Nach dem Telefongespräch rief Margot ihre Sekretärin an und diktierte ihr eine Nachricht an Theo Elliott.
Theo:
Als Ergebnis unseres Gesprächs werden die National Evening News heute abend folgende Meldung bringen:
»Die Regierung von Peru und Sendero Luminoso sind seit Jahren erbitterte Feinde. Jeder will nichts mehr als die Zerstörung des anderen. Perus Präsident Castaneda hat erklärt: >Senderos Existenz ist eine tödliche Gefahr für Peru. Diese Kriminellen sind wie ein Messer in meiner Seite.<«
Die letzte Aussage wird als Bild- und Tonzitat Castanedas gesendet.
Vielen Dank für Rat und Hilfe. Margot Lloyd-Mason
Die Nachricht ging sofort per Kurier an die Zentrale von Globanic Industries.
Margots nächster Anruf ging nach Washington - zum Außenminister.
Während des ganzen Freitags bis zur ersten Sendung der National Evening News um 18 Uhr 30 war bei CBA Abschottung oberstes Gebot, während nicht wenige Außenstehende versuchten, sie zu durchbrechen und Zugang zu den Exklusivinformationen zu erhalten, mit deren Ankündigung der Sender Publikum und Konkurrenz nun schon den ganzen Tag auf die Folter spannte. Journalisten der anderen Sender, von Radiostationen, Presseagenturen und den Printmedien, versuchten teils direkt, teils mit verschleierten Fragen, bei Freunden und Kontakten innerhalb von CBA zu erfahren, worum es sich nun eigentlich handelte. Da aber nur sehr wenige Leute überhaupt etwas wußten und man die Computer der Spezialeinheit zeitweise vom Datennetz abgekoppelt hatte, konnte bei CBA bis zum letzten Augenblick Stillschweigen gewahrt werden.
Doch unmittelbar nach Bekanntgabe der Informationen wurde die Meldung von allen übernommen und, unter Hinweis auf CBA News als Quelle, in der ganzen Welt verbreitet. Bei den anderen Sendern mußten sich einige Leute peinliche Fragen stellen lassen: Warum haben wir das verpaßt? Was hätten wir tun können, was wir nicht getan haben? Warum hast du das nicht nachgeprüft, und warum bist du dem nicht nachgegangen? Warum hat denn niemand daran gedacht, dort anzurufen? Was können wir tun, damit so etwas nicht noch einmal passiert?
Unterdessen warfen die Sender hastig ihre Spätsendungen um und verwendeten in aller Eile besorgtes Videomaterial mit dem Zusatz »Mit freundlicher Genehmigung von CBA«, während die Zeitungen den Umbruch ihrer Titelseiten änderten. Gleichzeitig alarmierten alle großen Nachrichtenorganisationen ihre Kontakte in Peru und versuchten, so schnell wie möglich eigene Korrespondenten und Kamerateams in Flugzeuge nach Lima zu setzen.
Inmitten dieses Trubels kam es zu einer weiteren, bedeutenden Entwicklung.
Don Kettering, der nun die Spezialeinheit leitete, hörte kurz vor 22 Uhr davon, als die Sondersendung eben dem Ende zuging. Er saß noch an dem Tisch, an dem er, zusammen mit Harry Partridge, die Sendung moderiert hatte - so sah es zumindest für die Zuschauer aus, die nicht wissen konnten, daß Partridges Beitrag in Wirklichkeit vom Band kam.
Norman Jaeger teilte ihm die Neuigkeit während eines Werbeblocks über Telefon mit. Jaeger war nun Chefproduzent, da Rita Abrams bereits im Flugzeug nach Peru saß.
»Don, wir müssen unbedingt gleich nach der Sendung eine Konferenz der Spezialeinheit ansetzen.«
»Ist irgendwas passiert, Norm? Irgendwas Heißes?«
»Brandheiß. Ich hab' es eben von Les erfahren. Drüben in Stonehenge ist ein Paket mit den Forderungen der Entführer und einem Videoband von Jessica Sloane eingetroffen.«
4
Das Band mit Jessicas Erklärung ließen sie zuerst laufen.
Es war Freitag, 22 Uhr 30. In einem Vorführraum, der sonst nur vom obersten Management benutzt wurde, saßen zehn Personen: Les Chippingham und Crawford Sloane, von der Spezialeinheit Don Kettering, Norm Jaeger, Karl Owens und Iris Everly, von der Senderzentrale in Stonehenge Margot Lloyd-Mason und Tom Nortandra, einer der Vizepräsidenten, und Irwin Bracebridge, der Präsident der CBA Broadcast Group, sowie vom FBI Sonderagent Otis Havelock.
Daß dieses Treffen überhaupt zustande kam, war zu einem Großteil dem Zufall zu verdanken. Etwas früher am Abend, gegen 19 Uhr 30, gab ein Bote in der Eingangshalle von Stonehenge ein kleines, unscheinbares Paket mit der Adresse President, CBA Network ab. Nach einer Routineüberprüfung schickte man es in Margot Lloyd-Masons Büro, wo es normalerweise bis Montag morgen ungeöffnet liegengeblieben wäre. Nortandra, dessen Büro direkt neben Margots lag, arbeitete aber noch, und zwei seiner Sekretärinnen ebenso. Eine der beiden nahm das Paket in Empfang und öffnete es. Sie erkannte natürlich sofort seine Bedeutung und informierte Nortandra, der Margot im Waldorf anrief, wo sie an einem Empfang zu Ehren des französischen Staatspräsidenten teilnahm.
Margot verließ den Empfang und eilte nach Stonehenge, wo sie sich zusammen mit Nortandra und Bracebridge, den man ebenfalls hinzugerufen hatte, das Band ansah und den beiliegenden Brief las. Sie wußten natürlich sofort, daß sie die Nachrichtenabteilung informieren mußten, und beriefen eine Sitzung in der CBA News-Zentrale ein.
Wenige Minuten vor Beginn der Sitzung nahm Bracebridge, selbst ehemaliger Präsident von CBA News, Crawford Sloane beiseite. »Ich weiß, daß das sehr schwer für dich wird, Crawf, und ich muß dich warnen. Auf diesem Band sind einige Geräusche, die mir gar nicht gefallen haben. Wenn du dir die Aufnahme also zuerst alleine ansehen willst, dann verstehen wir das und warten vor der Tür.«
Crawford Sloane war von Larchmont gekommen, zusammen mit Otis Havelock, der im Haus gewesen war, als der Anruf mit der Nachricht über die Botschaft der Entführer sie erreichte. Jetzt schüttelte Sloane den Kopf. »Vielen Dank, Irwin. Aber ich will es mir mit euch zusammen ansehen.«
Don Kettering war es, der nun die Leitung übernahm und dem Vorführer zurief: »Also los!«
Es wurde dunkel im Saal. Fast gleichzeitig zeigte sich auf dem riesigen, erhöhten Fernsehschirm vor den Zuschauern das schwarzweiße Flimmern, das typisch ist, wenn der Vorspann eines Bands ohne Bilder läuft. Aber Ton war bereits vorhanden - eine Reihe markerschütternder Schreie drang unvermittelt aus den Lautsprechern. Die Gruppe saß wie erstarrt. Dann richtete Crawford Sloane sich auf und rief mit gebrochener Stimme: »O Gott! Das ist Nicky!«
Plötzlich hörten die Schreie so abrupt auf, wie sie begonnen hatten. Einen Augenblick später tauchte ein Bild auf - Jessicas Gesicht und Schultern vor einem nackten braunen Hintergrund, offensichtlich einer Wand. Jessicas Gesicht war ernst und starr, und auf diejenigen, die sie kannten, auf die meisten also, wirkte sie erschöpft und schwach. Doch als sie zu reden begann, klang ihre Stimme fest und entschlossen, wobei man allerdings das Gefühl nicht loswurde, daß sie sich zwang, ihre Stimme normal klingen zu lassen.
Sie begann: »Wir werden hier gut behandelt. Man hat uns erklärt, warum wir entführt wurden, und wir verstehen nun, daß es notwendig war. Wir wissen auch, daß die Bedingungen, die für unsere sichere Rückkehr gestellt werden, von unseren amerikanischen Freunden sehr leicht zu erfüllen sind. Als Gegenleistung für unsere Freilassung sind die Anweisungen, die dieser Aufnahme beiliegen, schnell und Punkt für Punkt zu befolgen. Aber seid euch über eins im klaren...«
Bei den Worten »über eins im klaren« hörte man, wie Crawford Sloane überrascht die Luft anhielt und dann etwas murmelte.
»...wenn ihr diese Instruktionen nicht befolgt, werdet ihr keinen von uns je wiedersehen. Wir flehen euch an, laßt das nicht geschehen... «
Wieder kam ein plötzliches Geräusch von Sloane, ein geflüsterter Ausruf: »Da!«
»Wir warten, wir zählen auf euch und hoffen verzweifelt, daß ihr die richtige Entscheidung trefft und uns wohlbehalten nach Hause holt.«
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Jessicas Gesicht war noch auf dem Monitor zu sehen, sie starrte mit ausdrucksloser Miene ins Leere. Dann war die Aufzeichnung zu Ende. Die Lichter gingen wieder an.