Während Jessica noch flehte und protestierte, wurde sie von Gustavo gepackt. Sie wehrte sich, doch seine Hände waren wie Stahl. Er stieß sie vorwärts und befahclass="underline" »Vete para adentro!« Dann wiederholte er in gebrochenem Englisch: »Du da rein!«
»Da rein« hieß in die Zelle, die am weitesten von der Hüttentür entfernt war, und Gustavo warf Jessica mit einem brutalen Stoß gegen die hintere Wand. Während sie dagegenfiel, wurde die Zellentür geschlossen, sie hörte das metallische Klicken des Vorhängeschlosses. Am anderen Ende der Hütte hörte sie nun Angus schreien und kämpfen, doch auch er wurde überwältigt und in die Zelle gestoßen; das Schloß schnappte ein.
In der Zelle neben sich hörte sie Nicky weinen.
Tränen der Wut, der Enttäuschung und der Verzweiflung liefen ihr über die Wangen.
8
Eineinhalb Wochen waren vergangen, seitdem CBA News die sechzig Hilfskräfte losgeschickt hatte, um in den Lokalzeitungen der Gegend nach möglichen Hinweisen auf den Unterschlupf der Entführer zu suchen. Doch bis jetzt hatte man noch nichts erreicht, und auch sonst gab es keine Fortschritte.
Das FBI gab zwar nicht offen zu, daß es in einer Sackgasse steckte, hatte aber auch nichts Neues zu berichten. Und die CIA, die angeblich ebenfalls an dem Fall arbeitete, gab sowieso keine öffentlichen Erklärungen ab.
Jeder schien auf ein Zeichen von den Kidnappern zu warten, darauf, daß sie Forderungen stellten, doch das war bis jetzt noch nicht geschehen.
Die Entführungsgeschichte war noch immer gut für eine Nachrichtenmeldung, aber im Fernsehen stand sie nicht mehr an erster Stelle, und auch die Zeitungen brachten sie nur noch auf den Innenseiten.
Trotz des offensichtlich nachlassenden Interesses der Öffentlichkeit, blühten auch weiterhin die Spekulationen. Die öffentliche Meinung tendierte immer mehr zu der Annahme, die Entführungsopfer seien heimlich außer Landes gebracht worden. Die Spekulationen über die Frage wohin konzentrierten sich auf den Nahen Osten.
Nur bei CBA News gab es Hinweise in eine ganz andere Richtung. Da die Spezialeinheit den kolumbianischen Terroristen Ulises Rodriguez als Mitglied und wahrscheinlichen Anführer der Bande identifiziert hatte, konzentrierte sich dort die ganze Aufmerksamkeit auf Lateinamerika. Doch leider hatte man noch nicht feststellen können, welches Land den Entführern als Basis diente.
Zur Überraschung aller Beteiligten blieb das Wissen um Rodriguez' Beteiligung exklusiv auf CBA beschränkt. Man hatte erwartet, daß andere Sender und die Zeitungen von der Entdeckung erfahren und sie in der Öffentlichkeit verbreiten würden, doch das war bis jetzt nicht geschehen. Eine Garantie für die Zukunft war das allerdings nicht. Und einigen bei CBA war auch nicht eben wohl bei dem Gedanken, daß die Nachrichtenabteilung dem FBI die Information über Rodriguez vorenthielt.
In der Zwischenzeit hielt CBA die Entführungsgeschichte mehr als andere Sender am Leben, und zwar auf eine aggressive Art, die sie beim Rivalen CBS abgeschaut hatten. Während der Geiselkrise im Iran zwischen 1979 und 1981 hatte Walter Cronkite, der Moderator der CBS Evening News, jede Sendung mit dem Satz beendet: »Soweit die Nachrichten vom (Datum), dem -ten Tag der Gefangenschaft der amerikanischen Geiseln im Iran.« (Am Ende waren es 444 Tage.)
Barbara Matusow, Historikerin und moralische Instanz des Fernsehens, schrieb darüber in ihrem Buch The Evening Stars, Cronkite sei »zu dem Entschluß gekommen, ...die Geiseln seien so wichtig, daß man sie jeden Abend aufs Neue ins Bewußtsein der Öffentlichkeit bringen müsse«.
Ähnlich begann auch Harry Partridge, der als zweiter Sprecher noch immer alles moderierte, was die Entführung betraf, seine Meldungen: »Heute, am (soundsovielten) Tag seit der brutalen Entführung der Familie des Chefsprechers von CBA News, Crawford Sloane...« Danach folgte der eigentliche Bericht.
Nach Absprache mit Les Chippingham und Chuck Insen brachte man in jeder Ausgabe der National Evening News eine Erwähnung der Entführung, auch wenn man nur berichten konnte, daß es noch keine neuen Entwicklungen gab.
Doch am Mittwochmorgen, zehn Tage nach Beginn der Zeitungsaktion, ereignete sich etwas, das die gesamte Nachrichtenabteilung wieder auf Hochtouren brachte. Es bedeutete gleichzeitig das Ende der Tatenlosigkeit, die schwer auf den Mitgliedern der Spezialeinheit lastete.
Zu der Zeit saß Harry Partridge in seinem Büro. Plötzlich standen Teddy Cooper und Jonathan Mony, der junge, vielversprechende Schwarze, in seiner Tür.
»Vielleicht haben wir etwas, Harry«, sagte Cooper.
Partridge winkte die beiden in sein Zimmer.
»Jonathan wird es dir erzählen«, sagte Cooper. »Schieß los.«
»Ich war gestern bei einem Lokalblatt in Astoria, Mr. Partridge«, begann Mony selbstbewußt. »Das ist in Queens, in der Nähe von Jackson Heights. Ich konnte dort zwar nichts finden, aber als ich wieder draußen war, fiel mit das Büro einer spanischen Zeitung mit dem Namen Semana auf. Ich bin dann einfach reingegangen, obwohl die nicht auf der Liste war.«
»Sie sprechen Spanisch?«
Mony nickte. »Ziemlich gut. Ich hab' mich dann erkundigt, ob ich die Ausgaben der letzten drei Monate einsehen dürfte, und sie hatten nichts dagegen. Es war zwar auch Fehlanzeige, aber beim Gehen drückten die mir noch ihre letzte Ausgabe in die Hand. Ich habe sie mit nach Hause genommen und gestern abend gelesen.«
»Und heute morgen hat er sie mir gezeigt«, ergänzte Cooper. Er zog ein Boulevardblättchen aus der Tasche und breitete es vor Partridge aus. »Da ist ein Artikel, von dem wir glauben, daß er dich interessiert, und das ist Jonathans Übersetzung.«
Partridge warf einen flüchtigen Blick auf die Zeitung und las dann die Übersetzung.
Hallo Leute, es ist zwar kaum zu glauben, aber es gibt wirklich Spinner, die sich Särge kaufen wie andere Käse im Supermarkt. Ist wirklich passiert, ihr braucht nur Alberto Godoy von Godoys Bestattungsinstitut zu fragen.
Kam also dieser Kerl einfach in den Laden und kaufte sich zwei Särge von der Stange - einen normalen und einen kleinen. Meinte, er wolle sie seiner Mom und seinem Dad bringen, den kleinen für seine Mom. Ein hübscher Wink mit dem Zaunpfahl für die Alten, was? »Macht 'ne Kurve, meine Lieben, die Party ist aus!«
Aber es kommt noch viel besser. Letzte Woche, das heißt also sechs Wochen später, kommt derselbe Kerl noch mal und will noch einen Sarg, 'nen normalen. Hat bar bezahlt und ihn gleich mitgenommen, wie beim ersten Mal. Für wen er den brauchte, hat er aber nicht gesagt. Na, vielleicht hat ihn seine Frau betrogen.
Unserem Albert Godoy ist das eigentlich ziemlich schnuppe. - Der meint, von solchen Geschäften kann es gar nicht genug geben.
»Da ist noch etwas, Harry«, sagte Cooper. »Wir haben eben in der Redaktion der Semana angerufen. Wir hatten Glück, der Kerl, von dem die Kolumne stammt, war da. Jonathan hat mit ihm gesprochen.«
»Der hat mir erzählt«, ergänzte Mony, »daß er den Artikel am vorletzten Freitag geschrieben hat. Am selben Tag hatte er Godoy in einer Bar gesehen, und der hatte kurz zuvor den dritten Sarg verkauft.«
»Und das«, warf Cooper dazwischen, »war zufällig gleich nach der Entführung, am nächsten Tag.«
»Moment mal«, sagte Partridge. »Laßt mich mal überlegen.« Die beiden anderen verstummten.
Ganz ruhig, sagte sich Partridge. Jetzt nur keine voreiligen Schlüsse. Aber die Indizien waren unmißverständlich: Die ersten beiden Särge, die sechs Wochen vor der Entführung gekauft wurden, also knapp vor dem geschätzten Beginn der einmonatigen Überwachung der Sloanes und innerhalb der drei Monate, die die Spezialeinheit als maximale Operationsdauer annahm. Dann die Größe der beiden Särge: ein normaler, ein kleiner, und der zweite angeblich für eine kleine alte Frau, höchstwahrscheinlich aber für einen elfjährigen Jungen.