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»Das ist gleichgültig, zumindest hier«, sagte Jessica. »Da der Doktor geht, sind Sie die einzige, die über Medizin Bescheid weiß.«

»Kommen Sie mir bloß nicht so, ich werde Ihnen nicht helfen. Sie wollten mich sehen. Warum?«

»Weil Sie schon einmal gezeigt haben, daß Sie um unser Leben und unsere Gesundheit besorgt sind. Aber wenn wir nicht einmal an die Luft kommen, werden wir alle krank.«

»Ihr müßt in der Hütte bleiben. Sie wollen nicht, daß man euch sieht.«

»Warum nicht? Und wer ist >sie<?«

»Das geht Sie nichts an, Sie haben nicht das Recht, Fragen zu stellen.«

»Ich habe das Recht einer Mutter, mich um meinen Sohn zu kümmern«, fuhr Jessica sie an. »Und mein Schwiegervater ist alt und wurde sehr brutal behandelt.«

»Das geschah ihm recht. Er redet zu viel. Und Sie auch.«

Jessica spürte, daß Socorros Feindseligkeit über weite Strecken nur aufgesetzt war. Sie versuchte es mit einem Kompliment. »Ihr Englisch ist hervorragend. Sie müssen lange in Amerika gelebt haben.«

»Das geht Sie...« Socorro unterbrach sich und zuckte mit den Schultern. »Drei Jahre. Ich hasse Amerika. Es ist ein ekelhaftes, korruptes Land.«

»Ich glaube nicht, daß Sie das wirklich denken«, erwiderte Jessica leise. »Ich glaube, man hat Sie gut behandelt, und jetzt haben Sie Schwierigkeiten, uns zu hassen.«

»Glauben Sie doch, was Sie wollen«, fauchte Socorro und ging weg. In der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Ich werde versuchen, hier etwas zu lüften.« Ihre Lippen zuckten, es sah beinahe aus wie ein Lächeln. »Es ist gesünder für die Wachen.«

Am nächsten Tag kamen zwei Männer mit Werkzeugen. Sie schnitten Fenster aus der Wand gegenüber den Zellen. Das Halbdunkel wich dem Tageslicht, und nun konnten sich die drei Gefangenen untereinander und auch die Wächter klar sehen. Es entstand auch ein Luftzug, der den Gestank zwar nicht ganz vertrieb, aber doch beträchtlich minderte.

Diese Fenster waren ein Sieg für Jessica und auch, dachte sie, ein Hinweis darauf, daß Socorro unter der Oberfläche gar nicht so feindselig war, wie sie wirkte - eine Schwäche, die man später vielleicht noch nachhaltiger ausnutzen konnte.

Aber dieser Licht-und-Luft-Erfolg war nur ein kleiner Sieg, und es sollte sich zeigen, daß sie noch viel schlimmere Qualen würden ertragen müssen. Eine davon wurde bereits vorbereitet, ohne daß Jessica es ahnte.

12

Sechs Tage nach der Ankunft in Nueva Esperanza erhielt Miguel eine Reihe von schriftlichen Befehlen vom Sendero Luminoso aus Ayacucho. Überbracht wurden sie von einem Boten in einem Lastwagen, der für die fünfhundert Meilen zwei Tage brauchte und eine mörderische Fahrt über gefährliche Bergpässe und sumpfige Dschungelpisten hinter sich hatte. Neben den Befehlen brachte er auch einige spezielle Geräte.

Die wichtigste Instruktion betraf die Aufnahme einer Videocassette mit der gefangenen Frau. Der Text, den sie sprechen sollte, wurde mitgeliefert. Abweichungen oder Änderungen waren verboten. Miguel selbst sollte die Aufnahme überwachen.

Eine weitere Instruktion bestätigte den Abschluß von Baudelios Einsatz. Er sollte mit dem Boten im Lastwagen nach Ayacucho fahren und von dort nach Lima weiterfliegen. Einige Tage später würde der Lastwagen mit weiterem Nachschub nach Nueva Esperanza zurückkehren und die Videocassette abholen.

Die Nachricht, daß Baudelio nach Lima zurückkehren konnte, kam zwar nicht unerwartet, war Miguel aber dennoch nicht recht. Zum einen wußte der Arzt zu viel. Zum anderen würde er sicher wieder anfangen zu trinken, und Schnaps lockerte die Zunge. Wenn also Baudelio frei herumlief, war das eine Gefahr nicht nur für die Sicherheit ihrer kleinen Garnison, sondern auch, was Miguel wichtiger war, für seine eigene.

Unter anderen Umständen hätte Miguel Baudelio zu einem Dschungelspaziergang gezwungen, von dem nur er allein zurückkehren würde. Doch so skrupellos der Sendero Luminoso in vieler Hinsicht war, wenn ein Außenseiter die eigenen Leute tötete, konnte man sehr ungehalten werden.

Miguel gab deshalb dem Boten eine eindringlich formulierte Nachricht mit, in der er vor der Gefahr, die Baudelio darstellte, warnte. Die Organisation sollte dann ihre eigene Entscheidung treffen. Miguel war sich ziemlich sicher, wie sie ausfallen würde.

Über einen Befehl freute er sich besonders. Es war der Auftrag, »die drei Geiseln bei guter Gesundheit zu halten, bis neue Befehle eintreffen«. Der Hinweis auf die »drei Geiseln« bedeutete, daß der Führungsstab vom Sendero Luminoso Miguels Entscheidung, den alten Mann mitzunehmen, nachträglich abgesegnet hatte, obwohl das ursprünglich nicht geplant gewesen war.

Miguel wandte sich nun der Videoausrüstung zu, die er aus Ayacucho bekommen hatte. Sie bestand aus einem Sony Camcorder mit Cassetten, einem Stativ, einem Scheinwerfer und einem tragbaren 110-Volt-Generator mit Benzinmotor. Die Geräte waren für Miguel kein Problem, denn er hatte schon öfters Videoaufnahmen von Entführungsopfern gemacht.

Er ahnte aber, daß er Hilfe und einige strenge Maßnahmen benötigte, um die Frau gefügig zu machen, denn er befürchtete, daß sie ihm Schwierigkeiten bereiten würde. Miguel entschied sich schließlich für Gustavo und Ramon als Hilfskräfte, weil er wußte, daß sie hart mit den Gefangenen umsprangen und sich nicht zierten, wenn er von ihnen Brutalitäten verlangte.

Miguel hatte vor, gleich am nächsten Morgen mit der Aufnahme zu beginnen.

Sobald Jessica genug Tageslicht hatte, machte sie sich an die Arbeit.

Bald nach dem Aufwachen in Peru hatten sie alle drei bemerkt, daß man ihnen die Taschen geleert und fast alles weggenommen hatte, auch das Geld, das sie bei sich trugen. Jessicas Handtasche war ebenfalls verschwunden. Zu den wenigen Dingen, die man ihnen gelassen hatte, gehörten einige Büroklammern, Jessicas Kamm und ein kleines Notizbuch aus Angus' Gesäßtasche, das man offensichtlich übersehen hatte. Im Futter von Nickys Jacke fand sich noch ein Kugelschreiber, der durch ein Loch in der Innentasche gerutscht und deshalb nicht entdeckt worden war.

Auf Jessicas Betreiben wurden Notizbuch und Kugelschreiber sorgfältig versteckt und nur benutzt, wenn die weniger strengen Wachen Dienst hatten.

Am Tag zuvor hatte Jessica sich Angus' Notizbuch und Nickys Kugelschreiber ausgeliehen. Da die beiden wegen der Gitternetze die Sachen nicht selber in Jessicas Zelle hinüberreichen konnten, hatte Vincente, der zu dieser Zeit Dienst hatte, sie freundlicherweise eingesammelt und ihr gegeben.

Jessica hatte vor, von allen an der Entführung Beteiligten Skizzen zu machen, solange sie deren Gesichter noch deutlich in Erinnerung hatte. Sie war zwar keine perfekte Künstlerin, aber doch ein geschickter Amateur, und sie war sicher, daß die Gesichter auf den Zeichnungen wiedererkennbar sein würden, falls sie sie später zur Identifizierung der Verbrecher brauchen sollte.

Die erste Zeichnung, die sie am Tag zuvor begonnen hatte und an der sie auch jetzt noch arbeitete, zeigte den großen Mann mit den schütteren Haaren und dem bestimmten Auftreten, den sie gleich nach dem Aufwachen in der dunklen Hütte bemerkt hatte. Trotz ihrer Benommenheit zu diesem Zeitpunkt konnte sie sich an ihr verzweifeltes Flehen um Hilfe noch gut erinnern. Und es war ihr auch noch klar und deutlich im Gedächtnis, daß der Mann sehr überrascht auf ihre Bitte reagiert hatte. Unternommen hatte er jedoch nichts, das war inzwischen klar.

Wer war er? Was hatte er in dieser Hütte zu suchen? Irgendwie mußte er in die Entführung verwickelt sein. Jessica hielt ihn für einen Amerikaner. Aber auch wenn er es nicht war, hoffte sie doch, daß ihre Zeichnung die Fahndung nach ihm erleichtern würde.

Als Jessica schließlich den Stift weglegte, hatte sie ein recht brauchbares Porträt des Learjetpiloten Captain Denis Underhill gezeichnet.

Bei dem Geräusch von Schritten vor der Tür faltete Jessica die Zeichnung hastig zusammen und stopfte sie sich in den BH, das erste Versteck, das ihr spontan einfiel. Notizbuch und Kugelschreiber schob sie unter die dünne Matratze ihres Betts.