Выбрать главу

»Ach Liebling, ich auch nicht. Aber wir müssen durchhalten, bis wir etwas tun können. Denk immer daran, daß dein Vater und viele andere nach dir suchen.« Jessica hoffte, daß ihre Stimme aufmunternd klang.

»Ich kann dich hören, Jessie. Und dich auch, Nicky.« Es war Angus, der aus der Zelle hinter der Nickys sprach, doch seine Stimme klang schwach. »Du mußt nur immer daran glauben, daß wir alle von hier wegkommen. Und wir werden wegkommen.«

»Versuche, etwas zu schlafen, Angus.« Jessica dachte an die Prügel, die ihr Schwiegervater in der Hütte in Sion von Miguel bezogen hatte, an den zermürbenden Marsch durch den Dschungel, an Angus' Sturz, die lange Bootsfahrt und schließlich seinen Kampf hier.

Während sie sprach, war plötzlich ein Scharren von Füßen zu hören, und eine Gestalt kam aus dem Schatten auf die Zellen zu. Es war einer der Bewaffneten, die sie auf dem Marsch begleitet hatten, ein kräftiger Mann mit einem Schnurrbart, Ramon, wie sie später erfahren sollten.

Er zielte mit seiner Kalaschnikow auf Jessica und befahclass="underline" »Silencio!«

Jessica wollte protestieren, hörte aber dann Angus' leise Stimme: »Nicht, Jessica!« Sie beherrschte sich, und alle schwiegen. Nach einer Weile senkte der Mann die Waffe und kehrte zu seinem Stuhl zurück.

Es war ihr erstes Erlebnis mit einem der bewaffneten Wärter, die sich von nun an ständig in der Hütte aufhielten und sich im Vierstundenrhythmus abwechselten.

Sie fanden sehr schnell heraus, daß die Wachen nicht alle gleich streng waren. Der freundlichste war Vincente, der Mann, der Nicky auf dem Lastwagen geholfen und ihnen, auf Miguels Befehl, die Fesseln durchschnitten hatte. Er ließ sie reden, so viel sie wollten, solange sie es nur leise taten. Ramon war der strengste, er verbot jede Unterhaltung, und die anderen Wärter standen zwischen den beiden Extremen.

Wenn sie reden konnten, erzählte Jessica Nicky und Angus, was sie in dem Antiterror-Kurs gelernt hatte. Ausführlich berichtete sie von Brigadier Wades' Gefangenschaft und den Regeln, die er aufgestellt hatte. Nicky schien fasziniert von der Geschichte, wahrscheinlich lenkte sie ihn von der Monotonie und der Enge ab. Es war eine grausame Einschränkung für einen aktiven und hochintelligenten Elfjährigen, und er fragte immer wieder: »Mom, was glaubst du, was Dad gerade macht, um uns hier rauszuholen?«

Jessica versuchte immer, sehr fantasievoll zu antworten. Einmal sagte sie: »Dein Vater kennt so viele Leute, und er wird sie sicher alle um Hilfe bitten. Er hat ganz bestimmt schon mit dem Präsidenten gesprochen, der viele Leute mobilisieren kann, um uns zu suchen.«

Auch wenn das stimmte, war es doch ein Ausdruck der Eitelkeit, der Jessica unter normalen Umständen nie über die Lippen gekommen wäre. Doch solange es Nicky wieder Hoffnung gab, war das gleichgültig.

Jessica spornte die anderen an, Brigadier Wades Regeln zu befolgen, so gut es eben ging. Bei der Benutzung der provisorischen Toiletten respektierten sie jeweils die Intimsphäre des anderen, indem sie sich abwandten, wenn einer sie benutzte. Am zweiten Tag begannen sie, unter Jessicas Anleitung, mit gymnastischen Übungen.

Während der folgenden Tage entstand so ein zwar elendes, aber regelmäßiges Lebensmuster. Dreimal täglich erhielten sie eine unappetitliche, fettige Mahlzeit, vorwiegend Cassava, Reis und Nudeln. Am ersten Tag konnte Nicky das säuerlich schmeckende Fett nur mühsam hinunterwürgen, und auch Jessica hätte sich beinahe übergeben. Jeden zweiten Tag wurden die stinkenden Toilettenkübel von einer Indianerin geleert. Wenn sie überhaupt ausgewaschen wurden, dann nur oberflächlich, denn wenn die Frau sie zurückbrachte, stanken sie fast genauso schlimm wie zuvor. Trinkwasser erhielten sie in gebrauchten Limonadenflaschen, und manchmal gab es auch Schüsseln und Waschwasser. Mit Handzeichen warnten die Wachen sie davor, das schlammig braune Waschwasser zu trinken.

Nickys Stimmung war zwar nicht die beste, blieb aber zumindest stabil, und das war Jessica sehr wichtig. Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, zeigte er sich erstaunlich widerstandsfähig. Jessica, die in New York im freiwilligen Sozialdienst für bedürftige Familien arbeitete, hatte festgestellt, daß Kinder mit dem Elend oft besser fertigwurden als Erwachsene. Wahrscheinlich, so dachte sie, weil Kinder weniger kompliziert und ehrlicher dachten, oder vielleicht, weil Kinder geistig erwachsen wurden, wenn sie in Not gerieten. Nicky auf jeden Fall wurde, aus welchem Grund auch immer, ganz offensichtlich mit der Situation fertig.

Er versuchte, sich mit den Wachen zu unterhalten. Nickys Spanisch war zwar nur sehr rudimentär, doch wenn seine Gesprächspartner Geduld und Bereitschaft zeigten, gelang es ihm, einiges zu erfahren. Vincente war ihm am zugewandtesten.

Von Vincente erfuhren sie auch von der bevorstehenden Abreise des »Doktors«, also vermutlich des Mannes, den Jessica Narbengesicht nannte. Er gehe »heim nach Lima«, erzählte Vincente. Doch die »Krankenschwester« bleibe, und damit meinte er die Frau mit dem mürrischen Gesicht, die sie unter dem Namen Socorro kannten.

Sie unterhielten sich darüber, warum Vincente anders und offenbar freundlicher war als die restlichen Wachen. Doch Jessica warnte Nicky und Angus vor zuviel Zutrauen. »So anders ist der gar nicht. Vincente ist immer noch einer von denen, die uns hierhergebracht haben und uns gefangenhalten -das dürfen wir nie vergessen. Aber er ist nicht so gemein und rücksichtslos wie die anderen, und deshalb wirkt er im Vergleich freundlicher.«

Es gab noch einige andere Aspekte dieses Themas, über die Jessica gern gesprochen hätte, aber sie beschloß, sich das für später aufzuheben. Im Augenblick fügte sie nur hinzu: »Aber weil Vincente nun mal so ist, sollten wir es zu unserem Vorteil ausnutzen.«

Auf Jessicas Anregung fragte Nicky Vincente, ob die Gefangenen ihre Zellen verlassen und an die Luft gehen dürften. Vincente schüttelte nur den Kopf, doch es war nicht klar, ob das nein hieß oder ob er die Frage nicht verstanden hatte. Jessica blieb beharrlich und ließ Nicky fragen, ob Vincente Socorro die Nachricht überbringen könne, daß die Gefangenen sie sehen wollten. Nicky tat sein möglichstes, doch ein erneutes Kopfschütteln ließ wenig Hoffnung, daß die Nachricht

überbracht würde.

Nickys relativer Erfolg mit der Sprache überraschte Jessica, da er erst seit wenigen Wochen in der Schule Spanischunterricht hatte. Als sie es erwähnte, erzählte Nicky, daß zwei seiner Freunde kubanische Immigranten seien, die im Pausenhof immer Spanisch redeten. »Ein paar von uns hören zu, und wir schnappen einiges auf...« Nicky unterbrach sich und kicherte. »Das wird dir zwar gar nicht gefallen, Mom, aber die kennen alle schmutzigen Wörter. Und die haben sie uns beigebracht.«

Angus, der zugehört hatte, fragte nun: »Hast du auch ein paar richtig gemeine Schimpfwörter gelernt?«

»Aber klar doch, Gramps.«

»Bringst du sie mir bei? Damit ich sie den Kerlen hier an den Kopf werfen kann, wenn's nötig ist.«

»Ich glaube, Mom hat da etwas dagegen.«

»Mach' nur«, sagte Jessica. »Ich hab' nichts dagegen.« Nickys Lachen war wunderbar gewesen.

»Also gut, Gramps. Wenn du zu jemand so richtig gemein sein willst, sagst du...« Nicky ging zur gegenüberliegenden Zellenwand und tuschelte durch das Maschengitter hindurch mit seinem Großvater.

Auf diese Weise hatten sie einen neuen Zeitvertreib gefunden, dachte Jessica.

Später an diesem Tag kam Socorro, sie hatte die Nachricht also doch erhalten.

Ihr schlanker, geschmeidiger Körper zeichnete sich als Silhouette unter der Tür ab. Sie musterte die drei Zellen und rümpfte über den durchdringenden Gestank die Nase.

Ohne langes Zögern sprach Jessica sie an. »Socorro, wir wissen, daß Sie Krankenschwester sind. Deshalb haben Sie uns die Fesseln abnehmen lassen und uns die Schokolade gegeben.«

»Keine Krankenschwester, nur Schwesternhelferin«, erwiderte Socorro mürrisch. Mit verkniffenen Lippen näherte sie sich den Zellen.