nichts konnte seine Abneigung gegen das dritte mindern. Der Dschungel war asquerosa.
Seine Gedanken kehrten zum Sendero Luminoso zurück, zum »Leuchtenden Pfad« der Revolution, ein Name, der aus den Schriften des verstorbenen peruanischen Marxisten und Philosophen Jose Carlos Mariategui stammte. 1980 trat Abimael Guzman in dessen Fußstapfen und erklärte sich bald danach zum »vierten Schwert der Weltrevolution«, zum Nachfolger von Marx, Lenin und Mao Tse-tung. Alle anderen Revolutionäre, auch Lenins Nachfolger in der Sowjetunion und Kubas Castro, tat Guzman verächtlich als farblose Scharlatane ab.
Die Guerillas des Sendero Luminoso waren überzeugt, die existierende Regierung stürzen und das ganze Land beherrschen zu können. Aber nicht von heute auf morgen. Die Bewegung behauptete sogar, sie zähle die Zeit nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten. Bereits jetzt war der Sendero groß und stark, seine Macht und seine Führungskader wuchsen beständig, und Miguel erwartete den Umsturz noch zu seinen Lebzeiten. Aber nicht aus diesem odiosa Dschungel heraus.
Doch im Augenblick wartete Miguel auf Anweisungen, was mit den Gefangenen geschehen sollte, Anweisungen, die wahrscheinlich aus Ayacucho kamen, einer historischen Stadt in den Ausläufern der Anden, wo der Sendero fast unumschränkt herrschte. Miguel war es gleich, wer die Befehle gab, solange sie nur schnell kamen und ihm die Möglichkeit zum Handeln gaben.
Der Huallaga lag direkt vor ihnen - eine unerwartete Öffnung in der beklemmenden Enge des Urwalds. Miguel blieb stehen und betrachtete den Fluß.
Breit und schlammig rotbraun vom Schlick der Anden, strömte der Huallaga träge auf den dreihundert Meilen entfernten Zusammenfluß mit dem Maranon zu, der sich wiederum bald darauf mit dem mächtigen Amazonas vereinigte. Vor Jahrhunderten hatten die portugiesischen Eroberer das gesamte Amazonasgebiet O Rio Mar getauft, »Das Flußmeer«.
Beim Näherkommen bemerkte Miguel zwei hölzerne Kähne, jeder knapp zwölf Meter lang und mit doppelten Außenbordmotoren ausgestattet, die nahe am Ufer vertäut lagen. Gustavo, der Anführer der kleinen Truppe, die sie an der Landepiste erwartet hatte, überwachte das Verladen der Vorräte, die seine Männer mitgebracht hatten, und legte dann fest, wer in welchem Kahn fahren sollte. Die Gefangenen kamen in den ersten. Miguel bemerkte beifällig, daß Gustavo während des Beladens als Vorsichtsmaßnahme gegen ein plötzliches Auftauchen von Regierungstruppen zwei bewaffnete Posten aufgestellt hatte.
Da er mit dem Ablauf zufrieden war, sah er keinen Grund zum Eingreifen. Erst in Nueva Esperanza wollte er dann wieder das Kommando übernehmen.
Für Jessica verstärkte der Fluß noch das Gefühl der Isolation. Für sie war er das triste Tor zu einer unbekannten Welt, die nichts mit der zu tun hatte, die sie verlassen hatte. Mit vorgehaltenem Gewehr trieb man sie, Nicky und Angus durch das knietiefe Wasser zu einem der Kähne. Sie mußten hineinklettern und sich auf den feuchten Boden setzen, eine ebene Fläche aus Brettern, die längs über dem Kiel verliefen. Wenn sie wollten, konnten sie sich an ein einzelnes Brett lehnen, das im Bug des Kahns die Bordwände überspannte, aber das bedeutete nur die Wahl zwischen zwei ähnlich unbequemen Positionen, die beide nicht lange auszuhalten waren.
Jessica merkte, daß Nicky blaß geworden war, ein heftiger Brechreiz schüttelte ihn. Obwohl nichts kam außer ein bißchen Schleim, hob und senkte sich sein Brustkorb. Jessica rutschte zu ihm, nahm ihn in den Arm und sah sich verzweifelt nach Hilfe um.
Sie entdeckte Narbengesicht, der vom Ufer zum Boot gewatet kam. Noch bevor Jessica etwas sagen konnte, tauchte die Frau auf, die Jessica schon öfters beobachtet hatte, und Narbengesicht befahl ihr: »Gib allen Wasser, dem Jungen zuerst.«
Socorro füllte eine Blechtasse mit Wasser und gab sie Nicky, der gierig trank. Sein Körper beruhigte sich wieder. Dann sagte er mit schwacher Stimme: »Ich habe Hunger.«
»Wir haben hier nichts zu essen«, erwiderte Baudelio. »Du mußt warten.«
»Aber irgend etwas muß doch da sein, das Sie ihm geben können«, rief Jessica entrüstet.
Narbengesicht antwortete nicht, aber sein Befehl, den Gefangenen Wasser zu geben, hatte deutlich gemacht, welche Funktion er hatte, und Jessica ergänzte deshalb vorwurfsvolclass="underline" »Sie sind doch Arzt!«
»Das tut hier nichts zur Sache.«
»Außerdem ist er Amerikaner«, fügte Angus hinzu. »Hör dir nur seinen Akzent an.« Das Wasser schien Angus wieder Kraft gegeben zu haben, denn er wandte sich an Baudelio: »Nicht wahr, Sie Ungeheuer? Schämen Sie sich denn nicht?«
Doch Baudelio drehte sich einfach um und kletterte in das zweite Boot.
»Bitte, ich habe Hunger«, wiederholte Nicky. Und an Jessica gewandt: »Mom, ich habe Angst.«
Jessica drückte ihn an sich und entgegnete: »Ich auch, mein Liebling.«
Socorro, die alles gehört hatte, schien zu zögern. Dann griff sie in ihren Rucksack und zog eine große Tafel Cadbury-Schokolade heraus. Schweigend riß sie die Verpackung auf, brach einige Riegel ab und verteilte sie an die Gefangenen. Angus war der letzte, doch er schüttelte den Kopf. »Geben Sie meine dem Jungen.«
Verärgert murmelte Socorro etwas vor sich hin und warf dann aus einem Impuls heraus die ganze Tafel ins Boot. Sie fiel Jessica vor die Füße. Socorro wandte sich ab und stieg in den zweiten Kahn.
Einige der Bewaffneten, die sie im Lastwagen und auf dem Dschungelpfad bewacht hatten, kletterten nun zu den Gefangenen, und beide Kähne setzten sich in Bewegung. Jessica bemerkte, daß auch die anderen Männer, die die Boote bewacht hatten, bewaffnet waren. Sogar die Steuermänner, die vor den beiden Außenbordmotoren saßen, hatten Gewehre auf den Knien und sahen aus, als wollten sie sie auch benutzen. Die Chancen für eine Flucht, wenn auch nur eine ohne Ziel, schienen gleich Null.
Während die Kähne stromaufwärts trieben, machte sich Socorro Vorwürfe wegen dem, was sie eben getan hatte. Sie hoffte, daß es niemand gesehen hatte, denn die Tatsache, daß sie den Gefangenen die gute Schokolade, die man in Peru nicht kaufen konnte, gegeben hatte, war ein Zeichen von Schwäche, von törichtem Mitleid. Und das war für eine Revolutionärin eine verabscheuungswürdige Empfindung.
Aber Socorro war nicht so gefestigt, wie sie es gerne gewesen wäre, sie schwankte innerlich.
Erst vor knapp einer Woche hatte sie sich wieder einmal ins Gedächtnis gerufen, daß sie sich gegen solch banale Gefühle wappnen müsse. Es war der Abend nach der Entführung gewesen, als die Frau, der Junge und der alte Mann bewußtlos in dem provisorischen Sanitätszimmer in ihrem Unterschlupf in Hackensack lagen. Damals hatte Socorro sich wirklich bemüht, die Gefangenen zu hassen - reicher bourgeoiser Abschaum, hatte sie die drei damals genannt, und das waren sie für sie auch jetzt noch. Aber der Haß war damals erzwungen gewesen, und daran hatte sich, wie sie zu ihrer Schande gestehen mußte, nichts geändert.
Als die Frau sie an diesem Morgen in der Hütte etwas fragte, obwohl Miguel Schweigen befohlen hatte, schlug Socorro bewußt so hart zu, daß es die Frau zur Seite schleuderte. Da sie glaubte, Miguel sehe zu, wollte sie ihm einfach zeigen, daß sie seine Maßnahmen unterstützte. Doch schon Augenblicke später schämte sie sich dessen. Scham! So etwas durfte sie nicht empfinden.
Sie mußte, sagte sie sich, nun endgültig und ein für allemal all das aus ihrem Gedächtnis löschen, was sie einmal gemocht hatte - nein, alles, was sie geglaubt hatte zu mögen - in ihren drei Jahren in den Vereinigten Staaten. Sie mußte Amerika hassen, hassen, hassen. Und diese Gefangenen ebenfalls.