»Voll und ganz.«
Die anderen drei in dem kleinen Büro schwiegen und sahen Partridge an, während die gedämpfte Stimme, die sie alle hören konnten, fortfuhr.
»Einige meiner Klienten haben Verbindungen nach Lateinamerika.« Verbindungen zum Kokainhandel, dachte Partridge, sagte es aber nicht.
»Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, lassen diese Leute die Finger von Geschichten wie der Ihren, aber es kommen ihnen gewisse Sachen zu Ohren.«
»Ich verstehe«, sagte Partridge.
»Also, was ich Ihnen jetzt sage, stammt aus absolut zuverlässiger Quelle, dafür kann ich garantieren. Die Leute, die Sie suchen, wurden letzten Samstag aus Amerika herausgeflogen und werden jetzt in Peru gefangengehalten. Verstanden?«
»Ja«, antwortete Partridge. »Darf ich Sie etwas fragen?« »Nein.«
»Ich brauche einen Namen«, bat Partridge. »Wer steckt dahinter? Wer hält sie gefangen?«
»Auf Wiederhören.«
»Warten Sie, bitte warten Sie. Also gut, ich werde Sie nicht bitten, einen Namen zu nennen, sondern ich werde Ihnen einen nennen, und wenn ich mich täusche, geben Sie mir das irgendwie zu verstehen. Wenn ich recht habe, sagen Sie gar nichts.«
Ein Pause und dann: »Aber schnell.«
Partridge holte Atem, bevor er flüsterte: »Sendero Luminoso.«
Am anderen Ende herrschte Schweigen. Dann kam ein Klicken, als der Anrufer auflegte.
11
Jessica hatte sehr bald nach dem Aufwachen in dieser dunklen Hütte in Sion gemerkt, daß sie in der Not die Führung dieses Trios übernehmen und ihre Leidensgenossen trösten und ermutigen mußte. Denn beides, eine gewisse Führung und die Ermutigung waren für alle drei überlebensnotwendig, während sie auf Rettung warteten und hofften. Die Alternative war abgrundtiefe Verzweiflung, die schließlich zu einer emotionalen Unterwerfung führte, die sie alle zerstören konnte.
Angus war mutig, aber zu schwach und zu alt, um die Führung übernehmen zu können, und würde letztlich immer auf Jessicas Stärke angewiesen sein. Doch Jessicas erste Sorge galt, wie immer, Nicky.
Wenn sie diesen Alptraum heil überstanden, und Jessica weigerte sich, an etwas anderes zu denken, bestand doch die Gefahr, daß bei ihm seelische Narben zurückblieben. Jessica wollte dafür sorgen, daß dies nicht geschah, gleichgültig, welche Qualen und welche Entbehrungen noch vor ihnen liegen sollten. Sie wollte Nicky, und, wenn nötig, auch Angus zeigen, wie man vor allem seine Würde und Selbstachtung bewahrte.
Sie wußte auch, wie. Schließlich hatte sie einen Kurs besucht, was manche ihrer Freundinnen als Schrulle abgetan hatten. Dabei hatte sie es nur getan, weil Crawford, der den Kurs eigentlich hätte besuchen sollen, keine Zeit hatte, denn sie hatte das Gefühl, daß wenigstens einer in der Familie es tun sollte.
Vielen Dank und Gottes Segen für Sie, Brigadier Wade! Als ich Ihre Trainingsstunden und Ihre Vorlesungen besuchte, hätte ich mir nie träumen lassen, daß ich das, was Sie mir beibrachten, einmal brauchen und anwenden würde.
Brigadier Cedric Wade, MC, DMC, war im Koreakrieg Sergeant der britischen Armee und später Offizier der Elitetruppe SAS. Seit seiner Pensionierung lebte er in New York, wo er für kleine Gruppen von Interessenten Antiterror-Kurse veranstaltete. Sein Ruf war so gut, daß sogar die amerikanische Armee ihm manchmal Schüler schickte.
Im Jahr 1951 wurde Sergeant Wade von den Streitkräften Nordkoreas gefangengenommen und neuneinhalb Monate in einem Erdloch von etwa drei Metern im Quadrat in Einzelhaft gehalten. Über seinem Kopf hatte er nur ein fest verankertes Gitter, das weder Schutz gegen die Sonne noch gegen den Regen bot. Während seiner ganzen Gefangenschaft durfte er dieses Loch kein einziges Mal verlassen. Unterhalten konnte er sich, wenn überhaupt, nur mit seinen Bewachern, er hatte nichts zu lesen und sah nichts als den Himmel über sich.
Bei einer seiner Vorlesungen erzählte er von dieser Erfahrung mit ruhigen Worten, an die sich Jessica noch ganz genau erinnerte: »Ich wußte von Anfang an, daß sie meinen Willen brechen wollten. Aber ich war fest entschlossen, das nicht zuzulassen und meine Selbstachtung unter allen Umständen zu bewahren, auch wenn ich in diesem Loch hätte sterben müssen.«
Er habe sich die Selbstachtung bewahrt, erzählte Brigadier Wade seinen Schülern, indem er sich selbst ein Mindestmaß an Normalität und Ordnung auferlegte. Zunächst wies er jeder Ecke seiner Zelle eine andere Funktion zu. Als erstes die unangenehmste: Er hatte keine andere Wahl, als sich in seiner Zelle zu entleeren. Also reservierte er eine Ecke für diesen Zweck und achtete streng darauf, daß er keine andere beschmutzte. »Am Anfang war der Gestank entsetzlich und ekelerregend. Aber nach einer Weile gewöhnte ich mich daran, weil ich wußte, daß mir nichts anderes übrigblieb.«
In der gegenüberliegenden Ecke aß er die karge Nahrung, die man ihm hinunterreichte. In der dritten Ecke schlief und in der vierten meditierte er. Die Mitte der Zelle war für gymnastische Übungen wie etwa Laufen auf der Stelle vorbehalten, die er dreimal täglich absolvierte. »Für mich war auch dieses körperliche Training eine Möglichkeit, meine Würde und Selbstachtung zu bewahren.«
Täglich erhielt er eine Ration Trinkwasser, jedoch keins zum Waschen. Deshalb behielt er von dem Trinkwasser immer ein wenig zurück, um sich damit zu waschen. »Es war nicht einfach, und ich kam mehr als einmal in Versuchung, alles zu trinken. Aber ich tat es nicht und war so immer sauber, denn auch das ist für das Selbstwertgefühl sehr wichtig.«
Nach neun Monaten nutzte Sergeant Wade die Unaufmerksamkeit seiner Wachen aus und floh. Drei Tage später wurde er wieder eingefangen und in seine Zelle zurückgebracht, aber nach weniger als zwei Wochen nahmen die amerikanischen Streitkräfte den nordkoreanischen Stützpunkt ein und befreiten ihn. Er schloß damals Freundschaften, die ihn viel später, nach der Pens ionierung, zu seiner Übersiedelung in die Vereinigten Staaten bewegten.
Doch Brigadier Wade hatte Jessica noch etwas anderes beigebracht: CQB, diese spezielle Technik des waffenlosen Nahkampfs, mit der auch schwache, leichtgewichtige Personen einen bewaffneten Angreifer entwaffnen und ihn entweder blenden oder ihm einen Arm, ein Bein und, wenn nötig, auch das Genick brechen konnten. Jessica war damals eine geschickte, schnell lernende Schülerin gewesen.
Seit ihrer Ankunft als Gefangene in Peru hatten sich ihr schon mehrfach Gelegenheiten zur Anwendung dieser CQB-Technik geboten, doch hatte sie sich bis jetzt zurückgehalten, da sie wußte, daß sie bei einem zu überstürzten Handeln nur verlieren konnte. Sie wollte diese Kunst lieber geheimhalten bis zu dem Augenblick - falls der je eintrat -, da es für sie entscheidend werden konnte.
Doch eine solche Gelegenheit hatte es in Nueva Esperanza noch nicht gegeben. Es war auch nicht sehr wahrscheinlich, daß es eine geben würde.
Diese entsetzlichen ersten Minuten, nachdem sie alle drei in getrennte Käfige geworfen wurden und Jessica die Tränen in die Augen schossen, weil sie Nicky weinen hörte, waren eine Zeit der Verzweiflung und des Leids, gegen die man auch mit den besten Absichten nichts ausrichten konnte. Jessica hatte, wie die anderen, dieser Verzweiflung nachgegeben.
Aber nicht lange.
Nach etwa zehn Minuten rief Jessica leise: »Nicky, kannst du mich hören?«
Bald kam gedämpft die Antwort: »Ja, Mom.« Dann hörte Jessica, wie Nicky sich dem Gitternetz zwischen ihren Zellen näherte. Ihre Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt, sie konnten sich sehen, aber nicht berühren.
»Bist du in Ordnung?« fragte Jessica.
»Ich glaube schon.« Dann, mit zitternder Stimme: »Aber ich mag nicht hiersein.«