»Ich will dir die Lektüre des Artikels ersparen, Harry. Gegenüber fand eine Tagung von Geschäftsleuten statt. Der Sendero Luminoso, bei dem die junge Frau Aktivistin war, hatte beschlossen, das Konferenzzentrum mit einem Granatwerfer zu beschießen. Zum Glück für die Konferenzteilnehmer, aber nicht für die junge Frau, explodierte der selbstgebastelte Werfer, bevor sie die Ladung abfeuern konnte.«
Partridge warf noch einen flüchtigen Blick auf das Bild und sah dann weg. »Soviel ich weiß, wird der Sendero in Lima immer aktiver.«
»Und zwar in erschreckendem Umfang. Die Leute bewegen sich frei in der Stadt, und daß dieses Bombardement schiefging, war eine Ausnahme. Die meisten Anschläge sind erfolgreich. Aber jetzt sieh dir mal das Cover für nächste Woche an.« Der Herausgeber schob ihm den Entwurf zu.
Es war Sex pur, nur um Haaresbreite von Pornographie entfernt. Ein junges, vielleicht neunzehnjähriges Mädchen in einem sehr gewagten Badeanzug stützte sich mit zurückgeworfenem Kopf und zerzausten Haaren auf ein seidenes Kissen. Die Augen hatte sie geschlossen, die Beine leicht gespreizt.
»Das Leben geht weiter, und es hat immer zwei Seiten, sogar in Peru«, sagte Seminario. »Weil wir gerade dabei sind, laß uns doch das Essen bestellen, und dann, Harry, werde ich dir ein paar Vorschläge machen, damit auch dein Leben weitergeht.«
Das Essen war italienisch und ausgezeichnet, der Service einwandfrei. Gegen Ende des letzten Ganges lehnte Seminario sich zurück.
»Über eins mußt du dir im klaren sein, Harry, daß nämlich der Sendero Luminoso vermutlich bereits von deiner Anwesenheit weiß; die haben ihre Spione überall. Aber auch wenn sie es noch nicht wissen, werden sie es bald erfahren, spätestens nach den CBA-Nachrichten morgen abend, die man sicher auch bei uns zu sehen bekommt. Du brauchst also zuallererst einen Leibwächter, vor allem wenn du nachts auf die Straße gehst.«
Partridge lächelte. »Dafür scheint ja bereits gesorgt zu sein.« Fernandez Pabur hatte darauf bestanden, ihn vom Hotel abzuholen und ins Lokal zu bringen. Als Begleitung war in dem Ford Kombi noch ein schweigsamer, kräftiger Mann mit dabei, der aussah wie ein Schwergewichtsboxer. Der Ausbuchtung an seinem Sakko nach zu urteilen, war er bewaffnet. Am Ziel stieg der Mann dann als erster aus, während Partridge und Pabur im Auto sitzenblieben, bis er ihnen winkte. Ohne von Partridge danach gefragt worden zu sein, hatte Fernandez erklärt: »Er wartet hier, solange Sie im Restaurant sind.« Wahrscheinlich stand der Mann immer noch draußen.
»Gut«, bemerkte Seminario. »Dein Mann weiß, was er tut.
Trägst du selbst eine Waffe?«
Partridge schüttelte den Kopf.
»Mußt du aber. Viele von uns haben eine. Und um American Express zu zitieren: >Verlassen Sie nie das Haus ohne sie.< Noch etwas: Fahr nicht nach Ayacucho. Das ist eine Hochburg des Sendero. Sie würden davon erfahren, und deine Anwesenheit dort wäre der reine Selbstmord.«
»Irgendwann muß ich vielleicht doch hin.«
»Du meinst, wenn ich oder andere, die versuchen, dir zu helfen, erfahren haben, wo deine Freunde gefangengehalten werden. In diesem Fall mußt du sie überraschen, indem du schnell dort auftauchst und ebenso schnell wieder verschwindest. Du wirst ein Charterflugzeug dafür brauchen. Einige Piloten sind zu solchen Aufträgen bereit, wenn du ihnen genug Risikozulage zahlst.«
Als sie endlich alles besprochen hatten, waren die meisten anderen Gäste bereits gegangen, das Restaurant wollte schließen.
Vor der Tür warteten Fernandez und der Leibwächter.
Während sie im Kombi zum Caesar's Hotel zurückfuhren, fragte Partridge Fernandez: »Können Sie mir eine Waffe besorgen?«
»Natürlich. Irgendwelche besonderen Wünsche?«
Partridge dachte nach. Die Art seiner Aufträge brachte es mit sich, daß er sich mit Waffen auskannte und sie auch benutzen konnte. »Am liebsten eine Browning neun Millimeter mit Schalldämpfer.«
»Bis morgen haben Sie sie. Apropos morgen - haben Sie besondere Pläne, die ich kennen sollte?«
»Das gleiche wie heute, ich werde mich mit Leuten treffen.« Im Geist fügte Partridge hinzu: Und in den Tagen danach ebenso - bis der Durchbruch geschafft ist.
3
Freitag war ein hektischer Tag bei CBA in New York. Einen Teil der Hektik hatte man vorausgesehen, doch vieles kam überraschend.
Wie gewöhnlich begann der Sendetag mit dem »Sunrise Journal«, dem Frühstücksfernsehen um 6 Uhr. Während dieses Magazins wurde im Werbeblock eine Programmankündigung von CBA News ausgestrahlt, die während des ganzen Tages wiederholt werden sollte. Die Ankündigung war von Harry Partridge noch vor seinem Abflug aufgenommen worden.
»Heute abend in den CBA National Evening News - ein Exklusivbericht über verblüffende neue Entwicklungen im Entführungsfall der Familie Crawford Sloanes.
Um 21 Uhr östlicher und um 19 Uhr zentraler Zeit eine einstündige Sondersendung - >Ein Sender in Bedrängnis: Die Entführung der Sloanes.<
Schalten Sie rechtzeitig ein, damit Sie die National Evening News und die Sondersendung nicht verpassen.«
Man hatte Partridge als Sprecher gewählt, weil er die Entführungsberichte regelmäßig moderiert hatte. Darüber hinaus war es ein kluger Schachzug, da es die Annahme nahelegte, er befinde sich noch in den Vereinigten Staaten, obwohl er sich um 6 Uhr morgens bereits seit achtzehn Stunden in Peru aufhielt.
Les Chippingham sah die Vorankündigung, während er in seiner Wohnung an der Eighty-second Street ein schnell selbst zubereitetes Frühstück hinunterschlang. Er hatte es eilig, denn er wußte, daß an diesem Tag einiges passieren würde, und durch das Küchenfenster sah er, daß seine CBA-Limousine bereits vor der Tür wartete. Das Auto erinnerte ihn an Margot Lloyd-Masons Ermahnung bei ihrer ersten Begegnung, er solle mit dem Taxi fahren, eine Anordnung, die er bis jetzt ignoriert hatte. Er durfte aber auf keinen Fall vergessen, Margot auf dem laufenden zu halten; er hatte vor, sie anzurufen, sobald er in seinem Büro war, da sie die Ankündigung wahrscheinlich auch sah.
Doch dazu kam es gar nicht. Kaum war er ins Auto eingestiegen, da gab der Fahrer ihm bereits den Hörer. Margot bellte ihn an:
»Was sind das für neue Entwicklungen, und warum weiß ich nichts davon?«
»Es ist alles sehr plötzlich passiert. Ich hatte vor, Sie gleich als erstes vom Büro aus anzurufen.«
»Die Öffentlichkeit weiß bereits Bescheid. Und warum ich nicht?«
»Margot, die Öffentlichkeit weiß überhaupt nichts; sie erfährt es erst heute abend. Sie dagegen werden es erfahren, sobald ich an meinem Schreibtisch sitze, aber über diese Leitung will ich nichts sagen, weil wir nicht wissen, wer alles mithört.«
Es entstand eine kurze Pause, in der er sie schwer atmen hörte. »Aber Sie rufen mich sofort an, wenn Sie im Büro sind.«
»Jawohl.«
Fünfzehn Minuten später war Chippingham wieder mit der Präsidentin von CBA verbunden. Er begann: »Es gibt eine Menge zu erzählen.«
»Also heraus damit!«
»Hervorragende Neuigkeiten, zumindest aus Ihrer Sicht. Einige unserer besten Leute haben eine Menge exklusiver Informationen zusammengetragen, die CBA heute abend das größte Publikum und damit die höchsten Einschaltquoten in der Geschichte des Senders verschaffen werden. Für Crawf sind die Neuigkeiten über seine Familie leider alles andere als gut.«
»Wo sind sie?
»In Peru. Als Gefangene des Sendero Luminoso.«
»Peru! Sind Sie ganz sicher?«
»Wie gesagt, einige unserer erfahrensten Leute haben an dem Fall gearbeitet, darunter auch Harry Partridge, und was sie entdeckt haben, ist absolut überzeugend. Ich habe keine Zweifel daran, und ich bin sicher, Sie auch nicht.« Doch Margots erschrockene Reaktion auf die Erwähnung Perus überraschte Chippingham, und er fragte sich, was dahintersteckte.