Выбрать главу

»Soweit akzeptiert. Also warum?«

»In den Teilen der Welt, die am tiefsten in Schwierigkeiten stecken, und eben auch bei uns, gibt es im wesentlichen zwei Bevölkerungsschichten: auf der einen Seite die Gebildeten und Wohlhabenden, auf der anderen die Unwissenden und hoffnungslos Armen, die auf dem Arbeitsmarkt praktisch nicht vermittelbar sind. Die erste Gruppe pflanzt sich nur sehr mäßig fort, die zweite dagegen vermehrt sich wie die Fliegen, sie wird zwangsläufig immer größer - eine menschliche Zeitbombe, die die erste Gruppe zerstören wird.« Sergio deutete mit der Hand hinter sich. »Du brauchst bloß rauszugehen und dich umzusehen.«

»Und hast du eine Lösung?«

»Amerika könnte eine haben. Nicht indem es Waffen oder Geld verteilt, sondern indem es die Welt mit Ärzteteams überschwemmt, die die Armen in Geburtenkontrolle unterrichten, so wie Kennedy seine Friedenscorps ausgeschickt hat. Natürlich würde es Generationen dauern, aber eine Beschränkung des Bevölkerungswachstums könnte die Welt retten.«

»Aber vergißt du da nicht etwas?« wollte Partridge wissen.

»Wenn du die katholische Kirche meinst, möchte ich dich daran erinnern, daß ich selbst Katholik bin. Ich habe auch viele katholische Freunde, bedeutende, gebildete und reiche Leute. Eigenartigerweise haben sie alle nur kleine Familien. Ich habe mich gefragt: Unterdrücken die alle ihren Sexualtrieb? Da ich die Männer und die Frauen kenne, bin ich sicher, daß sie es nicht tun. Und einige bekennen auch ganz offen, daß sie sich nicht an das kirchliche Dogma zur Geburtenkontrolle halten, ein Dogma, das übrigens von Menschen geschaffen ist.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Wenn sich Amerika hier an die Spitze stellt, könnte die Opposition gegen dieses Dogma immer stärker werden.«

»Weil du gerade von offenem Bekennen sprichst«, sagte Partridge. »Wärst du bereit, einen Großteil des eben Gesagten vor einer Kamera zu wiederholen?«

Sergio warf die Hände in die Luft. »Aber warum denn nicht, mein lieber Harry? Was mir Amerika vor allem beigebracht hat, ist das leidenschaftliche Eintreten für die freie Meinung. Ich sage im Radio offen, was ich denke, obwohl ich mich manchmal frage, wie lang sie mich das noch tun lassen. Weder die Regierung noch dem Sendero gefällt, was ich sage, und beide haben Kugeln und Gewehre. Aber man kann ja nicht ewig leben, und deshalb, Harry, werde ich das für dich tun.«

Partridge mußte sich eingestehen, daß hinter diesem unförmigen Fleischberg ein Mensch mit Prinzipien und großem Mut steckte.

Schon vor seiner Ankunft in Peru war Partridge zu der Überzeugung gekommen, daß es für ihn nur eine Möglichkeit gab, die Entführungsopfer zu finden. Er mußte genau das tun, was ein Fernsehkorrespondent unter normalen Umständen immer tat - sich mit bekannten Kontaktpersonen treffen, neue aufspüren, nach Informationen suchen, herumreisen, fragen und immer wieder fragen und dabei hoffen, daß irgendwann ein Informationsbruchstück, ein Hinweis auftauchte, der ihn auf die Spur der Entführten brachte.

Das größte Problem kam natürlich erst danach, die Frage nämlich, wie man sie retten sollte. Doch damit konnte er sich erst beschäftigen, wenn es so weit war.

Falls es nicht zu einem unerwarteten, glücklichen Durchbruch kam, erwartete Partridge ein lange, mühevolle Suche.

Er durfte natürlich auch die Routinearbeit als Fernsehkorrespondent nicht vergessen. Deshalb ging er als nächstes zu Entel Peru, der nationalen Telekommunikationsgesellschaft, die ihre Zentrale in der Innenstadt von Lima hatte. Entel sollte ihm als Basis für die Verbindung mit CBA News in New York dienen, auch Satellitenübertragungen waren von dort aus möglich. Wenn in ein oder zwei Tagen die Teams der anderen Sender eintrafen, würden sie höchstwahrscheinlich dieselben Einrichtungen benutzen.

Victor Velasco war der vielbeschäftigte, vom Streß gezeichnete Auslandsdirektor von Entel, den Fernandez Pabur bereits benachrichtigt hatte. Er war Mitte Vierzig, vor der Zeit ergraut und trug ständig eine besorgte Miene zur Schau. So hatte er auch offensichtlich andere Probleme im Kopf, als er Partridge sagte: »Es war schwierig, Platz zu finden, aber wir haben eine Kabine für Ihren Cutter und seine Ausrüstung, und wir haben zwei Telefonleitungen hineingelegt. Sie und Ihre Leute werden Kennkarten brauchen... «

Partridge wußte sehr gut, daß in einem Land wie Peru, wo Politiker und ranghohe Militärs großspurig auftraten und sich bereicherten, es die unauffälligen Manager wie dieser Velasco waren, die mit ihrer gewissenhaften, aber unterbezahlten Arbeit das Land am Laufen hielten. Er hatte deshalb in seiner Hotelsuite tausend Dollar in einen Umschlag gesteckt, den er nun aus der Tasche zog und Velasco unauffällig gab.

»Als kleines Dankeschön für Ihre Bemühungen, Senor Velasco. Wir werden in Kontakt bleiben.«

Einen Augenblick wirkte Velasco verlegen, und Partridge fragte sich, ob er ablehnen wollte. Doch als Velasco den Umschlag öffnete und das amerikanische Geld sah, nickte er und steckte ihn ein.

»Vielen Dank. Wenn sonst noch etwas ist...«

»Ich werde Sie bestimmt noch brauchen«, sagte Partridge. »Das ist das einzige, was ich sicher weiß.«

»Was hat dich denn so lange aufgehalten, Harry?« fragte Manuel Leon Seminario, als Partridge ihn nach der Rückkehr von Entel Peru um kurz nach fünf vom Hotel aus anrief. »Seit unserer kleinen Unterhaltung habe ich auf dich gewartet.«

»Ich hatte in New York noch einiges zu erledigen.« Partridge dachte an das Telefongespräch, das er vor zehn Tagen mit dem Besitzer und Herausgeber von Escena geführt hatte; damals war die Spur nach Peru nur eine Möglichkeit gewesen, noch keine Gewißheit wie jetzt. »Manuel, ich wollte nur wissen, ob du heute abend schon etwas vorhast«, sagte er.

»Aber natürlich. Ich habe um acht Uhr eine Verabredung zum Abendessen im La Pizzeria, und zwar mit einem gewissen Harry Partridge.«

Inzwischen war es 20 Uhr 15, und die beiden tranken Pisco sours, einen in Peru sehr beliebten, pikant erfrischenden Cocktail. La Pizzeria war eine Mischung aus Bistro und traditionellem Restaurant, ein Stammlokal der Leute, die in Lima das Sagen hatten.

Seminario war ein schlanker, eleganter Mann mit einem sehr gepflegten Vandyke-Bart. Er trug eine modische Brille von Cartier, einen Anzug von Brioni und hatte eine burgunderrote Ledermappe mit an den Tisch gebracht.

Partridge hatte ihm bereits erzählt, warum er in Peru war. Nun fügte er hinzu: »Ich habe gehört, die Lage hier ist ziemlich schlecht.«

Seminario seufzte. »Das ist sie wirklich. Aber unser Leben war schon immer eine extreme Mischung. Wir können... wie sagte Milton gleich wieder... >einen Himmel aus der Hölle, eine Hölle aus dem Himmel< machen. Wir limenos sind Überlebenskünstler, und eben das will ich auf den Titelblättern von Escena zum Ausdruck bringen.« Er griff nach seiner Aktenmappe und öffnete sie. »Sieh dir mal diese beiden an -unsere aktuelle Ausgabe und der Entwurf für nächste Woche. Zusammen sagen sie, glaube ich, etwas aus.«

Partridge sah sich zuerst das gedruckte Magazin an. Das Titelblatt zeigte in Farbe das Flachdach eines großen Gebäudes in der Innenstadt. Eine Menge Schutt lag auf dem Dach, vermutlich von einer Explosion. Den Mittelpunkt des Bildes nahm eine auf dem Rücken liegende, tote Frau ein. Sie war offensichtlich noch jung; ihr Gesicht, das kaum verletzt war, mochte im Leben schön gewesen sein. Aber ihr Bauch war zerfetzt, die blutigen Gedärme quollen heraus. Partridge erschauerte, obwohl er mit Kriegsbildern vertraut war.