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Eine Rezeptionistin auf der anderes Seite des Saals sah die beiden Journalisten hereinkommen, begrüßte Kettering mit einem Lächeln und griff zum Telefon. Hinter ihr waren einige, teils geöffnete Türen, die zu Büros im Inneren des Gebäudes führten.

»Sehen Sie sich gut um«, sagte Kettering zu Mony. »Diese Art von Aktienumschlagplatz gehört bald der Vergangenheit an. Der hier ist einer der letzten. Die meisten anderen sind verschwunden wie die Flüsterkneipen nach der Prohibition.«

»Aber der Aktienhandel geht doch weiter.«

»Klar. Aber die Broker haben sich ihre Unkosten angesehen und gemerkt, daß sich Verkaufsräume wie dieser nicht mehr rentieren. Es kommen zu viele Leute, die sich hier ausruhen wollen oder einfach nur neugierig sind. Und dann die Obdachlosen - im Winter gibt es für die keinen besseren Ort, wenn sie einen angenehmen Tag im Warmen verbringen wollen. Nur bringen Obdachlose keine Provisionen.«

»Vielleicht sollten Sie was darüber bringen«, meinte Mony. »Einen schönen, nostalgischen Bericht, bevor, wie Sie eben sagten, der letzte verschwunden ist.«

Kettering sah ihn eindringlich an. »Das ist eine ganz hervorragende Idee, junger Mann. Warum bin ich da eigentlich nicht selber drauf gekommen? Ich werde es nächste Woche am Hufeisen zur Sprache bringen.«

Eine Tür hinter der Empfangsdame öffnete sich, und ein stämmiger Mann mit buschigen Augenbrauen kam heraus, der Kettering herzlich begrüßte. »Schön, dich zu sehen, Don. Du warst ja schon länger nicht mehr bei uns, aber wir verfolgen deine Berichte immer sehr aufmerksam. Kann ich etwas für dich tun?«

»Danke, Kevin.« Kettering deutete auf Mony. »Mein junger Kollege Jonathan hier möchte wissen, mit welchen Aktien er sein Geld bis morgen vervierfachen kann. Außerdem hätte ich gerne für eine halbe Stunde einen Schreibtisch und ein Telefon.«

»Schreibtisch und Telefon sind kein Problem. Ihr kommt am besten in mein Büro, da seid ihr ungestört. Aber was das andere angeht - tut mir leid, Jonathan, unsere Kristallkugel ist gerade in Reparatur. Falls sie zurückkommt, solange Sie noch da sind, werde ich es Sie wissen lassen.«

Man führte sie in ein kleines, gemütliches Büro mit einem Mahagonischreibtisch, zwei Ledersesseln, dem unvermeidlichen Computer und einem Telefon. An der Tür stand der Name: Kevin Fane.

»Fühlt euch wie zu Hause«, sagte Fane. »Ich werde Kaffee und Sandwiches bringen lassen.«

Als sie allein waren, sagte Kettering zu Mony: »Kevin und ich waren zusammen auf dem College. In den Sommerferien haben wir als Laufburschen in der New Yorker Börse gearbeitet und sind seitdem in Kontakt geblieben. Wollen Sie einen beruflichen Rat?«

Mony nickte. »Klar.«

»Als Korrespondent, und es sieht ja ganz so aus, als könnten Sie einer werden, sollten Sie so viele Kontakte wie möglich pflegen, nicht nur in den Führungsetagen, sondern auch weiter unten, und Sie dürfen sie nicht einschlafen lassen, sondern müssen sich immer wieder mal bei den Leuten melden, so wie wir es jetzt tun. Und vergessen Sie nicht, die Leute helfen Fernsehjournalisten gern; sie fühlen sich wichtig, auch wenn sie einen nur das Telefon benutzen lassen, und irgendwie sind sie dankbar dafür.«

Während er noch sprach, zog Kettering die Hundertdollarscheine, die er sich von Godoy ausgeborgt hatte, aus einer Innentasche seines Anzugs und breitete sie auf dem Schreibtisch aus. Er öffnete eine Schublade und nahm ein Blatt Papier heraus.

»Zuerst versuchen wir unser Glück mit den Scheinen, auf denen die Namen stehen. Falls uns das nicht weiterbringt, kümmern wir uns um die mit den Kontonummern.« Er nahm einen Schein in die Hand, las laut »James W. Mortell« und fügte hinzu: »Der hat diesen Hunderter irgendwann in der Hand gehabt. Sehen Sie mal nach, ob Sie ihn im Telefonbuch von Manhattan finden, Jonathan.«

Wenige Minuten später verkündete Mony: »Hier ist er.« Er las die Nummer vor, und Kettering tippte gleichzeitig auf die Tasten des Telefons. Es klingelte zweimal, dann meldete sich eine angenehme Frauenstimme: »Mortell Installationen.«

»Guten Morgen. Könnte ich bitte Mr. Mortell sprechen?«

»Er ist unterwegs. Ich bin seine Frau. Kann ich Ihnen helfen?« Nicht nur angenehm, sondern auch jung und charmant, dachte Kettering.

»Vielen Dank, Mrs. Mortell. Mein Name ist Don Kettering. Ich bin der Wirtschaftskorrespondent von CBA News.«

Eine Pause, dann eine zweifelnde Erwiderung: »Soll das ein Witz sein?«

»Das soll kein Witz sein, Madam.« Kettering klang gelöst und freundlich. »Ich dachte, daß Mr. Mortell mir vielleicht bei einer Ermittlung weiterhelfen kann. Aber in seiner Abwesenheit können Sie es eventuell.«

»Sie sind ja wirklich Don Kettering. Ich kenne Ihre Stimme. Aber wie sollen denn gerade wir Ihnen helfen können?« Ein leises Lachen. »Außer Sie haben irgendwo eine undichte Leitung.«

»Soviel ich weiß, nicht, aber falls mir etwas in dieser Richtung zu Ohren kommen sollte, werde ich an Sie denken. Aber eigentlich geht es mir um einen Hundertdollarschein, auf dem der Name Ihres Mannes steht.«

»Ich hoffe doch, wir haben nichts Ungesetzliches getan.«

»Aber nein, Mrs. Mortell. Es sieht nur so aus, als hätte Ihr Mann den Schein irgendwann in der Hand gehabt, und ich möchte herausfinden, welchen Weg er genommen hat.«

Die Antwort der Frau klang nachdenklich: »Nun, wir haben Kunden, die bar bezahlen, und einige auch mit Hundertdollarscheinen. Aber wir stellen keine Fragen.«

»Dazu haben Sie auch keinen Grund.«

»Wenn wir dann diese großen Scheine bei der Bank einzahlen, schreibt der Kassierer manchmal unseren Namen drauf. Ich glaube, das dürfen sie eigentlich nicht, aber sie tun es trotzdem.« Sie machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich habe einen Kassierer einmal gefragt, warum er das tut. Und er hat mir geantwortet, es sei eine Vorsichtsmaßnahme, weil es so viele gefälschte Hunderter gibt.«

»Genau das habe ich mir auch gedacht, und das ist vermutlich auch der Grund, warum auf dem Schein, den ich vor mir habe, Ihr Name steht.« Während Kettering sprach, streckte er Mony den hochgereckten Daumen entgegen. »Mrs. Mortell, hätten Sie etwas dagegen, mir den Namen Ihrer Bank zu nennen?«

»Warum eigentlich nicht? Es ist die Citibank.« Sie nannte den Namen einer Filiale im Norden.

»Vielen Dank, Mrs. Mortell. Mehr wollte ich gar nicht wissen.«

»Einen Auge nblick noch, Mr. Kettering. Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Natürlich.«

»Kommt über die Sache was in den Nachrichten? Und falls etwas kommt, wie kann ich sicher sein, daß ich es nicht verpasse?«

»Das ist ganz einfach, Mrs. Mortell. Sie haben mir so viel geholfen, daß ich Ihnen verspreche, ich werde Sie persönlich anrufen und Ihnen sagen, wann es kommt.«

Als Kettering auflegte, sagte Jonathan Mony: »Ich dachte mir, daß ich heute etwas lernen würde. Und das habe ich eben getan.«

»Und was?«

»Wie man sich Freunde schafft.«

Kettering lächelte. Diese Mrs. Mortell hatte so charmant und fast etwas einladend geklungen, daß er beschloß, sie persönlich zu besuchen. Er notierte sich die Adresse, sie lag im Norden, gar nicht weit weg. Natürlich konnte er auch eine Enttäuschung erleben. Stimmen waren manchmal trügerisch, vielleicht war die Frau älter, als sie klang, und sah aus wie das Heck eines Busses. Aber sein Instinkt war anderer Meinung. Auch Jonathan würde zweifellos irgendwann lernen, daß die Arbeit beim Fernsehen am Rande auch noch den Vorteil häufiger romantischer Begegnungen hatte, aus denen sich angenehme Exkursionen entwickeln konnten.

Er nahm sich einen anderen Schein vor. »Versuchen wir den mal«, sagte er zu Mony und deutete auf das Telefonbuch. »Der Name ist Nicolini Brothers.«