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Partridge hatte vorgeschlagen, daß Kettering das Interview übernehmen solle, nicht zuletzt deshalb, weil der Wirtschaftskorrespondent ganz offensichtlich auch weiterhin an den Ermittlungen beteiligt sein wollte. Schließlich lag dieses Thema der ganzen Nachrichtenabteilung sehr am Herzen. Außerdem hatte Partridge für sich selbst bereits andere Pläne.

Er hatte beschlossen, sobald wie möglich nach Bogota zu fliegen. Obwohl er die Meinung seines kolumbianischen Kollegen teilte, daß Ulises Rodriguez nicht im Land sei, hielt er nun die Zeit für gekommen, um die Suche in Lateinamerika zu beginnen, und dazu war Kolumbien der geeignete Ausgangspunkt.

Minh Van Canh meldete, daß er bereit sei.

Als man ihn wenige Minuten zuvor hereinrief, hatte er sich in dem Bestattungsinstitut umgesehen und beschlossen, das Interview im Keller, wo die Särge aufbewahrt wurden, zu filmen. Wegen der speziellen Beleuchtung war zwar von dem Raum selbst nicht viel zu sehen; nur die Wand, vor der Godoy saß, war angestrahlt, der Interviewte selbst saß im Schatten. Aber neben Godoys Silhouette war der Umriß eines Sargs zu erkennen, und das schuf einen makabren Effekt. Die Stimme des Leichenbestatters würde erst später in der Zentrale von CBA News verfremdet.

Da Minh keinen Tontechniker zur Unterstützung hatte, benutzte er eine Ein-Mann-Ausrüstung, eine Betacam mit Halbzollband, die Bild und Ton gleichzeitig aufnahm. Er hatte auch einen kleinen Kontrollmonitor mitgebracht und stellte ihn so, daß Godoy von seinem Stuhl aus genau das sehen konnte, was die Kamera sah. In solch speziellen Situationen wurde dieser Kunstgriff häufig angewendet, um den Interviewpartner entspannter zu machen.

Doch Godoy war nicht nur entspannt, sondern auch amüsiert. »Heh«, sagte er zu Kettering, der etwas abseits, außerhalb des Blickfeldes der Kamera saß, »ihr seid ja echt raffiniert.«

Kettering, der seine eigenen Vorstellungen über den Verlauf dieses Interviews hatte, sah von seinen flüchtig zusammengeschriebenen Notizen hoch und lächelte ihn dünn an. Auf ein Nicken von Minh schwieg er zunächst einige Sekunden, um Platz zu lassen für eine Einführung, die erst später aufgenommen würde, und begann dann.

»Als Sie diesen Mann, von dem Sie jetzt wissen, daß es sich um den Terroristen Ulises Rodriguez handelte, zum ersten Mal sahen, welchen Eindruck hatten Sie da?«

»Eigentlich keinen besonderen. Der Mann wirkte auf mich ganz gewöhnlich.« Godoy hatte die Absicht, trotz seiner Tarnung nichts von seinem anfänglichen Verdacht preiszugeben.

»Sie waren also in keiner Weise beunruhigt, als der Mann zuerst zwei und später dann noch einen Sarg bei Ihnen kaufte?«

Die Silhouette zuckte mit den Achseln. »Warum sollte ich? Das ist schließlich mein Geschäft.«

»Sie sagen: >Warum sollte ich?<« Indem Kettering Godoys Worte wiederholte, brachte er seine Skepsis zum Ausdruck. »Aber ist denn diese Art von Verkauf nicht sehr ungewöhnlich?«

»Vielleicht... Irgendwie schon.«

»Als Leichenbestatter verkaufen Sie doch gewöhnlich sogenannte Leistungspakete - also komplette Bestattungen?«

»Ja. Meistens schon.«

»Und wahrscheinlich haben Sie doch vor diesem Geschäft mit dem Terroristen Rodriguez noch kein einziges Mal Särge auf diese Art verkauft, oder?«

»Ich glaube nicht«, murmelte Godoy. Das Interview lief ganz und gar nicht so, wie er es erwartet hatte. Er warf Kettering, der im Halbdunkel saß, einen wütenden Blick zu, doch der drängte weiter.

»Mit anderen Worten, es war das erste Mal.«

Der Leichenbestatter hob die Stimme. »Ich dachte mir, es geht mich nichts an, wozu er die braucht.«

»Dachten Sie denn nie daran, zur Polizei zu gehen und den Beamten zu sagen: >Hören Sie, man ist da mit einer sehr eigenartigen Bitte an mich herangetreten, etwas, das noch niemand von mir verlangt hat, und ich frage mich, ob Sie vielleicht diese Person überprüfen wollen.< Haben Sie sich das nicht überlegt?«

»Nein. Es gab ja keinen Grund dazu.«

»Weil Sie keinen Verdacht hatten?«

»Genau.« Kettering bohrte nach. »Wenn Sie also keinen Verdacht hatten, warum haben Sie sich dann bei Rodriguez' zweitem Besuch heimlich die Nummer des Leichenwagens, mit dem der Sarg abtransportiert wurde, aufgeschrieben und den Zettel bis heute versteckt?«

Nun brüllte Godoy wütend auf. »Hören Sie mal! Nur weil ich Ihnen etwas Vertrauliches erzählt habe, heißt das noch nicht... «

»Verzeihung, Herr Leichenbestatter! Sie haben mit keinem Wort erwähnt, daß das vertraulich ist.«

»Wollte ich aber.«

»Das ist etwas anderes. Und übrigens, Sie haben auch nicht gesagt, daß es vertraulich sei, als Sie uns vor diesem Interview erzählten, Sie hätten für diese drei Särge fast zehntausend Dollar verlangt. Ist das nicht etwas viel für die Art von Särgen, wie Sie sie beschrieben haben?«

»Der Kerl, der sie gekauft hat, hat sich nicht beklagt. Also warum, Sie?«

»Vielleicht hatte er seine Gründe dafür.« Ketterings Stimme wurde eisig und anklagend. »Sie haben diesen übertrieben hohen Preis doch nur verlangt, weil Sie wußten, daß der Mann ihn zahlen würde, weil Sie die ganze Zeit wußten, daß an der Sache etwas verdächtig war, und weil Sie so einen Vorteil aus der Situation schlagen und etwas Geld nebenbei verdienen konnten... «

»Moment mal! Ich werde mir diesen Unsinn nicht länger mit anhören. Vergessen Sie die Sache! Ich steige aus.« Wütend stand Godoy auf und verließ seinen Platz, wobei er mit den Füßen ein Mikrofonkabel aus der Buchse zog. Er näherte sich der Kamera, und Minh, der aus einem Reflex heraus mitschwang, fing sein Gesicht frontal und in voller Beleuchtung ein. Godoy hatte damit seine Tarnung selbst durchbrochen. Später würde es Diskussionen geben, ob man diese Bilder bringen sollte oder nicht.

»Mistkerl!« schrie Godoy Kettering an.

»Ich mag Sie auch nicht«, erwiderte der Wirtschaftskorrespondent.

»Hören Sie«, sagte Godoy zu Partridge. »Aus der Abmachung wird nichts.« Er wies auf die Kamera. »Und das werden Sie nicht verwenden. Verstanden?«

»Ich verstehe Sie schon«, erwiderte Partridge. »Aber ich kann Ihnen nicht garantieren, daß wir es nicht verwenden. Das ist Sache des Senders.«

»Verschwinden Sie von hier!« Mit wütender Miene sah Godoy zu, wie die Ausrüstung abgebaut wurde und das Team von CBA News sein Institut verließ.

Während der Rückfahrt von Queens verkündete Kettering: »Ich möchte aussteigen, sobald wir in Manhattan sind. Ich will mich sofort um diese markierten Geldscheine kümmern, und an der Lex kenne ich ein Maklerbüro, wo ich telefonieren kann.«

»Kann ich vielleicht mitkommen?« fragte Jonathan Mony. »Ich möchte gern sehen, was sich aus unseren Entdeckungen entwickelt.«

»Von mir aus gern«, antwortete Kettering. »Wenn Harry einverstanden ist, zeige ich Ihnen, was praxisbezogener Journalismus heißt.«

Partridge stimmte zu, und man trennte sich nach der Queensboro Bridge. Während der Jeep Wagoneer zur CBA News-Zentrale weiterfuhr, nahmen Kettering und Mony ein Taxi zum Büro eines Börsenmaklers in einer Nebenstraße der Lexington Avenue in der Nähe des Summit Hotels.

Sie betraten einen großen Raum, in dem etwa zwei Dutzend Leute, einige sitzend, die anderen stehend, auf einen von der Decke hängenden Monitor mit schnell wechselnden Börsennotierungen sahen. Der dunkelgrüne Teppichboden bildete einen angenehmen Kontrast zu den hellgrünen Wänden, bequeme, mit grünem und orangefarbenem Tweed bezogene Sessel waren in Reihen auf dem Boden befestigt. Einige der Börsenbeobachter hielten gespannt Papier und Bleistift in der Hand, andere schienen weniger interessiert. Ein junger Orientale studierte eine Partitur, andere lasen Zeitungen, und einige schliefen.

An der einen Wand befanden sich eine Reihe von Computern und einige Telefone. Auf einem Schild über den Apparaten stand: FÜR GESPRÄCHE IN DIE BÖRSE BITTE HÖRER ABHEBEN. Von mehreren Apparaten wurde gesprochen. Trotz der geflüsterten Gespräche konnte man einige Bruchstücke verstehen: »Sie haben zweitausend gekauft? Verkaufen.« -»Können Sie fünfhundert zu achtzehn kriegen? Dann tun Sie es.« - »Okay, bei fünfzehneinviertel aussteigen.«