Kettering nickte. »Genau. Die Sache ist natürlich ziemlich unsicher, aber falls es funktioniert, kennen wir die Bank, die unsere Entführer benutzten und bei der sie wahrscheinlich ein Konto hatten.« Der Wirtschaftskorrespondent hob die Schultern. »Sobald wir das wissen, Harry, kannst du von da aus weitermachen.«
»Großartig, Don«, sagte Partridge. »Bis jetzt hatten wir nichts als unsichere Sachen.« Sein Blick fiel auf die Semana, die sie überhaupt erst hierhergebracht hatte, und er erinnerte sich an Onkel Arthurs Ausspruch zu Beginn der Zeitungsaktion: »Obwohl man dabei selten genau das findet, was man sucht, stolpert man oft über etwas anderes, das einem ebenso weiterhilft.«
9
Die Stimmung in Alberto Godoys Büro wurde ein wenig gelöster. Da seine Besucher vom Fernsehen offensichtlich zufrieden waren und er sich nun nicht mehr bedroht fühlte, entspannte sich der Leichenbestatter. Schließlich, dachte Godoy, hatte er ja nichts Verbotenes getan, als er Novack, oder wie der Kerl auch immer hieß, die drei Särge verkaufte. Wie sollte er wissen, daß diese verdammten Särge zu kriminellen Zwecken dienten. Sicher, dieser Novack war ihm bei bei den Besuchen verdächtig vorgekommen, und er hatte ihm kein Wort seiner Geschichte geglaubt. Aber das konnte ihm kein Mensch beweisen.
Am Anfang der Fragerei hatte er es mit der Angst zu tun bekommen, weil er die Verkaufssteuer, die er für die ersten zwei Särge verlangt hatte, nicht abgeführt und weil er seine Bücher gefälscht hatte, so daß die zehn Riesen überhaupt nicht als Einnahmen auftauchten. Wenn das Finanzamt davon Wind bekäme, würden sie ihm die Hölle heiß machen. Jetzt hatten die Typen vom Fernsehen aber versprochen, daß sie den Mund halten würden, und er glaubte ihnen. Soweit er wußte, gingen Reporter öfters solche Abmachungen ein, um an Informationen zu kommen. Und jetzt, da es vorbei war, mußte er zugeben, daß es schon faszinierend war zu sehen, wie sie arbeiteten. Aber er würde kein Wort von dem erzählen, was ihm eben passiert war, wenn dieser verdammte Schnüffler von dem Schmierblättchen Semana in der Nähe war.
»Wenn Sie mir ein Blatt Papier geben«, sagte Kettering und wies auf die zwei Stapel, die noch immer auf dem Tisch lagen, »dann schreibe ich Ihnen einen Quittung für das Geld aus.«
Godoy zog eine Schublade auf, in der er seinen ganzen Kleinkram aufbewahrte, und nahm ein Blatt liniertes Papier heraus. Beim Zuschieben fiel sein Blick auf einen Zettel mit seiner Handschrift. Er hatte den Fetzen vor mehr als einer Woche in die Schublade gesteckt und ihn vollkommen vergessen.
»Heh, da ist noch was! Als dieser Novack zum zweiten Mal... «
»Zum zweiten Mal was?« fragte Partridge scharf.
»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß er einen CadillacLeichenwagen hatte, mit einem anderen Kerl am Steuer. Sie haben den Sarg damit abtransportiert.«
»Und?«
Godoy streckte ihnen den Notizzettel entgegen. »Das ist die Autonummer des Leichenwagens. Ich habe sie mir aufgeschrieben, den Zettel da hineingesteckt und ihn total vergessen.«
»Warum haben Sie das getan?« fragte Kettering.
»Wahrscheinlich aus 'nem unbestimmten Gefühl heraus.« Godoy zuckte mit den Achseln. »Ist das wichtig?«
»Nein«, antwortete Partridge, »ist es nicht. Aber auf jeden Fall danke. Wir werden die Nummer überprüfen.« Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Tasche, obwohl er wenig Hoffnung hatte, daß bei der Überprüfung etwas herauskommen würde. Schließlich waren auch die Nummernschilder des Nissan, der in White Plains explodiert war, gefälscht gewesen und hatten zu nichts geführt. Aber man mußte jeder Spur nachgehen und durfte nichts als selbstverständlich hinnehmen.
Doch dann fiel Partridge etwas ganz anderes ein. Er wußte, daß sie mit einigen oder den meisten Informationen, darunter auch die über Rodriguez, bald auf Sendung gehen mußten, mit ziemlicher Sicherheit in den nächsten ein oder zwei Tagen. Man konnte bei CBA nicht unbegrenzt Informationen zurückhalten, ohne daß sie durchsickerten; sie hatten zwar bis jetzt Glück gehabt, aber das konnte sich jeden Augenblick ändern. Und schließlich waren sie ja in erster Linie Journalisten. Partridge wurde richtig aufgeregt bei dem Gedanken, über diese Fortschritte berichten zu können, und er beschloß, jetzt gleich für eine angemessene Art der Präsentation zu sorgen.
»Mr. Godoy«, sagte er, »wir haben es am Anfang vielleicht nicht ganz richtig angefaßt, aber Sie waren sehr hilfreich. Hätten Sie etwas dagegen, einen Großteil Ihrer Aussagen vor einer Kamera zu wiederholen?«
Godoy gefiel natürlich die Vorstellung, im Fernsehen zu erscheinen, und dazu noch bei einem so bekannten Sender. Aber dann erkannte er, daß er sich nach dieser Publicity wahrscheinlich unangenehmen Fragen aussetzen mußte, und eben auch solchen nach der Steuer. Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke.«
Als könne er Gedanken lesen, sagte nun Partridge: »Wir brauchen Ihren Namen nicht zu nennen und auch Ihr Gesicht nicht zu zeigen. Wir können ein sogenanntes Silhouetteninterview machen, mit Scheinwerfern, die so positioniert werden, daß man von Ihnen nur einen Schattenriß sieht. Und wir können sogar Ihre Stimme unkenntlich machen.«
»Die klingt dann so, als würde sie aus einer Kaffeemühle kommen«, ergänzte Kettering. »Die würde nicht mal Ihre Frau erkennen. Also los, Godoy, was haben Sie schon zu verlieren? Draußen im Auto haben wir einen Kameramann, der in solchen Sachen ein richtiger Experte ist, und Sie würden uns helfen, die Entführungsopfer wiederzufinden.«
»Hm...« Der Leichenbestatter zögerte. »Aber Sie versprechen mir, die Sache vertraulich zu behandeln und nichts weiterzuerzählen?«
»Das verspreche ich Ihnen«, entgegnete Partridge. »Ich auch«, pflichtete Kettering ihm bei.
»Und ich ebenfalls«, ergänzte Mony.
Kettering und Partridge wechselten einen flüchtigen Blick, denn sie wußten, daß dieses Versprechen, das sie Godoy gegeben hatten und das sie auch halten würden - für seriöse Journalisten Ehrensache -, ihnen später Probleme bereiten konnte. Das FBI und andere waren vielleicht mit der Geheimhaltung nicht einverstanden und würden wissen wollen, wer diese Silhouette war. Aber darum sollten sich die Anwälte des Senders kümmern; Probleme dieser Art hatte es schon mehrfach gegeben.
Partridge erinnerte sich an einen Fall aus dem Jahr 1986, als NBC ein spektakuläres, wenn auch sehr kontroverses Interview mit dem palästinensischen Terroristen Mohammed Abul Abbas zustande brachte. Danach stand NBC im Kreuzfeuer der Kritik, nicht nur wegen des Interviews selbst, sondern auch wegen der zuvor getroffenen Abmachung - an die der Sender sich hielt -, den Ort des Treffens nicht preiszugeben. Unter den Kritikern waren auch einige Journalisten, doch bei denen war offensichtlich beruflicher Neid im Spiel. Ein Vertreter des Außenministeriums schäumte vor Wut, und das Justizministerium drohte mit Vorladung und Verhör des verantwortlichen Fernsehteams, doch im Endeffekt passierte nichts. (Der damalige Außenminister George Shultz antwortete auf eine entsprechende Frage lediglich: »Ich glaube an die Freiheit der Presse.«)
Es war eine allgemein bekannte Tatsache, daß für Nachrichtensender in vielfacher Hinsicht gewissermaßen eigene Gesetze galten. Zum einen wollte sich keine Regierungsbehörde juristisch mit ihnen anlegen. Zum anderen stand der Journalismus der freien Welt für Wahrheit, Freiheit und Integrität. Natürlich wurde man diesen Maßstäben nicht immer gerecht, weil Journalisten eben auch nur Menschen waren. Wenn man aber als unbelehrbarer Gegner dieses freien Journalismus auftrat, lief man Gefahr, nicht der »sauberen«, sondern der »schmutzigen« Seite zugerechnet zu werden.
Während Harry Partridge über diese Grundlagen seines Berufs nachdachte, baute Minh Van Canh seine Ausrüstung für das Interview auf, das Don Kettering mit Alberto Godoy führen würde.