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Über diesen Gedanken schlief Socorro ein, während der Fluß und die dichtbewachsenen, unbewohnten Ufer an den Booten vorbeizogen. Etwa drei Stunden nach der Abfahrt wurden die Kähne schließlich langsamer und bogen in einen schmaleren Nebenfluß ein, dessen steile, hohe Ufer heranrückten. Sie näherten sich Nueva Esperanza, dachte Socorro, und dort würde sie wieder stärker werden und ihr revolutionäres Feuer neu entfachen.

Als Baudelio sah, daß das vordere Boot in einen Nebenarm einbog, wußte er, daß die Reise nun fast zu Ende war. Er war froh darüber, denn auch das Ende seiner Beteiligung an diesem Projekt war nun in Sicht, und er würde bald wieder in Lima sein. Man hatte ihm versprochen, er dürfe gehen, sobald er die Gefangenen gesund und wohlbehalten abgeliefert hatte.

Und gesund waren sie ja, trotz dieser entsetzlichen, feuchten Hitze.

So als hätte der Gedanke an die Feuchtigkeit Schleusen geöffnet, zog sich der Himmel plötzlich zusammen, und ein Wolkenbruch wühlte den Fluß auf. In der Entfernung war zwar bereits ein Landungssteg mit vertäuten Booten zu sehen, aber noch lagen einige Minuten Fahrt vor ihnen, und den Gefangenen und ihren Bewachern blieb nichts anderes übrig, als sich naß regnen zu lassen.

Baudelio war der Regen gleichgültig, wie fast alles, was ihm widerfuhr, so auch die Beleidigungen, die ihm der alte Mann und die Frau an den Kopf geworfen hatten. Über so etwas machte er sich schon seit langem keine Gedanken mehr, und jegliches menschliche Gefühl gegenüber denen, die er behandelte, hatte er schon vor Jahren abgelegt.

Das einzige, wonach er sich in diesem Augenblick wirklich sehnte, war ein Drink, am besten gleich mehrere, denn Baudelio wollte sich so schnell wie möglich vollaufen lassen. Während er auch weiterhin die Antabuse-Pillen nahm, die es ihm unmöglich machten zu trinken, ohne daß ihm entsetzlich schlecht würde -Miguel bestand noch immer darauf, daß der alkoholsüchtige Arzt in seiner Gegenwart täglich eine Pille schluckte -, hatte er vor, damit aufzuhören, sobald er sich von Miguel trennte, was in seinen Augen gar nicht früh genug passieren konnte.

Es gab noch etwas, wonach Baudelio sich sehnte, nach seiner Frau in Lima. Er wußte, daß sie eine Schlampe war, eine ehemalige Prostituierte, und daß sie ebensoviel trank wie er; aber in den Ruinen seines zerstörten Lebens war sie alles, was er noch hatte, und er vermißte sie. Seine abgrundtiefe Einsamkeit war der Grund gewesen, warum er vor einer Woche trotz des Verbots über eins der Funktelefone diese Frau angerufen hatte. Seitdem hatte er ständig in der Angst gelebt, Miguel könnte es herausfinden. Doch offensichtlich hatte der von dem Anruf nichts gemerkt, und Baudelio war deswegen sehr erleichtert.

O Mann, einen Drink hatte er jetzt wirklich nötig!

Die Schokolade war zwar kein dauerhafter Ersatz für anständige Nahrung, aber sie half über den ersten Hunger hinweg.

Jessica wollte keinen Gedanken daran verschwenden, warum die Frau mit dem mürrischen Gesicht ihnen spontan die Schokolade dagelassen hatte; sie war wahrscheinlich sehr launisch. So versteckte Jessica die Schokolade einfach in einer Tasche ihres Kleides, damit die Männer im Boot sie nicht entdeckten.

Während der Fahrt stromaufwärts gab sie Nicky den größten Teil davon, aß aber selbst auch etwas und bestand darauf, daß auch Angus sich etwas nahm. Es sei wichtig, sagte sie ihm leise, daß sie wieder zu Kräften kamen, denn nach der Fahrt in dem offenen Lastwagen, dem anstrengenden Dschungelmarsch und den Stunden im Boot waren sie alle sehr geschwächt.

Jessica merkte plötzlich, daß sie an der Länge von Angus' Bart die Dauer ihrer Bewußtlosigkeit ablesen konnte. Es war ihr vorher gar nicht aufgefallen, doch die grauen Stoppeln in seinem Gesicht waren überraschend lang. Als sie Angus dies sagte, griff er sich ans Kinn und schätzte, daß die letzte Rasur vier oder fünf Tage her sein müsse.

Vielleicht war das im Augenblick gar nicht wichtig, aber Jessica versuchte noch immer, so viele Informationen zu bekommen wie möglich, und deshalb blieb sie während der Bootsfahrt auch wach.

Viel zu sehen gab es nicht, außer dem dichten Blätterwerk an den Ufern und den vielfachen Windungen des Flußes, der fast nie in einer geraden Linie zu verlaufen schien. Manchmal tauchten in der Entfernung Kanus auf, doch keines näherte sich ihnen.

Während der ganzen Reise plagte Jessica ein ständiger Juckreiz. Das erste, was sie nach dem Aufwachen in der Hütte gespürt hatte, waren die Insekten, die über ihren Körper krabbelten. Nun merkte sie, daß es Flöhe waren, die sich an ihr festgesetzt hatten und sie unaufhörlich bissen. Doch loswerden konnte sie die Insekten nur, wenn sie sich auszog. Sie hoffte, daß es an dem Ort, zu dem man sie und die anderen brachte, genug Wasser gab, um die Flöhe abzuspülen.

Wie alle anderen wurden auch Jessica, Nicky und Angus von dem Wolkenbruch kurz vor der Landung in Nueva Esperanza bis auf die Haut durchnäßt. Als ihr Boot dann an dem hölzernen Landungssteg festmachte, hörte der Regen so plötzlich auf, wie er begonnen hatte, und im gleichen Augenblick verließ alle drei der Mut, als sie sahen, was für ein entsetzlicher Ort da vor ihnen lag.

Vom Ufer führte ein morastiger Pfad zu einer Gruppe von heruntergekommenen Häusern, insgesamt etwa zwei Dutzend, von denen einige nur provisorische, aus Kistenbrettern und Wellblech zusammengenagelte Hütten waren. Die meisten Häuser waren fensterlos, nur bei zweien war an der Vorderseite eine Art Ladenfront erkennbar. Die Strohdächer waren verwahrlost, in einigen klafften riesige Löcher. Leere Dosen und anderer Abfall lag in der Umgebung verstreut. Einige magere Hühner liefen frei herum. Etwas abseits lag ein toter Hund, auf dem Geier herumpickten.

Sah es weiter entfernt vielleicht besser aus? Als traurige Antwort kam eine unebene, vom Regen aufgeweichte Straße in Sicht, die aus dem Dorf hinaus auf einen Hügel führte und hinter dessen Gipfel verschwand. Dichte Dschungelwände begrenzten die Straße zu beiden Seiten, Gebäude waren keine mehr zu entdecken.

Später sollten Jessica und die anderen erfahren, daß Nueva Esperanza eigentlich ein Fischerdorf war, das der Sendero Luminoso hin und wieder für Zwecke benutzte, die die Organisation geheimhalten wollte.

»Vdyanse a tierra! Muevanse! Apürense!« schrie Gustavo die Gefangenen an und gab ihnen mit Gesten zu verstehen, sie sollten sich bewegen. Niedergeschlagen folgten Jessica und die anderen dem Befehl, sie wagten gar nicht daran zu denken, was ihnen noch bevorstand.

Was Augenblicke später geschah, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen.

Gustavo und vier weitere Männer führten sie über den morastigen Weg zu der Hütte, die am weitesten vom Fluß entfernt stand. Im Inneren dauerte es dann einige Minuten, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Doch als Jessica dann etwas erkennen konnte, schrie sie entsetzt auf.

»O mein Gott, nein! Sie können uns doch nicht da hineinsperren. Doch nicht in Käfige, wie wilde Tiere. Bitte! Bitte nicht!«

Was sie im Hintergrund der Hütte entdeckt hatte, waren drei abgeteilte Zellen von je knapp drei Metern im Quadrat. Dünne, aber kräftige, fest miteinander verknotete Bambusstäbe ersetzten die Eisengitter. Zusätzlich war an die Trenngitter der einzelnen Zellen Maschendraht genagelt worden, um Körperkontakt zwischen den Gefangenen oder einen Austausch von Gegenständen unmöglich zu machen. An der Vorderseite jeder Zelle befand sich eine Tür, die sich mit einer Stange und einem schweren Vorhängeschloß verriegeln ließ.

Die Einrichtung der Zellen bestand aus einer Holzpritsche mit einer dünnen, fleckigen Matratze und einem verzinkten Blechkübel neben der Pritsche, der vermutlich als Toilette dienen mußte. In der Hütte stank es entsetzlich.