Выбрать главу

Dawson schrieb sich Frage und Antwort auf, wie er es auch schon zuvor getan hatte.

»Mrs. Kessler, hätten Sie etwas dagegen, mir Ihren Vornamen zu nennen?«

»Warum sollte ich... also gut, Diana.«

Dawson lächelte, denn er vermutete, daß Diana Kessler sich überlegte hatte, wenn ihr Name schon in der Zeitung stehen sollte, dann wenigstens vollständig. Er wollte sich noch bedanken, merkte aber, daß die Verbindung bereits unterbrochen war.

Während er auflegte, gab ihm der Redaktionsleiter einen Zettel. »Rhodes ist in einem Wagen des State Department auf dem Weg nach La Guardia Airport. Das ist die Nummer des Autotelefons.«

Dawson wählte die Nummer.

Eine Männerstimme meldete sich. Als Dawson nach »Mr. Alden Rhodes« fragte, kam die Antwort: »Am Apparat.«

»Mr. Rhodes, meine Zeitung möchte gern wissen, ob Sie etwas sagen können zu Mr. Theodore Elliotts Bemerkung, daß CBA nicht auf die Forderungen des Sendero Luminoso eingehen wird und daß, in Mr. Elliotts Worten, >Wir... nicht die Absicht [haben], uns von einem Haufen verrückter Kommunisten an die Wand drängen zu lassen.««

»Hat Theo Elliott Ihnen das wirklich gesagt?«

»Ich habe es ihn persönlich sagen hören, Mr. Rhodes.«

»Ich dachte, er wollte das geheimhalten.« Eine Pause. »Warten Sie mal! Haben Sie nicht in der Halle gesessen, als wir zum Aufzug gingen?«

»Ja.«

»Dawson, Sie haben mich ausgetrickst. Ich verbiete Ihnen, dieses Gespräch zu veröffentlichen.«

»Mr. Rhodes, ich habe mich zu Beginn vorgestellt, aber von einem Veröffentlichungsverbot haben Sie nichts gesagt.«

»Zum Teufel mit Ihnen, Dawson.«

»Das letzte werde ich nicht veröffentlichen, Sir. Denn jetzt weiß ich ja von dem Verbot.«

Der Redaktionsleiter grinste und streckte den Daumen in die Höhe.

Die Moraldiskussion in Baltimore dauerte nicht sehr lange.

Wenngleich Nachrichtenorganisationen eher zur Veröffentlichung neigen, müssen bei bestimmten Artikeln - und um einen solchen ging es im Augenblick - gewisse Fragen gestellt und beantwortet werden. Der Chefredakteur und der Inlandsredakteur, in dessen Ressort der Artikel fiel, stellten sie sich gegenseitig.

Frage: Würde die Veröffentlichung der Entscheidung von CBA die Geiseln in Gefahr bringen? Antwort: Die Geiseln schwebten bereits in Gefahr, und es war kaum anzunehmen, daß die Veröffentlichung einen großen Unterschied machte. Frage: Wie hoch war das Risiko, daß wegen der Veröffentlichung jemand getötet wurde? Antwort: Sehr gering, da eine tote Geisel wertlos wäre. Frage: Da CBA die Entscheidung in ein oder zwei Tagen sowieso bekanntgeben mußte, welchen Unterschied machte es, wenn sie etwas früher veröffentlicht wurde? Antwort: Kaum einen. Frage: Da die Entscheidung durch Theo Elliotts Leichtfertigkeit bereits nach außen gedrungen war und andere mit Sicherheit davon wußten, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, daß die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr? Antwort: Sehr gering.

Am Ende formulierte der Chefredakteur das Ergebnis, zu dem sie beide gekommen waren: »Es gibt kein moralisches Problem. Der Artikel wird gedruckt!«

Die Geschichte wurde zum Aufmacher der Nachmittagsausgabe des Baltimore Star. Eine Balkenüberschrift verkündete reißerisch:

CBA SAGT NEIN ZU SLOANE-ENTFÜHRERN

Der Artikel, der unter Glen Dawsons Namen erschien, begann wie folgt:

CBA wird die Forderung der Sloane-Entführer, die National Evening News eine Woche lange abzusetzen und dafür Propagandamaterial der peruanischen Maoistengruppe Sendero Luminoso zu senden, entschieden zurückweisen.

Sendero Luminoso, der Leuchtende Pfad, hat zugegeben, die Entführungsopfer an einem geheimen Ort in Peru gefangenzuhalten.

Theodore Elliott, der Vorsitzende und Hauptgeschäftsführer von Globanic Industries, des Mutterkonzerns von CBA, erklärte heute: »Wir haben nicht die Absicht, uns von einem Haufen verrückter Kommunisten an die Wand drängen zu lassen.«

Während eines Gesprächs in der Zentrale von Globanic in Pleasantville fügte er hinzu: »Wir denken überhaupt nicht daran, das Material von diesem Leuchtenden Pfad auszustrahlen.«

Ein Reporter des Star war anwesend, als Elliott dies sagte.

Staatssekretär Alden Rhodes vom

Wirtschaftsministerium, der zu diesem Zeitpunkt Mr. Elliotts Gesprächspartner war, wollte auf Anfrage des Star keinen Kommentar abgeben, bemerkte jedoch: »Ich dachte, er wollte das geheimhalten.«

Leider gelang es nicht, von Mr. Elliott selbst zusätzliche Informationen zu erhalten.

»Mr. Elliott ist im Augenblick nicht zu sprechen«, erfuhr unser Reporter von Mrs. Diana Kessler, der Sekretärin des Vorsitzenden von Globanic. Als Antwort auf weitere

Fragen sagte Mrs. Kessler nur: »Mr. Elliott hat dazu weiter nichts zu sagen.«

Es kam noch mehr - vorwiegend Hintergrundinformationen über die Geschichte der Entführung.

Noch vor Auslieferung des Baltimore Star hatten auch die Pressagenturen die Geschichte, die alle den Star als Quelle angaben. Am Abend wurde der Star in allen Nachrichtensendungen zitiert, darunter auch von CBA, wo die vorzeitige Enthüllung bei einigen Leuten helle Verzweiflung auslöste.

Am nächsten Morgen berichteten auch die peruanischen Medien, die der Entführungsgeschichte höchste Aufmerksamkeit schenkten, über die Enthüllung, wobei sie besonders Theo Elliotts Beschreibung des Sendero Luminoso als »Haufen verrückter Kommunisten« - »grupo de Comunistas locos« - herausstellten.

6

»Ich mag Vincente«, sagte Nicky. »Er ist unser Freund.«

»Das glaube ich auch«, rief Angus aus seiner Zelle. Er lag auf der dünnen, fleckigen Matratze seiner Pritsche und vertrieb sich die Zeit mit der Beobachtung von zwei großen Käfern an der Wand.

»Das schlagt euch schleunigst aus dem Kopf«, zischte Jessica. »Hier irgend jemand zu mögen, ist dumm und naiv.«

Sie hielt inne und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. So harte Worte waren wirklich unnötig.

»Tut mir leid. Das ist mir einfach so rausgerutscht.«

Das Problem war, daß sie nach fünfzehn Tagen Gefangenschaft in diesen winzigen Käfigen alle gereizt und mutlos waren. Jessica hatte zwar alles getan, um die Stimmung, wenn schon nicht hoch, dann wenigstens so zu halten, daß sie nicht in Verzweiflung umschlug. Sie hatte auch sehr darauf geachtet, daß keiner die tägliche Gymnastik vernachlässigte. Aber trotz ihres Bemühens zeigten die fehlende Bewegungsfreiheit, die Monotonie und die Einsamkeit Wirkung.

Dazu kam noch, daß das fettige, fast ungenießbare Essen ihre körperliche Konstitution weiterhin erheblich schwächte.

Und obwohl sie versuchten, sich regelmäßig zu waschen, waren sie meistens schmutzig, sie rochen schlecht und schwitzten, und die dreckigen Kleider klebten an ihren Körpern.

Es war ja schön und gut, dachte Jessica nun, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, daß ihr Antiterrorismus-Lehrer, Brigadier Wade, in seinem Erdloch in Korea schlimmer und länger gelitten hatte. Aber Cedric Wade war ein außergewöhnlicher Mann, der damals in Kriegszeiten seinem Land diente. Doch hier war kein Krieg, an dem sie ihren Mut hätten aufrichten können. Sie waren nur Zivilisten, zufällige Opfer eines unbedeutenden Geplänkels, Gefangene... zu welchem Zweck? Jessica wußte es nicht.

Dennoch erinnerte sie der Gedanke an Brigadier Wade und Nickys und Angus' Bemerkungen über Vincente an etwas, das sie von Wade gelernt hatte. Und jetzt schien ihr der Augenblick günstig, um es zur Sprache zu bringen.

Sie sah sich ängstlich nach dem diensthabenden Wachposten um und fragte leise: »Angus und Nicky, habt ihr schon einmal vom Stockholm-Syndrom gehört?«