»Hören Sie mir gut zu, Godoy«, fuhr Kettering fort. »Ein Sender wir der unsere hat jede Menge Beziehungen, und wenn nötig, machen wir davon auch Gebrauch, vor allem jetzt, da wir für einen von uns kämpfen - und gegen ein abscheuliches Verbrechen, die Entführung seiner Familie. Wir wollen Antworten auf unsere Fragen, und zwar schnell. Wenn Sie uns helfen, werden wir versuchen, Ihnen zu helfen, indem wir dem Finanzamt nicht melden, was für uns unwichtig ist, Ihren Steuerbetrug zum Beispiel. Aber wenn wir keine ehrlichen Antworten bekommen, stehen noch heute das FBI, die New Yorker Polizei und die Leute von der Steuerfahndung vor Ihrer Tür. Natürlich auch die von der Einkommenssteuer, denn die haben Sie ja sicher auch nicht bezahlt. Sie haben die Wahl. Entweder antworten Sie uns oder denen.«
Godoy leckte sich die Lippen. »Also gut, ich werde Ihre Fragen beantworten.« Seine Stimme klang gequält.
Kettering nickte. »Du bist dran, Harry.«
»Mr. Godoy«, fragte Partridge, »wer hat diese Särge gekauft?«
»Er stellte sich als Novack vor. Hab' ich ihm nicht abgenommen.«
»Da hatten Sie wahrscheinlich recht. Wissen Sie sonst noch etwas über ihn?«
»Nein.«
Partridge griff in seine Tasche. »Ich zeige Ihnen jetzt ein Foto. Ich will nur wissen, ob Ihnen das irgendwas sagt.« Er zeigte ihm die Kopie der zwanzig Jahre alten Zeichnung von Ulises Rodriguez.
Godoy antwortete, ohne zu zögern: »Das ist er. Das ist Novack. Er ist älter als auf dem Bild...«
»Ja, das wissen wir. Sind Sie sich absolut sicher?«
Zum ersten Mal an diesem Tag spürte Partridge so etwas wie Befriedigung. Wieder einmal hatte die Spezialeinheit einen Durchbruch geschafft. Zwischen den Särgen und der Entführung war eine eindeutige Beziehung hergestellt. Er warf Kettering und Mony einen kurzen Blick zu und sah, daß sie dasselbe dachten.
»Erzählen Sie uns doch von Ihrem Gespräch mit diesem Novack«, forderte er Alberto Godoy auf. »Von Anfang an.«
In dem folgenden Frage- und Antwortspiel holte Partridge so viel aus dem Leichenbestatter heraus, wie er nur konnte. Doch viel war es nicht, es wurde nur deutlich, daß Rodriguez sich Mühe gegeben hatte, keine Spuren zu hinterlassen.
Partridge wandte sich an Kettering. »Hast du noch Fragen, Don?«
»Eine oder zwei.«
»Das Geld, das Novack Ihnen gegeben hat«, sagte Kettering zu Godoy. »Sie sagten doch, es wären insgesamt fast 10000 Dollar gewesen, vorwiegend Hunderter. Stimmt das?«
»Ja.«
»War an den Scheinen irgendwas Besonderes?«
Godoy schüttelte den Kopf. »Was soll denn an Geld besonders sein, außer daß es Geld ist?«
»Waren es neue Scheine?«
Der Leichenbestatter dachte nach. »Ein paar vielleicht, aber die meisten nicht.«
»Was ist mit dem ganzen Geld passiert?«
»Alles weg. Ich habe es ausgegeben, ein paar Rechnungen bezahlt.« Godoy zuckte mit den Achseln. »Heutzutage ist Geld doch gleich wieder fort.«
Jonathan Mony hatte den Leichenbestatter während der ganzen Befragung genau beobachtet. Und er war sicher, an Godoy Zeichen von Nervosität bemerkt zu haben, als zuvor das Geld zur Sprache kam. Jetzt hatte er das gleiche Gefühl. Er kritzelte etwas auf einen Zettel und gab ihn Kettering. Er lügt.
Er hat noch was von dem Geld. Er will es uns nur nicht sagen, weil er noch Angst vor der Steuer hat - Verkaufs- und Einkommenssteuer, stand darauf.
Der Wirtschaftskorrespondent las die Notiz, nickte unmerklich und gab sie zurück. Er stand auf, als wolle er gehen, und fragte Godoy höflich: »Können Sie sich sonst noch an etwas erinnern oder haben Sie etwas, das uns vielleicht weiterhelfen würde?« Dann wandte er sich zur Tür.
Godoy, der nun wieder entspannt und offensichtlich froh war, daß die Sache ausgestanden war, antwortete: »Nein, absolut nichts.«
Kettering wirbelte auf dem Absatz herum. Sein Gesicht war, verzerrt und rot vor Wut, er machte eine Satz zum Tisch, beugte sich darüber und packte den Leichenbestatter bei den Schultern. Er zog ihn zu sich, bis dessen Gesicht knapp vor seinem war und zischte ihn an: »Sie sind ein verdammter Lügner, Godoy. Sie haben noch was von dem Geld. Und da Sie es uns nicht zeigen wollen, werden wir dafür sorgen, daß das Finanzamt es zu sehen bekommt. Ich sagte Ihnen, wir würden Sie nicht anzeigen, wenn Sie uns helfen. Das können Sie jetzt vergessen.«
Kettering stieß Godoy in seinen Stuhl, zog ein dünnes Adreßbuch aus der Tasche und griff nach dem Telefon.
»Nein«, rief Godoy. Er riß Kettering das Telefon aus der Hand und stöhnte verärgert. »Sie Schwein. Also gut, ich zeig' es Ihnen.«
»Das ist absolut das letzte Mal«, entgegnete Kettering, »daß Sie uns zum Narren gehalten haben. Beim nächsten Mal... «
Aber Godoy stand bereits vor einem gerahmten Einbalsamierungszertifikat an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Ein Safe kam zum Vorschein. Der Leichenbestatter drehte an dem Zahlenschloß.
Wenige Minuten später untersuchte Kettering unter den interessierten Blicken der anderen sorgfältig das Geld, das Godoy aus dem Safe geholt hatte - fast 4000 Dollar. Der Wirtschaftskorrespondent sah sich jede Seite der Scheine genau an und trennte sie in drei Stapel, zwei kleinere und einen größeren. Dann schob er Godoy den größeren Stapel wieder zu und deutete auf die beiden kleineren.
»Wir müssen uns die ausleihen. Sie bekommen dafür auch eine ordentliche Quittung von CBA News. Sie können sich die Seriennummern aufschreiben, wenn Sie wollen, und Mr. Partridge und ich werden die Quittung unterschreiben. Ich garantiere Ihnen persönlich, daß Sie das Geld in achtundvierzig Stunden zurückerhalten und daß es keine weiteren Fragen geben wird.«
»Wenn es sein muß«, murmelte Godoy mißmutig.
Kettering winkte Partridge und Mony näher an die Stapel heran. Es waren lauter Hundertdollarscheine.
»Viele Geschäftsleute sind bei Hundertern vorsichtig«, sagte er, »weil sie Angst haben, sie könnten gefälscht sein. Deshalb machen sie sich oft Notizen auf die Scheine, damit sie sie später zurückverfolgen können. Wenn du bei Hertz zum Beispiel ein Auto mietest und bei der Rückgabe mit Hunderterscheinen zahlst, schreiben sie die Nummer des Mietvertrags auf jeden Schein, und das heißt, daß sie dich aufspüren können, wenn der Schein eine Blüte ist. Aus dem gleichen Grund notieren sich die Kassierer von Banken die Kontonummer oder den Namen des Einzahlers, wenn er ihnen Hunderter bringt.«
»Ich hab' das schon manchmal auf Hundertern gesehen«, sagte Partridge, »und mich immer gefragt, wozu das dient.«
»Ich nicht«, warf Mony dazwischen. »Solche Scheine kriege ich nie in die Hand.«
Kettering lächelte. »Bleib beim Fernsehen, Junge. Dann kommen die auch zu dir.«
Dann fuhr er fort. »Diese Markierungen sind natürlich unzulässig. Sie gelten als Beschädigung von Banknoten und sind daher strafbar, obwohl das praktisch nie verfolgt wird. Auf jeden Fall stehen auf den Scheinen im ersten Stapel Nummern, auf denen im zweiten Namen. Wenn du willst, Harry, zeige ich die mit den Nummern meinen Freunden bei den Banken, die sie durch ihre Computer laufen lassen und möglicherweise feststellen können, wer sie benutzt hat. Wer die Scheine mit den Namen in der Tasche gehabt hat, bekomme ich vielleicht raus, wenn ich einfach im Telefonbuch nachschlage.«
»Ich glaube, ich weiß, worauf du hinauswillst«, sagte Partridge. »Aber erzähl weiter, Don, wonach du genau suchst.«
»Wir suchen bestimmte Banken, und die Informationen, die wir bekommen, werden uns helfen, die Banken zu finden, die diese Scheine irgendwann gehabt haben; vielleicht hat jemand in einer Bank diese Nummern und Namen auf die Scheine geschrieben. Und wenn wir Glück haben, stoßen wir dabei auch auf die Bank, die das ganze Geld ausgezahlt hat.«
»Hab' schon verstanden«, sagte Mony. »Ausgezahlt an die Entführer, die damit die Särge von Mr. Godoy gekauft haben.«