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Auch Partridges Arbeit für das Londoner Büro von CEA News lief gut. Er berichtete teils aus Großbritannien, teils vom Kontinent - aus Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden -, war aber nie allzulange von zu Hause fort. Wenn er nicht arbeitete, unternahmen Gemma und er Streifzüge durch London, sie entdeckten gemeinsam die glanzvolle Geschichte dieser Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten, schlenderten durch geheimnisvolle, enge Straßen mit verwinkelten Ecken, die aussahen wie aus einem Dickensschen Roman.

Gemma fand sich nur schwer zurecht in dem unüberschaubaren Straßengewirr und verlief sich häufig. Als Partridge meinte, daß es in Rom ähnlich schwierig sei, sich zu orientieren, schüttelte Gemma den Kopf und widersprach. »Man nennt Rom nicht umsonst >die Ewige Stadt<, Harry caro. In Rom bewegt man sich beständig vorwärts, man hat einfach ein Gefühl für die Stadt. London spielt mit dir Katz und Maus; links, rechts, vorwärts, rückwärts - man weiß nie, in welche Richtung man läuft. Aber ich finde es wunderbar; es ist wirklich wie ein Spiel.

Auch der Verkehr brachte Gemma durcheinander. Als sie mit Partridge einmal auf den Stufen der National Gallery stand und den nie abreißenden Strom von Autos, Taxis und Doppeldeckerbussen auf dem Trafalgar Square beobachtete, sagte sie zu ihm: »Es ist so gefährlich, Liebling. Sie fahren alle falsch herum.« Daß Gemma sich nicht einmal in ihrer Vorstellung an den Linksverkehr gewöhnen konnte, war ein Glück, denn so hatte sie nie das geringste Bedürfnis, den Wagen zu benutzen, und wenn Partridge sie nicht fahren konnte, ging sie entweder zu Fuß oder fuhr mit der U-Bahn oder dem Taxi.

Neben der National Gallery besuchten sie noch viele andere Museen. Sie ließen weder die klassischen Touristenattraktionen wie den Wachwechsel am Buckingham Palace aus noch die obskureren Sehenswürdigkeiten wie die zugemauerten Fenster an alten Gebäuden, ein Überbleibsel aus dem beginnenden 19. Jahrhundert, als Fenster zur Finanzierung der napoleonischen Kriege besteuert wurden.

Ein Fremdenführer, den sie für einen Tag engagierten, zeigte ihnen eine Statue von Queen Anne und erzählte ihnen, daß die Königin neunzehn Schwangerschaften gehabt habe und in einem Sarg von einem Meter vierzig im Quadrat beerdigt worden sei. Und am New Zealand House, dem ehemaligen Hotel Carlton, erfuhren sie, daß Ho Chi Minh dort früher als Küchenhilfe gearbeitet hatte. Gemma liebte diese Art von Geschichten und schrieb in ihrem immer dicker werdenden Notizbuch eifrig mit.

An Sonntagen gingen sie am liebsten zur Speakers' Corner beim Marble Arch, wo, wie Partridge erklärte, »Propheten, Großmäuler und Spinner gleiche Redezeit haben«.

»Was ist eigentlich daran so anders, Harry?« fragte Gemma einmal, nachdem sie eine Rede gehört hatte. »Einige der Reden, die euer seriöses Fernsehen bringt, sind keineswegs besser. Du solltest für eure Nachrichten einen Bericht über die Speakers' Corner machen.«

Bald darauf unterbreitete Harry den Vorschlag der Zentrale in New York, und nachdem er vom Hufeisen grünes Licht bekommen hatte, machte er seinen Bericht, der wenig später, an einem Freitag, als humoristisches »Schlußstück« der Abendnachrichten gesendet und mit viel Beifall bedacht wurde.

Ein weiterer Höhepunkt war ein Besuch des von Lord Byrons Butler gegründeten Brown's Hotel zum Tee - diesem höchsten Ausdruck englischer Lebensart, mit exzellentem Service, köstlichen Sandwiches, feinem Teegebäck, Erdbeermarmelade und dicker Sahne aus Devonshire. »Es ist ein geheiligtes Ritual, mio amore«, erklärte Gemma. »Wie die Kommunion, nur schmackhafter.«

Für sie beide gab es nichts Schöneres als diese gemeinsamen Unternehmungen. Und gleichzeitig schritt Gemmas Schwangerschaft voran und versprach zusätzliches Glück.

Sie war im siebten Monat, als Partridge für einen Tag zur Berichterstattung nach Paris mußte. Die unter Personalmangel leidende Pariser Redaktion von CBA News brauchte jemanden, um über Vorwürfe gegen einen amerikanischen Film zu berichten, der sich kritisch - zu unrecht, wie man behauptete -mit der Rolle der französischen Resistance im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Partridge machte seinen Bericht, der über Satellit via London nach New York überspielt wurde, obwohl er Zweifel hatte, daß er für die National Evening News wichtig genug sein würde - Zweifel, die sich letztlich bestätigten.

Dann, im Pariser Büro und kurz vor seinem Rückflug nach London, rief man ihn ans Telefon. »Es ist Zeke aus London.

Zeke war Ezekiel Thomson, der Leiter des Londoner Büros -riesig, hartgesotten, eigensinnig und schwarz; für die, die mit ihm arbeiteten, schien er ein Mann ohne Gefühle. Das erste, was Partridge auffiel, war, daß Zekes Stimme gebrochen, fast erstickt klang.

»Harry, es ist das erste Mal, das ich so etwas tun muß... Ich weiß nicht, wie... aber ich muß dir sagen...«, stammelte er.

Irgendwie gelang es ihm, den Rest zu erzählen.

Gemma war tot. Sie wollte an einer belebten Kreuzung in Knightsbridge eine Straße überqueren, und Zeugen berichteten, daß sie nach links anstatt nach rechts geschaut hatte... Oh, Gemma! Liebste, wunderbare, naive Gemma, du hast ja immer geglaubt, daß die Autos in Großbritannien auf der falschen Seite fahren, und du hast nie gewußt, in welche Richtung du als Fußgänger zuerst schauen mußt, ...Sie war in einen von rechts kommenden Lastwagen gelaufen und überfahren worden. Zeugen des Unfalls meinten, man könne dem Lastwagenfahrer keinen Vorwurf machen, er hatte keine Chance...

Ihr Baby - ein Junge, wie Partridge später erfuhr - starb mit ihr.

Partridge kehrte nach London zurück, und als er sich nach Erledigung der Formalitäten in ihrer gemeinsamen Wohnung wiederfand, begann er zu weinen. Er blieb tagelang allein und wollte niemanden sehen, während seine Tränen flossen - nicht nur die für Gemma, sondern all die Tränen, die er in den vielen Jahren nicht vergossen hatte.

Endlich weinte er auch für die toten walisischen Kinder aus Aberfan, jene jammervollen kleinen Gestalten, die man aus dem Schlamm gezogen hatte. Er weinte für die Hungernden in Afrika, von denen einige gestorben waren, während die Kameras liefen und er, nach außen ungerührt, an seinem Manuskript arbeitete. Er weinte für all die Toten an vielen tragischen Orten der Welt, wo er bei den Hinterbliebenen stand, ihr Wehklagen hörte und doch nur ein Chronist des Leidens war, ein Journalist, der seine Arbeit tat und nicht mehr.

Irgendwann in dieser Zeit fielen ihm die Worte der Psychiaterin ein, die ihm einmal gesagt hatte: »Du nimmst immer nur alles in dich auf und drängst deine Emotionen in irgendeine Ecke deiner Seele ab. Eines Tages werden die Dämme brechen und die Tränen fließen. Und wie sie fließen werden!«

Danach versuchte er, so gut es ging, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bei CBA News glaubte man, ihm am besten helfen zu können, wenn man ihn ständig beschäftigte und ihm keine Zeit zum Grübeln ließ. So schickte man ihn, kaum daß ein Auftrag beendet war, gleich zum nächsten. Wo immer auf der Welt es gefährliche Konflikte gab, war Harry Partridge am Ort des Geschehens. Er riskierte viel und kam immer unbeschadet davon, bis es ihm und den anderen so schien, als könne er dem Leben wieder etwas abgewinnen. So vergingen die Monate und schließlich die Jahre.