Выбрать главу

»Stop!«

Miguels Gesicht war rot vor Wut.

»Du Miststück! Du liest das ab wie einen Einkaufszettel -ohne jeden Ausdruck. Du willst mich übers Ohr hauen und es unglaubwürdig klingen lassen, so als hätte man dich dazu gezwungen... «

»Aber Sie zwingen mich doch!« Einen Augenblick später bereute Jessica diese Trotzigkeit.

Auf ein Zeichen von Miguel hielt Ramon Nicky erneut die brennende Zigarette an die Brust. Nicky schrie wieder auf.

Jessica wurde fast wahnsinnig bei dem Schrei; sie sprang auf und flehte: »Nein! Nicht mehr! Ich mach' es besser!... So wie Sie wollen!... Ich verspreche es!«

Zu ihrer Erleichterung beließ es Ramon bei dem einen Mal. Miguel legte eine neue Cassette ein und winkte Jessica in den Stuhl zurück. Wieder gab Gustavo ihr Wasser. Augenblicke später begann sie von neuem.

Sie nahm sich zusammen und versuchte, die Einleitungssätze so überzeugend wie möglich klingen zu lassen. Dann fuhr sie fort: »Als Gegenleistung für unsere Freilassung sind die Anweisungen, die dieser Aufnahme beiliegen, schnell und Punkt für Punkt zu befolgen...«

Gleich nach dem Wort »befolgen« befeuchtete Jessica sich die Lippen mit der Zunge. Sie wußte, daß es ein Risiko war, nicht nur für sie selbst, sondern auch für Nicky, aber sie hoffte, daß es natürlich aussehen und so von keinem bemerkt würde. Daß niemand etwas sagte, schien ihr recht zu geben, und sie hatte nun Crawf und den anderen mitgeteilt, daß sie die Botschaft gegen ihren Willen vortrug. Trotz allem, was geschehen war, spürte sie eine gewisse Befriedigung, während sie weiter von den Kartons ablas, die Gustavo hochhielt.

»... aber seid euch über eines im klaren: Wenn ihr diese Instruktionen nicht befolgt, werdet ihr keinen von uns je wiedersehen. Wir flehen euch an, laßt das nicht geschehen...«

Wie lauteten diese Instruktionen? Wie sahen die Gegenleistungen aus, die die Entführer für ihre Freilassung verlangten? Jessica hütete sich, diese Fragen laut zu stellen. Sie hatte nur noch wenig Zeit und mußte sich überlegen, welches zweite Signal sie verwenden sollte. Das linke Ohrläppchen oder das rechte? Welches?

Die Leute hier waren zwar bewaffnet und wahrscheinlich gut organisiert, aber die Bewachung wurde manchmal trotzdem vernachlässigt. Nachts schliefen die Wachen oft ein, man konnte sie schnarchen hören... Jessica traf eine Entscheidung und kratzte sich beiläufig am linken Ohr. Geschafft! Keiner hatte es bemerkt! Erleichtert las sie den Text zu Ende.

»Wir warten, wir zählen auf euch und hoffen verzweifelt, daß ihr die richtige Entscheidung trefft und... «

Augenblicke später war es vorbei. Während Jessica beruhigt die Augen schloß, schaltete Miguel den Schweinwerfer aus und lächelte zufrieden.

Es dauerte eine ganze Stunde, bis Socorro endlich kam, eine Stunde des Schmerzes für Nicky und der Angst für Jessica, die Nicky auf seiner Pritsche leise stöhnen hörte, aber nicht zu ihm konnte. Mit Worten und mit Gesten hatte sie die diensthabende Wache angefleht, sie zu Nicky in die Zelle zu lassen, und es war deutlich, daß der Mann, obwohl er kein Englisch sprach, sehr wohl verstand, was sie wollte. Aber er hatte nur den Kopf geschüttelt und immer wieder gesagt: »No se permite.«

Entsetzliche Schuldgefühle überfielen Jessica. Durch das Maschengitter sagte sie zu Nicky: »Ach Liebling, es tut mir so furchtbar leid. Wenn ich gewußt hätte, was sie dir antun, hätte ich diese Aufnahme sofort gemacht. Ich hätte nie geglaubt...«

»Mach dir keine Sorgen, Mom.« Trotz seiner Schmerzen versuchte Nicky, sie zu beruhigen. »Du konntest ja nichts dafür.«

»Das hätte keiner geglaubt, daß diese Wilden zu so etwas fähig wären«, kam Angus' Stimme aus der hinteren Zelle. »Tut's noch sehr weh, alter Junge?«

»Ziemlich.«

Wieder flehte Jessica die Wache an: »Holen Sie Socorro! Die Krankenschwester! Sie verstehen? Socorro!«

Doch der Mann reagierte nicht. Er saß auf seinem Stuhl, las ein Comic-Heft und sah nicht auf. Schließlich kam Socorro doch, wie es schien, aus eigener Entscheidung.

»Bitte helfen Sie Nicky«, bat Jessica. »Ihre Freunde haben ihm Brandwunden zugefügt.«

»Er hat es wahrscheinlich verdient.« Socorro ließ sich von der Wache Nickys Zelle aufschließen und ging hinein. Als sie die vier versengten Stellen sah, schnalzte sie leise mit der Zunge, drehte sich um und verließ die Zelle. Die Wache sah ihr nach.

»Kommen Sie wieder?« rief Jessica ihr nach.

Einen Augenblick sah es so aus, als wollte Socorro wieder nur eine barsche Antwort geben. Doch dann nickte sie knapp und ging. Wenige Minuten später kehrte sie mit einer Schüssel, einem Krug Wasser und gefalteten Tüchern und Kompressen zurück.

Jessica sah durch das Maschengitter zu, wie Socorro vorsichtig die Wunden mit Wasser auswusch. Nicky zuckte dabei zusammen, doch er schrie nicht. Socorro trocknete die Stellen mit einem Tuch und legte Kompressen darüber, die sie mit Heftpflaster befestigte.

»Danke«, sagte Jessica erschöpft. »Sie machen das sehr gut. Darf ich fragen... «

»Es sind Verbrennungen zweiten Grades, sie werden heilen. In ein paar Tagen nehme ich den Verband wieder ab.«

»Können Sie etwas gegen die Schmerzen tun?«

»Das hier ist kein Krankenhaus. Er muß sie ertragen.« Socorro wandte sich Nicky zu, ihre Stimme klang gereizt, sie lächelte nicht. »Heute mußt du still liegenbleiben, Junge. Morgen tut's dann schon nicht mehr so weh.«

Jessica versuchte es mit einer letzten Bitte. »Darf ich zu ihm, bitte? Er ist doch erst elf, und ich bin seine Mutter. Können wir denn nicht Zusammensein, wenigstens die nächsten paar Stunden?«

»Ich habe Miguel gefragt. Aber er sagt nein.« Sekunden später war Socorro verschwunden.

Nach einer Weile sagte Angus leise. »Wenn ich nur etwas für dich tun könnte, Nicky. Das Leben ist ungerecht. Du hast das alles nicht verdient.«

Eine Pause. Und dann: »Gramps?«

»Ja, mein Sohn?«

»Es gibt schon etwas.«

»Das ich tun kann? Was denn?«

»Erzähl mir von diesen alten Liedern. Und sing mir eins vor.«

Angus traten die Tränen in die Augen. Für diese Bitte brauchte es keine Erklärung.

Alles, was mit Liedern und Musik zu tun hatte, faszinierte Nicky, und an manchen Sommerabenden in dem Haus am See, das die Sloanes in der Nähe von Johnstown in Upstate New York besaßen, saßen Großvater und Enkel beieinander und hörten Lieder aus dem Zweiten Weltkrieg, die damals Angus und anderen seiner Generation in schwierigen Zeiten Trost gespendet hatten. Nicky konnte nie genug davon bekommen, und Angus versuchte nun, sich Worte und Sätze ins Gedächtnis zu rufen, die er früher schon zu Nicky gesagt hatte. »Wir Flieger hüteten unsere achtundsiebziger Platten wie unseren Augapfel... Diese Achtundsiebziger gibt's schon lange nicht mehr... Ich wette, du hast noch nie eine gesehen... «

»Einmal schon. Der Vater von einem Freund von mir hat welche.«

Angus lächelte. Beide wußten, daß ein ähnlicher Dialog schon vor einigen Monaten stattgefunden hatte.

»Na, auf jeden Fall nahmen wir diese Platten von Stützpunkt zu Stützpunkt mit, und weil sie so zerbrechlich waren, vertraute keiner sie einem anderen an. Aus jedem BOQ - so hießen die Quartiere für die ledigen Offiziere - drang die Musik der Bigbands: Benny Goodman, Tommy Dorsey, Glenn Miller. Und die Sänger waren der junge Frank Sinatra, Ray Eberle, Dick Haymes. Wir haben deren Lieder gehört und sie unter der Dusche nachgesungen.«

»Sing' eins, Gramps.«

»Mein Gott, ich weiß nicht, ob ich das noch kann. Meine Stimme wird langsam alt.«

»Versuch's, Angus!« drängte ihn Jessica. »Wenn ich kann, sing' ich mit.«

Er suchte in seiner Erinnerung. Welches Lied hatte Nicky immer ganz besonders gemocht? Dann fiel es ihm ein - ja, das war es. Er holte Atem und begann, doch nicht ohne zuvor der Wache einen flüchtigen Blick zuzuwerfen, weil er sich fragte, ob der Mann auf dem Schweigegebot bestehen würde.