»Dann wird CBA die Abendnachrichten also nicht absetzen?«
»Auf gar keinen Fall. Und wir denken überhaupt nicht daran, das Material von diesem Leuchtenden Pfad zu senden... «
Die Stimmen verschwanden.
Mit der Zeitschrift, die er eben durchgeblättert hatte, verdeckte Glen Dawson den Block, auf dem er sich den Wortlaut der Unterhaltung notierte. Sein Puls raste. Er wußte, daß er nun exklusive Informationen besaß, nach denen zahllose andere Journalisten seit Samstagnacht vergeblich suchten.
»Mr. Dawson«, rief ihm eine Empfangsdame zu. »Mr. Licata hat jetzt Zeit für Sie.«
Als er an ihrem Schreibtisch vorbeikam, blieb er stehen und lächelte sie an. »Dieser Herr bei Mr. Elliott - ich bin sicher, daß ich ihn schon einmal gesehen habe, aber im Augenblick fällt mir der Name nicht ein.«
Die Empfangsdame zögerte; Dawson spürte ihre Skepsis und lächelte sie noch einmal an. Es half. »Das war Staatssekretär Alden Rhodes vom Wirtschaftsministerium.«
»Natürlich! Wie konnte ich das nur vergessen?«
Dawson hatte den Staatssekretär schon einmal im Fernsehen bei einem Auftritt vor einem Parlamentsausschuß gesehen. Aber im Augenblick war nur wichtig, daß er den Namen kannte.
Das Interview mit dem Chefbuchhalter schien ewig zu dauern, obwohl Dawson versuchte, es so schnell wie möglich zu beenden. Das Thema Palladium hatte ihn sowieso nicht sonderlich interessiert; er war ein ehrgeiziger junger Mann, der über Themen von großem allgemeinen Interesse schreiben wollte, und das, worüber er eben gestolpert war, kam ihm als Fahrkarte in eine aufregendere Zukunft gerade recht. Der Chefbuchhalter jedoch ließ sich Zeit bei seiner Beschreibung von Geschichte und Zukunft des Palladiums. Die Arbeitskämpfe in Brasilien tat er als vorübergehende Erscheinung ab, die kaum Einfluß auf die Produktion hatten, und das war eigentlich alles, was Dawson hatte wissen wollen. Schließlich redete er sich auf den angeblich bevorstehenden Redaktionsschluß heraus und verließ das Büro.
Er sah auf die Uhr und stellte fest, daß er noch Zeit hatte, um in die Manhattaner Redaktion des Baltimore Star zu fahren und beide Artikel für die Nachmittagsausgabe fertigzustellen. Während er im Geist bereits Worte und Sätze aneinanderreihte, raste er über den Saw Mill River Parkway nach Süden und bog dann auf den Interstate 87 ein.
Glen Dawson saß an einem Computer in den bescheidenen Redaktionsräumen an der Rockefeller Plaza und schrieb zuerst die Palladium-Story. Das war schließlich sein ursprünglicher Auftrag gewesen, den er nun auch gewissenhaft erledigte.
Doch dann machte er sich an die aufregendere Geschichte. Sein erster Bericht war an die Wirtschaftsredaktion gegangen, und da er zu dieser Abteilung gehörte, würde auch der zweite zunächst dort eingehen. Er war aber sicher, daß er nicht allzulange bei diesem Ressort bleiben würde.
Seine Finger huschten über die Tasten, während er den Vorspann schrieb.
Dabei dachte Dawson über eine moralische Frage nach, von der er wußte, daß sie gestellt und auch beantwortet werden mußte: Würde die Veröffentlichung der Information, die er jetzt besaß, die Entführungsopfer in Peru noch mehr in Gefahr bringen, als sie es bereits waren?
Oder genauer: Würde den drei Sloanes die Veröffentlichung der Entscheidung von CBA, nicht auf die Bedingungen einzugehen, schaden, eine Entscheidung, die offensichtlich im Augenblick noch nicht für eine Veröffentlichung bestimmt war?
Hatte aber andererseits die Öffentlichkeit nicht auch das Recht, alles zu erfahren, was ein unternehmungslustiger Reporter wie er herausfinden konnte, gleichgültig, wie er sich die Information beschafft hatte?
Diese Fragen existierten zwar, doch Dawson wußte auch, daß er sie nicht zu beantworten hatte. In solchen Angelegenheiten gab es feste Regeln, die alle Beteiligten kannten. Ein Reporter hatte die Aufgabe, über alles Wichtige zu schreiben, das er erfuhr. Er durfte Nachrichten nicht unterdrücken oder verändern, sondern mußte einen vollständigen und genauen Bericht schreiben und den an die Nachrichtenzentrale weiterleiten, die ihn beschäftigte.
Dort ging der Bericht an einen oder mehrere Redakteure. Und ihre Aufgabe war es, sich über moralische Implikationen Gedanken zu machen.
In Baltimore, wo sein Artikel vermutlich eben aus dem Drucker kam, würde in wenigen Augenblicken genau das passieren, dachte Dawson.
Nach dem letzten Satz drückte er auf einen Knopf, um für sich selbst ein Kopie ausdrucken zu lassen. Doch eine andere Hand kam ihm zuvor und schnappte ihm den Ausdruck weg.
Es war der Redaktionsleiter, Sandy Sefton, der eben zur Tür hereingekommen war. Sefton war ein alter Reporterveteran kurz vor der Pensionierung, und er und Dawson waren gute Freunde.
Während er den Ausdruck las, pfiff er leise und sah dann hoch.
»Das ist wirklich eine heiße Sache. Diese Aussage von Elliott, hast du die mitgeschrieben, während er sie machte?«
»Wenige Sekunden später.« Dawson zeigte dem Älteren seine Notizen.
»Sehr gut! Hast du mit dem anderen, diesem Alden Rhodes, auch gesprochen?«
Dawson schüttelte den Kopf.
»Wahrscheinlich wird sich Baltimore gleich bei dir melden.« Ein Telefon klingelte. »Wollen wir wetten, daß das schon Baltimore ist?«
Sefton hatte recht gehabt. Er nahm den Anruf entgegen, hörte kurz zu und sagte dann: »Mein Junge steht heute abend bei euch auf der Titelseite, was?« Er grinste, als er Dawson den Hörer gab. »Es ist Frazer.«
J. Allardyce Frazer war der Chefredakteur. Er kam sofort zur Sache, und seine Stimme klang sehr bestimmt. »Sie haben nicht direkt mit Theodore Elliott gesprochen. Habe ich recht?«
»Ja, Sie haben recht, Mr. Frazer.«
»Dann tun Sie's. Sagen Sie ihm, was Sie wissen, und fragen Sie ihn, ob er dazu eine Stellungnahme abgeben möchte. Wenn er die Aussage leugnet, nehmen Sie das Dementi in Ihren Bericht auf und versuchen Sie gleichzeitig, von Alden Rhodes eine Bestätigung zu bekommen. Wissen Sie, wie Sie das anstellen müssen?«
»Ich glaube schon.«
»Ich will noch mal mit Sandy sprechen.«
Der Redaktionsleiter übernahm den Hörer. Er zwinkerte Dawson zu, während er zuhörte, und sagte dann: »Ich habe Glens Notizen gesehen. Er hat sich sofort aufgeschrieben, was Elliott gesagt hat. Das ist eindeutig. Ein Mißverständnis ist ausgeschlossen.«
Sefton legte auf und sagte zu Dawson: »Du hast noch keine Freigabe; die diskutieren gerade über den moralischen Aspekt. Du kümmerst dich um Elliott. Und ich werde versuchen, Rhodes aufzuspüren; der kann noch nicht wieder in Washington sein.« Sefton ging zu einem zweiten Apparat.
Dawson wählte die Nummer von Globanic. Die Telefonzentrale vermittelte ihn weiter, und schließlich meldete sich eine Frauenstimme. Der Reporter stellte sich vor und fragte nach »Mr. Theodore Elliott«.
»Mr. Elliott ist im Augenblick nicht zu sprechen«, sagte die Stimme. »Ich bin Mrs. Kessler. Kann ich etwas für Sie tun?«
»Vielleicht.« Dawson erklärte ihr ausführlich den Grund seines Anrufs.
Die Stimme klang plötzlich kalt. »Warten Sie bitte.«
Einige Minuten vergingen. Dawson wollte schon einhängen und wieder anrufen, als die Frau sich endlich meldete. Diesmal klang sie noch mehr als unterkühlt. »Mr. Elliott läßt Ihnen sagen, daß das, was Sie zu hören geglaubt haben, vertraulich ist und nicht verwendet werden darf.«
»Ich bin Reporter«, sagte Dawson. »Wenn ich etwas höre oder erfahre, das mir nicht ausdrücklich als vertraulich mitgeteilt wurde, habe ich das Recht, es zu benutzen.«
»Mr. Dawson, ich sehe keinen Sinn darin, diese Unterhaltung fortzusetzen.«
»Einen Augenblick noch, bitte. Leugnet Mr. Elliott, die Worte gesagt zu haben, die ich Ihnen vorgelesen habe?«
»Mr. Elliott hat dazu nichts weiter zu sagen.«