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»Was geht dir denn im Kopf herum, mein Freund?« fragte Partridge.

»Einiges.« Die Antwort war typisch für Van Canh, und Partridge wußte, daß es keinen Sinn hatte weiterzubohren. Wenn Minh die Zeit für gekommen hielt, würde er ihm auf seine Art Genaueres mitteilen.

Partridge erzählte Minh nun von seiner Absicht, nach Kolumbien zu fliegen. Er fügte hinzu, daß er nicht sicher sei, ob ihn überhaupt jemand begleiten sollte; er werde das mit Rita besprechen. Aber falls er einen Kameramann brauche, ob nun gleich für den folgenden Tag oder später, dann wolle er ihn.

Van Canh überlegte eine Weile. Dann nickte er. »Okay, Harry, ich tu' es für dich und für Crawf. Aber es ist das letzte Mal, das letzte Abenteuer.«

Partridge war überrascht. »Soll das heißen, du willst aufhören?«

»Ich habe es meiner Familie versprochen; wir haben gestern abend darüber geredet. Mein Frau will, daß ich mehr zu Hause bin. Unsere Kinder brauchen mich, und das Geschäft auch. Sobald wir aus Kolumbien zurück sind, kündige ich.«

»Das kommt aber verdammt plötzlich.«

Van Canh lächelte, was er nur sehr selten tat. »So plötzlich wie ein Befehl, um drei Uhr morgens nach Sri Lanka oder Gdansk aufzubrechen?«

»Ich weiß, was du meinst. Aber ich werde dich sehr vermissen, ohne dich ist es einfach nicht dasselbe.« Partridge schüttelte traurig den Kopf, doch eigentlich überraschte die Entscheidung ihn nicht - Minh hatte sich bei seiner Arbeit für CBA News in Vietnam ständig den allergrößten Gefahren ausgesetzt und es gegen Ende geschafft, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus seinem Heimatland fliehen zu können.

In den folgenden Jahren lebten sich die Van Canhs gut in Amerika ein. Die Kinder waren, wie die vieler vietnamesischer Immigranten, sehr fleißig und erhielten in der Schule und nun auch auf dem College hervorragende Zeugnisse. Partridge kannte sie gut und bewunderte ihren Zusammenhalt; manchmal beneidete er sie sogar darum. Die Familie lebte sehr bescheiden, denn Minh sparte und investierte einen Großteil seines nicht eben geringen Gehalts von CBA. Diese Sparsamkeit war so offensichtlich, daß unter Kollegen inzwischen das Gerücht ging, Minh sei Millionär.

Partridge hielt das für durchaus möglich, denn Minh hatte in den vergangenen fünf Jahren einige kleine Fotogeschäfte in den Außenbezirken von New York gekauft und sie mit Unterstützung seiner Frau Thanh zu einer Kette ausgebaut.

So war es nur vernünftig, daß Minh an diesem Punkt seines Lebens zu der Entscheidung kam, er habe nun genug von den Reisen und den langen Zeiten der Abwesenheit und auch von den Risiken, die er, nicht zuletzt bei gefährlichen Einsätzen mit Harry Partridge, auf sich nahm.

»Weil wir gerade von deinem Geschäft reden, wie läuft es denn?«

»Sehr gut.« Mit dem Anflug eines Lächelns fügte er hinzu: »Aber Thanh schafft es nicht mehr alleine, wenn ich unterwegs bin.«

»Ich freue mich für dich«, sagte Partridge, »weil es keiner so verdient hat wie du. Ich hoffe nur, daß wir uns ab und zu sehen werden.«

»Worauf du dich verlassen kannst. In unserem Haus stehst du ganz oben auf der Liste der Ehrengäste.«

Nach dem Essen trennte sich Partridge von Van Canh und ging in ein Sportgeschäft, wo er sich einige Paar dicke Socken, Wanderstiefel und eine robuste Taschenlampe kaufte. Denn er ging davon aus, daß er dies alles sehr bald brauchen würde. Als er in die CBA News-Zentrale zurückkehrte, war es bereits Nachmittag.

Im Konferenzraum der Spezialeinheit winkte Rita Abrams ihn zu sich. »Ein Mann hat versucht, dich zu erreichen. Er hat seit heute vormittag schon dreimal angerufen. Wollte seinen Namen nicht nennen, muß dich aber unbedingt heute noch sprechen. Ich hab' ihm gesagt, daß du irgendwann zurückkommst.«

»Danke. Ich muß dir übrigens auch etwas sagen. Ich habe beschlossen, nach Bogota zu fliegen...«

Partridge hielt inne, und beide sahen auf, als sie hinter sich schnell näher kommende Schritte hörten. Einen Augenblick später trat Don Kettering ins Zimmer, dicht gefolgt von Jonathan Mony.

»Harry! Rita!« rief Kettering, und seine Stimme klang atemlos vom Laufen. »Ich glaube, wir haben die Nuß geknackt!«

Rita sah sich ängstlich um, weil sich noch andere im Zimmer befanden. »Sprechen wir in meinem Büro«, sagte sie und ging voraus.

In den nächsten zwanzig Minuten erzählte Kettering, mit gelegentlicher Unterstützung von Mony, alles, was sie erfahren hatten. Kettering zog eine Kopie des Post-Artikels über den angeblichen Mord mit anschließendem Selbstmord aus der Tasche. Die beiden Korrespondenten und Rita wußten, daß nach ihrer Besprechung die Recherchenabteilung von CBA routinemäßig alles verfügbare Material über den Fall beschaffen würde.

Rita überflog den Zeitungsausschnitt und fragte dann Kettering: »Glaubst du, daß wir diesen Todesfällen weiter nachgehen sollten?«

»So am Rande vielleicht, aber die Sache ist eigentlich nicht mehr relevant. Was relevant ist, ist diese Verbindung nach Peru.«

»Das glaube ich auch«, sagte Partridge. »Der Name Peru ist ja schon einmal gefallen.« Er dachte an sein Gespräch mit Manuel Leon Seminario, dem Besitzer und Herausgeber von Escana, der erwähnt hatte, daß Entführungen in Peru inzwischen an der Tagesordnung seien.

»Auch wenn wir jetzt diese Spur nach Peru haben«, gab Rita zu bedenken, »dürfen wir nicht vergessen, daß wir noch gar nicht sicher wissen, ob die Entführungsopfer überhaupt außer Landes gebracht wurden.«

»Das vergesse ich nicht«, sagte Partridge. »Don, hast du sonst noch etwas?«

Kettering nickte. »Ja. Ich habe mir von dem Bankdirektor die Zustimmung zu einem Interview vor der Kamera geben lassen, das wir vielleicht sogar noch heute machen. Er weiß zwar, daß er damit Kopf und Kragen riskiert, aber er ist ein guter alter Kerl mit viel Verantwortungsgefühl, und er meint, er werde es riskieren. Harry, wenn du willst, übernehme ich das.«

»Ist mir recht. Es ist sowieso deine Geschichte.« Dann wandte Partridge sich an Rita: »Vergiß die Sache mit Bogota. Ich fliege nach Lima. Gleich morgen früh will ich dort sein.«

»Und mit wieviel Material gehen wir auf Sendung, und wann?«

»Mit allem, und zwar bald. Wir werden mit Les und Chuck besprechen, wann genau, aber ich hätte in Peru gern vierundzwanzig Stunden Zeit, bevor die Reporterhorden über das Land hereinbrechen. Denn das wird passieren, sobald wir mit unseren Informationen an die Öffentlichkeit gehen.«

Nach kurzem Schweigen fuhr er fort. »Wir fangen jetzt sofort an, die ganze Geschichte zusammenstellen, und arbeiten die Nacht durch. Ruf alle von der Spezialeinheit zu einer Konferenz zusammen« - er sah auf die Uhr: 15 Uhr 15 - »um fünf.«

»Jawohl, Sir!« Rita lächelte, sie war froh, daß endlich etwas passierte.

Im selben Augenblick klingelte das Telefon. Rita meldete sich, legte dann die Hand über den Hörer und sagte zu Partridge: »Es ist wieder dieser Mann, der schon den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen.«

Harry nahm den Hörer. »Partridge.«

»Nennen Sie während dieses Gesprächs nie meinen Namen. Ist das klar?« Die Worte klangen gedämpft, vielleicht beabsichtigt, aber Partridge erkannte die Stimme des Anwalts sofort.

»Ja, ist klar.«

»Sie wissen, wer ich bin?«

»Ja.«

»Ich rufe aus einer Telefonzelle an, der Anruf kann also nicht zurückverfolgt werden. Und noch etwas: Sollten Sie mich je öffentlich mit dem, was ich Ihnen jetzt sage, in Verbindung bringen, werde ich schwören, daß Sie die Unwahrheit sagen, und alles leugnen. Ist auch das klar?«

»Ja.«

»Ich bin ein großes Risiko eingegangen, um das herauszubekommen, was ich jetzt weiß, und falls gewisse Leute von unserer Unterhaltung erfahren, könnte es mich das Leben kosten. Verstanden?«