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Im nächsten Augenblick standen Miguel, Gustavo und Ramon in der Hütte. Sie trugen Geräte, die Jessica sofort erkannte. »O nein«, rief sie Miguel zu. »Das brauchen Sie gar nicht aufzubauen. Wir werden uns nicht filmen lassen.«

Miguel achtete nicht auf sie. Bedächtig schraubte er den Camcorder auf das Stativ, stellte den Scheinwerfer auf und schloß ihn an ein Verlängerungskabel an. Das Kabel lief nach draußen, von wo nun auch das Geräusch des startenden Generators kam. Augenblicke später war die Mitte der Zelle, wo vor der Kamera ein leerer Stuhl stand, hell erleuchtet.

Miguel kam seelenruhig auf Jessicas Käfig zu. Seine Stimme klang kalt und hart. »Du Schlampe wirst genau das tun, was ich dir sage, und wann ich es sage.« Er gab ihr drei Seiten mit handschriftlichem Text. »Du wirst das aufsagen - genau das und nicht mehr, und ohne ein Wort zu ändern.«

Jessica nahm die Seiten, überflog sie und zerriß sie in kleine Fetzen, die sie durch die Gitterstäbe hinauswarf. »Ich habe doch gesagt, daß ich es nicht tue, und daran hat sich nichts geändert.«

Miguel reagierte nicht auf sie, sondern sah nur Gustavo an, der in der Nähe wartete. »Hol dir den Jungen.«

Trotz der Entschlossenheit, die Jessica eben noch gezeigt hatte, lief ihr nun ein Schauer der Angst über den Rücken.

Sie mußte zusehen, wie Gustavo das Vorhängeschloß an Nickys Zelle öffnete und hineinging. Er packte Nicky an Schulter und Arm, drehte ihm den Arm auf den Rücken und warf ihn aus der Zelle.

Jessica war außer sich vor Angst, der Schweiß stand ihr auf der Stirn. »Was macht ihr mit ihm?« fragte sie die Männer.

Doch keiner antwortete.

Statt dessen brachte Ramon nun aus einer anderen Ecke der Hütte den Stuhl, auf dem sonst die Wachen saßen. Gustavo stieß Nicky auf den Stuhl, und die beiden Männer fesselten ihn. Bevor Gustavo Nickys Arme am Stuhl festband, knöpfte er ihm das Hemd auf und entblößte seine schmale Brust. Ramon zündete sich unterdessen eine Zigarette an.

Jessica, die sich nur zu gut vorstellen konnte, was nun kommen würde, rief Miguel zu: »Warten Sie! Vielleicht war ich zu voreilig. Bitte warten Sie! Wir können doch darüber reden!«

Miguel antwortete nicht. Er bückte sich und hob einige der Fetzen auf, die Jessica auf den Boden geworfen hatte. »Das waren drei Seiten«, sagte er. »Ich habe mir schon gedacht, daß so etwas passieren würde und dir deshalb nur eine Kopie gegeben. Aber die Zahl drei hast du uns damit vorgegeben.«

Er sah Ramon an und hielt drei Finger in die Höhe. »Quemelo bien... tres veces.«

Ramon zog an der Zigarette, bis das Ende rot aufglühte. Dann nahm er sie entschlossen und mit einer schnellen Bewegung aus dem Mund und drückte die Glut Nicky auf die Brust. Im ersten Augenblick war der Junge so überrascht, daß er keinen Ton über die Lippen brachte. Doch als er den entsetzlichen, brennenden Schmerz spürte, schrie er auf.

Auch Jessica schrie - wild und unzusammenhängend brach es aus ihr heraus, sie flehte Miguel unter Tränen an, er solle mit der Quälerei aufhören, denn sie werde alles tun, was er von ihr verlange. »Alles! Alles! Egal was. Sagen Sie mir nur, was Sie wollen. Aber hören Sie auf. Bitte, hören Sie auf!«

Angus trommelte mit den Fäusten gegen das Maschengitter seiner Zelle und schrie ebenfalls. Das meiste ging in dem übrigen Lärm unter, doch ein paar seiner Worte waren zu verstehen. »Ihr elenden Schweine! Feiglinge! Ihr seid Tiere, keine Menschen!«

Ramon sah und hörte zu, ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. Dann steckte er sich die Zigarette wieder in den Mund und zog fest daran, bis die Glut wieder aufleuchtete. Schließlich drückte er das rote Ende ein zweites Mal auf Nickys Brust. Nicky schrie immer lauter, während Ramon ein drittes Mal an der Zigarette zog und die Tortur wiederholte. Nun begleitete der Geruch von versengter Haut die Schreie und das verzweifelte Weinen des Jungen.

Miguel blieb kühl und gelassen, als wäre ihm die ganze Sache vollkommen gleichgültig.

Nach dem dritten Mal wartete er, bis sich der Lärm etwas gelegt hatte, und sagte dann zu Jessica: »Du setzt dich jetzt vor die Kamera und fängst an zu reden, wenn ich es dir sage. Ich habe den Text auf Kartons geschrieben. Es ist der gleiche wie der, den du gelesen hast. Die Kartons werden hochgehalten, und du liest Wort für Wort ab. Verstanden?«

»Ja«, erwiderte Jessica wie betäubt. »Ich habe verstanden.«

Als Miguel hörte, wie brüchig und trocken ihre Stimme klang, befahl er Gustavo: »Gib ihr Wasser.«

»Ich brauche keins«, protestierte Jessica. »Um Nicky muß man sich kümmern - er braucht etwas für die Brandwunden. Socorro weiß...«

»Halt den Mund!« fauchte Miguel. »Wenn du weiter Schwierigkeiten machst, wird der Junge wieder leiden. Er bleibt, wo er ist. Und du wirst jetzt gehorchen!« Er warf dem wimmernden Nicky einen bösen Blick zu. »Und du halt auch den Rand!« Miguel wandte sich um. »Ramon, halt den Stengel bereit!«

Ramon nickte. »Si, jefe.« Er zog an der Zigarette, bis sie wieder glühte.

Jessica schloß die Augen. Ihre Halsstarrigkeit war schuld, daß es so weit gekommen war. Vielleicht würde Nicky ihr das nie verzeihen. Um ihn wenigstens jetzt zu schützen, mußte sie sich auf das konzentrieren, was zu tun war, sie mußte es ohne Fehler zu Ende bringen.

Zu Hause in Larchmont, an dem Abend vor der Entführung, hatte Crawf ihr noch von bestimmten Signalen erzählt, die eine Geisel heimlich bei einer Videoaufzeichnung übermitteln konnte. Wichtig war nur, daß jemand diese Signale kannte und sie interpretieren konnte. Crawf war davon ausgegangen, daß man ihn eines Tages entführen und zu einer solchen Videoaufnahme zwingen könnte. Doch nun war Jessica in dieser Lage - daran hätten die beiden nicht im Traum gedacht -, und sie versuchte, sich an die Signale zu erinnern, da sie wußte, daß Crawf die Aufzeichnung mit Sicherheit sehen würde... Wie waren die Zeichen gleich wieder?

Sie rief sich das Gespräch in Erinnerung... Sie hatte schon immer ein gutes Gedächtnis besessen... Crawf hatte gesagt: »Wenn ich mir mit der Zunge über die Lippen lecke, was man ja leicht unbeobachtet tun kann, heißt das: >Ich mache das gegen meinen Willen. Glaubt kein Wort von dem, was ich sage.< Wenn ich mich am rechten Ohr kratze, heißt das: Meine Entführer sind gut organisiert und schwer bewaffnet.< Wenn es das linke Ohr ist, heißt es: >Die Bewachung hier ist eher nachlässig. Ein Angriff von außen könnte Erfolg haben.<«... Es gäbe noch andere Signale, hatte Crawf gesagt, aber sie nicht näher beschrieben. Also mußten diese drei - oder genauer zwei, da sie ja nur ein Ohrläppchensignal benutzen konnte - genügen.

Gustavo öffnete Jessicas Zelle und winkte sie heraus.

Sie wollte sofort zu Nicky laufen, doch Miguel warf ihr einen finsteren Blick zu, und Ramon, der sie ebenfalls beobachtete, hatte sich eine neue Zigarette angezündet. Jessica blieb stehen, wechselte einen Blick mit Nicky und wußte, daß er verstand. Dann ließ sie sich von Gustavo zu dem Stuhl vor der Kamera führen. Gehorsam trank sie das Wasser, das er ihr gab.

Die Erklärung, die sie lesen sollte, stand in großen Buchstaben auf zwei Kartons, die Gustavo nun hochhielt. Miguel stand hinter dem Camcorder und hatte das Auge am Sucher. »Fang' an, wenn ich die Hand sinken lasse!« befahl er.

Auf das Signal hin begann Jessica. Sie versuchte, ihre Stimme neutral klingen zu lassen. »Wir werden hier gut behandelt. Man hat uns erklärt, warum wir entführt wurden, und wir verstehen nun, daß es notwendig war. Wir wissen auch, daß die Bedingungen, die für unsere sichere Rückkehr gestellt werden, von unseren amerikanischen Freunden sehr leicht zu erfüllen sind. Als Gegenleistung für unsere Freilassung...«