»Du meinst also damit, Jessie«, sagte Angus, »daß wir uns nicht von Vincentes scheinbarer Freundlichkeit einwickeln lassen dürfen. Er ist trotz allem ein Feind.«
»Wenn er es nicht wäre«, entgegnete Jessica, »dann könnten wir einfach von hier verschwinden, wenn er uns bewacht.«
»Und wir wissen genau, daß wir das nicht können.« Angus richtete seine Stimme auf die mittlere Zelle. »Hast du das gehört, Nicky? Deine Mom hat recht, und wir beide hatten unrecht.«
Der Junge nickte nur betrübt und sagte nichts. Es war einer der vielen traurigen Aspekte dieser Gefangenschaft, dachte Jessica, daß Nicky früher, als es unter normalen Umständen passiert wäre, mit den harten Realitäten und Gemeinheiten der menschlichen Natur konfrontiert wurde.
Wie immer in Peru war es das Radio, das die Nachrichten über die neuen Entwicklungen in der Sloane-Entführung auch in die entferntesten Winkel des Landes brachte.
Über die Verwicklung von Peru und des Sendero Luminoso in die Entführungsaffäre wurde zum ersten Mal am Samstag berichtet, also am Tag nach der CBA-Sondersendung zu diesem Thema. Schenkte man dieser Geschichte in Peru anfangs nur wenig Beachtung, so wurde sie jetzt, da man wußte, daß das eigene Land betroffen war, zum Hauptthema der Medien.
So erfuhr man am Dienstag, dem Tag nach der Enthüllung des Baltimore Star, in dem Andenstädtchen Ayacucho und dem Dschungeldorf Nueva Esperanza ebenfalls aus dem Radio von Theodore Elliotts Zurückweisung der Entführerforderungen und von seiner schlechten Meinung über den Sendero Luminoso.
In Ayacucho hörten die Anführer des Sendero Luminoso den Bericht, und in Nueva Esperanza der Terrorist Ulises Rodriguez alias Miguel.
Kurz darauf kam es zu einem Telefongespräch zwischen Miguel und einem dieser Anführer. Keiner der beiden nannte seinen Namen, denn sie wußten, daß die Telefonverbindung nicht gerade modernsten Ansprüchen entsprach und die Leitung über andere Orte führte, wo jeder, darunter auch Armee oder Polizei, mithören konnte. Deshalb benutzten sie nur allgemeine Floskeln und versteckte Andeutungen, was in Peru viele Leute beherrschten. Die beiden verstanden sich jedoch.
Ihr Gespräch beinhaltete im Klartext: Es mußte sofort etwas geschehen, um diesem amerikanischen Sender zu beweisen, daß er es nicht mit Dummköpfen oder Narren zu tun hatte. Man konnte zum Beispiel eine der Geiseln töten und sie in Lima so deponieren, daß sie schnell gefunden wurde.
Miguel stimmte zwar zu, daß das Wirkung zeigen würde, meinte aber, man solle für den Augenblick alle drei Geiseln am Leben halten, da sie wertvolle Druckmittel darstellten. Er plädierte statt dessen für ein anderes Vorgehen, das seiner Meinung nach in New York verheerende psychologische Auswirkungen haben würde. Er dachte dabei an etwas, das er während der Wartezeit in Hackensack erfahren hatte.
Man einigte sich auf diesen Vorschlag, und da dazu eine Transportmöglichkeit nötig war, wurde in Ayacucho sofort ein Fahrzeug nach Nueva Esperanza losgeschickt.
In Nueva Esperanza begann Miguel ebenfalls mit seinen Vorbereitungen. Er rief Socorro zu sich.
Jessica, Nicky und Angus sahen auf, als plötzlich eine kleine Gruppe die Hütte betrat. Sie bestand aus Miguel, Socorro, Gustavo, Ramon und einem der anderen Wachposten. Man sah ihnen deutlich an, daß sie etwas vorhatten, und Jessica und die anderen warteten ängstlich auf das, was nun passieren würde.
Einer Sache war sich Jessica ganz sicher: Sie würde alles tun, was man von ihr verlangte. Sechs Tage waren seit der Videoaufnahme vergangen, bei der Nicky wegen ihrer Sturheit hatte leiden müssen. Socorro hatte seitdem die Brandwunden täglich untersucht, und sie waren inzwischen soweit verheilt, daß Nicky keine Schmerzen mehr hatte. Jessica, die noch immer ein schlechtes Gewissen hatte, war entschlossen, ihn nicht noch mehr leiden zu lassen.
Als nun die Terroristen, ohne auf sie oder Angus zu achten, Nickys Zelle öffneten und hineingingen, schrie Jessica voller Angst: »Was haben Sie vor? Bitte tun Sie ihm nicht mehr weh. Er hat genug gelitten. Nehmen Sie mich an seiner Stelle!«
Socorro war es, die sich umdrehte und Jessica durch das Maschengitter anschrie: »Ruhe! Sie können nicht verhindern, was jetzt passiert.«
»Was passiert denn?« schluchzte Jessica verzweifelt. Sie sah, daß Miguel einen kleinen Holztisch in Nickys Zelle gestellt hatte. Gustavo und der vierte Mann hatten Nicky gepackt und hielten ihn so fest, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. »Das ist nicht fair!« schrie Jessica. »Lassen Sie ihn doch um Himmels willen in Frieden!«
Ohne auf Jessica zu achten, sagte Socorro zu Nicky: »Man wird dir zwei Finger abschneiden.«
Bei dem Wort »Finger« packte Nicky das blanke Entsetzen, er schrie und wehrte sich, aber es half nichts.
Socorro fuhr fort: »Diese Männer werden es tun, und es gibt nichts, was du dagegen machen kannst. Und wenn du dich wehrst, tut es um so mehr weh. Also halt dich ruhig!«
Doch Nicky hörte nicht auf sie; er stammelte nur unzusammenhängende Worte, verdrehte die Augen und warf den Kopf hin und her, während er versuchte, sich zu befreien oder wenigstens die Hände zurückzuziehen. Aber er konnte gegen die Männer nichts ausrichten.
Jessica drang ein markerschütternder Schrei aus der Kehle: »Nein! Nicht seine Finger! Verstehen Sie denn nicht? Er spielt Klavier. Das ist sein Leben...«
»Ich weiß.« Nun hatte sich auch Miguel zu ihr umgedreht, ein dünnes Lächeln zuckte um seine Lippen. »Ich habe gehört, wie dein Mann das im Fernsehen gesagt hat. Wenn er die Finger bekommt, wird er sich wünschen, daß er es nicht getan hätte.«
Auf der anderen Seite von Nickys Zelle trommelte Angus gegen das Maschengitter und schrie ebenfalls. Er hielt die Hände in die Höhe. »Nehmt meine! Es macht doch keinen Unterschied. Warum dem Jungen sein Leben zerstören?«
Aus Miguels Augen blitzte die Wut. Er schrie Angus an: »Was sind denn schon zwei Finger eines bourgeoisen Bengels, wenn in Peru jedes Jahr sechzigtausend Kinder unter fünf Jahren sterben?«
»Wir sind Amerikaner!« schleuderte Angus ihm entgegen. »Daran sind doch wir nicht schuld!«
»Aber natürlich. Oder ist das verkommene und zerstörerische kapitalistische System, das die Menschen ausbeutet, etwa nicht euer System?«
Miguels Statistiken über die Kindersterblichkeit stammten von Abimael Guzman, dem Gründer des Sendero Luminoso. Miguel wußte zwar, daß Guzmans Zahlen wahrscheinlich übertrieben waren, aber dennoch starben in Peru so viele Kinder an Unterernährung wie in kaum einem anderen Land.
Während die beiden sich noch stritten, passierte alles sehr schnell.
Gustavo packte Nicky und zerrte ihm zum Tisch. Ramon zog sein Messer aus der Scheide, prüfte grinsend die Schärfe und beugte sich dann blitzschnell über den Jungen. Jessica hörte nur ein zweimaliges dumpfes Knirschen und dann Nickys entsetzliche Schmerzensschreie. Blut spritzte, und als Ramon sich wieder aufrichtete, lagen der Zeigefinger und der kleine Finger von Nickys rechter Hand auf dem Tisch. Socorro steckte sie in eine Plastiktüte und gab sie Miguel. Sie war blaß und sah mit verkniffenen Lippen zu Jessica hinüber, die ihr Gesicht mit den Händen bedeckt hatte und hemmungslos weinte.
Nicky war kaum noch bei Bewußtsein. Er lag aschfahl auf seiner Pritsche, aus seinen Schmerzensschreien war ein schwaches Wimmern geworden. Während Miguel, Ramon und der vierte Mann den blutigen Tisch aus der Zelle trugen, sagte Socorro zu Gustavo, dem sie mit einer Geste zu verstehen gegeben hatte, er solle warten: »Agarra el chico. Sientalo.«