»Wir haben das Band zuvor ganz durchlaufen lassen«, sagte Irwin Bracebridge. »Es ist sonst nichts drauf. Aber wir glauben, daß die Schreie am Anfang von einem anderen Band herüberkopiert wurden. Wenn man sich das Band in Zeitlupe genau ansieht, erkennt man einen optischen Schnitt an der Stelle, wo zwei Aufnahmen zusammenkopiert wurden.«
»Warum sollten sie so etwas tun?« wollte jemand wissen.
Bracebridge zuckte mit den Achseln. »Vielleicht, um uns aufzurütteln und uns Angst einzujagen. Und das hat ja auch funktioniert, oder?«
Die anderen murmelten zustimmend.
Les Chippingham fragte behutsam: »Bist du sicher, daß diese ersten Geräusche von Nicky stammen?«
»Ganz sicher«, erwiderte er traurig und fügte dann hinzu: »Jessica hat zwei Signale übermittelt.«
»Welche Signale?« Chippingham klang verwirrt.
»Zuerst hat sie sich über die Lippen geleckt, und das heißt: >Ich mache das gegen meinen Willen. Glaubt kein Wort von dem, was ich sage.<«
»Raffiniert!« sagte Bracebridge.
»Sehr mutig«, bemerkte jemand. Andere nickten zustimmend.
»Wir haben noch am Abend vor der Entführung über solche Signale geredet, weil ich glaubte, daß ich selber sie eines Tages brauchen würde... Das Leben ist voller Zufälle. Offensichtlich hat Jessica sich daran erinnert.«
»Was konnte sie dir sonst noch mitteilen?« fragte Chippingham.
»Nein, Sir!« Die Stimme des FBI-Manns Havelock mischte sich in die Unterhaltung. »Mr. Sloane, was Sie sonst noch erfahren haben, sollten Sie im Augenblick für sich behalten. Je weniger Leute davon wissen, desto besser. Bitte, lassen Sie uns später darüber reden.«
»Ich möchte das aber wissen«, sagte Norm Jaeger. »Die Spezialeinheit hat es ja bis jetzt sehr gut geschafft, Geheimnisse für sich zu behalten.« Dann fügte er spitz hinzu: »Und sie aufzudecken.«
Der FBI-Agent sah ihn mürrisch an. »Soweit ich weiß, werden Sie wegen dieser Sache noch von unserem Direktor hören - warum Sie uns nicht informiert haben.«
»Das ist doch alles Zeitverschwendung«, sagte Iris Everly ungeduldig. »Mrs. Sloane hat auf dem Band Anweisungen erwähnt. Haben wir die?« Obwohl Iris die Jüngste der Gruppe war, war sie von der hochkarätigen Besetzung wenig beeindruckt. Sie hatte den ganzen Tag hart gearbeitet, um die Sondersendung fertigzubekommen, und war jetzt müde, aber ihr Verstand reagierte so schnell wie immer.
Margot, die noch immer das lavendelfarbene Chiffonkleid von Oscar de la Renta trug, in dem sie den französischen Präsidenten getroffen hatte, antwortete: »Wir haben es hier.« Sie nickte Nortandra zu. »Ich glaube, Sie sollten es laut vorlesen.«
Der Vizepräsident nahm ihr das Bündel zusammengehefteter Blätter ab, setzte sich eine Lesebrille auf die Nase und ging zur nächsten Lampe. Das Licht hob sein schlohweißes Haar und das nachdenkliche Gesicht hervor. Nortandra war Anwalt eines großen Konzerns gewesen, bevor er Manager bei CBA wurde; in seiner Stimme lag eine selbstbewußte Bestimmtheit, die er sich in den vielen Plädoyers im Gerichtssaal angeeignet hatte.
»Der Titel dieses Dokuments - oder vielleicht sollte ich besser sagen, dieser außergewöhnlichen Schmähschrift - lautet: >Die leuchtende Zeit ist gekommen.< Ich werde es Ihnen wörtlich vorlesen, ohne Kommentar oder Zwischenbemerkungen.
In der Geschichte der erleuchteten Revolutionen gab es Zeiten, in denen diejenigen, die sie anführten und inspirierten, es vorzogen zu schweigen und geduldig zu leiden, manchmal auch im Elend zu sterben, immer aber zu hoffen und zu planen. Dann gab es andere Zeiten -Augenblicke des Ruhms und des Sieges, wenn eine unterdrückte und ausgebeutete Mehrheit sich erhob, wenn Imperialismus und Tyrannei gestürzt wurden und wenn eine verkrustete kapitalistisch-bourgeoise Klasse ihre verdiente Vernichtung erfuhr.
Für den Sendero Luminoso ist die Zeit des Schweigens, der Geduld und des Leidens zu Ende. Die leuchtende Zeit, die zu beiden Seiten des Leuchtenden Pfads liegt, ist gekommen. Wir sind bereit zum Aufbruch.
Während die selbsternannten Supermächte dieser Welt sich nach außen hin durch Verhandlungen um Frieden bemühen, bereiten sie sich in Wahrheit auf eine katastrophale Konfrontation zwischen dem imperialistischen und dem sozialistisch-imperialistischen Block vor, die beide die Vorherrschaft über die Welt anstreben. Die bereits versklavte und vergewaltigte Mehrheit wird darunter nur noch mehr leiden. Wenn nichts gegen die immer weiter fortschreitende Ausbeutung der Welt unternommen wird, werden einige wenige machtbesessene Geldbonzen die gesamte Menschheit um ihrer eigenen Zwecke willen unterwerfen.
Aber wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch brodelt überall die Revolution. Die Partei - der Sendero Luminoso - wird diese Revolution anführen. Sie hat das Wissen und die Erfahrung. Ihr wachsender Einfluß erstreckt sich über die ganz Welt.
Es ist an der Zeit, daß die Öffentlichkeit uns kennenlernt und versteht.
Die verlogenen kapitalistisch-imperialistischen Medien, die nur drucken und senden, was ihre geldscheffelnden Herren ihnen sagen, ignorieren oder entstellen seit Jahren den heroischen Kampf des Sendero Luminoso.
Das wird sich nun ändern. Und das ist der Grund, warum wir kapitalistische Gefangene als Geiseln halten.
An den amerikanischen Fernsehsender CBA ergehen hiermit folgende Befehle:
Erstens: Beginnend mit dem zweiten Montag nach Erhalt dieser Forderungen wird das Programm CBA National Evening News (beide Ausgaben) an fünf Wochentagen, also eine ganze Woche lang, abgesetzt.
Zweitens: Statt des abgesetzten Programms wird ein anderes gesendet, das CBA in Form von fünf Cassetten zugeschickt wird. Der Titel dieses Programms lautet: >Die Weltrevolution: der Sendero Luminoso zeigt den Weg.<
Drittens: Während dieser Programme darf keine Werbung ausgestrahlt werden.
Viertens: Weder CBA noch eine andere Institution wird versuchen, die Herkunft dieser Cassetten zu ermitteln, von denen die erste CBA am Donnerstag nächster Woche zugehen wird. Die anderen folgen in täglichem Abstand. Jeder Versuch einer Nachforschung wird die sofortige Exekution einer der in Peru festgehaltenen Geiseln zur Folge haben. Bei allen weiteren Versuchen wird ebenso verfahren.
Fünftens: Diese Befehle stehen nicht zur Diskussion, sie sind Punkt für Punkt auszuführen.
Wenn CBA und andere diese Forderungen zur Gänze erfüllen, werden die drei Gefangenen vier Tage nach der letzten Ausstrahlung des Sendero Luminoso-Programms freigelassen. Wenn nicht, bleiben die Gefangenen verschwunden, und auch ihre Leichen wird man nirgends finden.«
»Da ist noch etwas«, sagte Nortandra. »Es steht auf einem separaten Blatt.«
»Kopien von >Die leuchtende Zeit ist gekommen und von der Videocassette mit der Erklärung der weiblichen Gefangenen gehen auch an die anderen Fernsehsender und die Presse.«
»Das ist alles«, stellte Nortandra fest. »Die Papiere sind nicht unterzeichnet, aber die Tatsache, daß sie als Begleitschreiben mit der Cassette kamen, macht sie meiner Meinung nach authentisch.«
Schweigen folgte. Niemand schien als erster etwas sagen zu wollen. Einige sahen Crawford Sloane an, der zusammengesunken und mit verbissenem Gesicht in seinem Sessel saß. Die anderen teilten seine Verzweiflung.
Schließlich war es Les Chippingham, der sprach. »Jetzt wissen wir es wenigstens. Die ganze Zeit haben wir uns schon gefragt, was diese Leute wollen. Zuerst haben wir an Geld gedacht. Jetzt zeigt sich, daß es viel mehr ist.«