Gustavo gehorchte und setzte Nicky auf, während Socorro nach draußen ging und mit einer Schüssel warmen Seifenwassers zurückkehrte, die sie zuvor bereitgestellt hatte. Sie nahm Nickys rechte Hand, hielt sie aufrecht und wusch sorgfältig die blutigen Fingerstümpfe aus. Dann legte sie Kompressen auf die Wunden und bandagierte die Hand.
Nicky zitterte am ganzen Körper, er ließ willenlos alles mit sich geschehen. Jessica lief zur Tür ihrer Zelle und wandte sich flehend an Miguel, der noch immer in der Hütte stand. »Bitte, lassen Sie mich zu meinem Sohn. Bitte, bitte, bitte!«
Miguel schüttelte den Kopf und erwiderte verächtlich: »Keine Mutter für einen Feigling! Soll der mocoso doch versuchen, ein Mann zu werden!«
»Er ist jetzt schon mehr Mann, als du es je sein wirst!« schrie Angus voller Haß und Wut. Auch er stand an seiner Tür und sah Miguel an. Er suchte nach dem spanischen Schimpfwort, das Nicky ihm beigebracht hatte. »Du... Maldito hijo deputa!«
Angus wußte genau, was das hieß: »Du verfluchter Hurensohn!« Nicky hatte Angus erzählt, was er von seinen kubanischen Freunden in der Schule erfahren hatte: In spanischsprachigen Ländern war es für einen Mann die schlimmste Beleidigung, wenn man seine Mutter eine Hure nannte.
Langsam und bedächtig drehte Miguel den Kopf. Sein Gesicht war zur Maske erstarrt. Mit einem eiskalten und unversöhnlichen Blick sah er Angus direkt in die Augen. Dann wandte er sich schweigend ab.
Gustavo hatte die Beleidigung und Miguels Reaktion mitbekommen. Er schüttelte den Kopf und sagte in gebrochenem Englisch zu Angus. »Alter Mann, du machen schlimmen Fehler. Er nicht vergessen.«
In den folgenden Stunden wuchs Jessicas Besorgnis um Nickys seelische Verfassung. Sie hatte versucht, mit ihm zu reden und ihn wenigstens mit Worten zu trösten, aber ohne Erfolg; er reagierte überhaupt nicht darauf. Manchmal lag Nicky bewegungslos auf dem Bett, nur hin und wieder war ein Stöhnen zu hören. Dann plötzlich liefen Zuckungen durch seinen Körper, er schrie auf und zitterte heftig. Jessica war ziemlich sicher, daß die durchtrennten Nerven für die ruckartigen Bewegungen und die plötzlichen Schmerzen verantwortlich waren. Soweit sie sehen konnte, hatte er die Augen geöffnet, aber sein Gesicht war ausdruckslos und leer.
Jessica bettelte um eine Reaktion. »Nur ein Wort, Nicky-Darling! Nur ein Wort! Bitte sag was - irgendwas!« Aber er antwortete nicht. Jessica glaubte beinahe, den Verstand zu verlieren. Diese Unfähigkeit, die Hände nach ihrem Sohn auszustrecken und ihn zu berühren, ihn durch körperliche Nähe zu trösten, war grausam; man verweigerte ihr, wonach sie sich so sehr sehnte.
Eine Zeitlang versuchte Jessica, um nicht hysterisch zu werden, alle Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sie lag nur still da und weinte leise in sich hinein.
Doch dann tadelte sie sich wegen ihrer Schwäche - Reiß dich zusammen! Du darfst nicht nachgeben!... und versuchte erneut, mit Nicky zu reden.
Angus half ihr dabei, aber sie konnten auch zusammen nichts ausrichten.
Irgendwann wurde ihnen Essen in die Zellen gebracht. Daß Nicky nicht darauf reagierte, wunderte Jessica nicht. Sie selbst versuchte zu essen, weil sie wußte, daß sie bei Kräften bleiben mußte, aber sie hatte keinen Appetit und schob den Teller weg. Sie hatte keine Ahnung, wie es Angus ging.
Bei Einbruch der Dunkelheit wechselten die Wachen.
Vincente hatte jetzt Dienst. Als dann die Geräusche von draußen schwächer wurden und schließlich nur noch die Insekten zu hören waren, kam Socorro. Sie hatte die Wasserschüssel, die sie zuvor schon benutzt hatte, frische Kompressen und Binden sowie eine Kerosinlampe dabei und ging damit in Nickys Zelle. Behutsam richtete sie Nicky auf und begann, den Verband zu wechseln.
Nicky schien es etwas besser zu gehen, die Schmerzen hatten offensichtlich nachgelassen, und sein Körper zuckte nicht mehr so häufig.
Nach einer Weile flüsterte Jessica: »Socorro, bitte...«
Socorro drehte sich sofort um und legte den Zeigefinger an den Mund. Verwirrt und verängstigt, wie Jessica war, gehorchte sie und schwieg.
Sobald Socorro den neuen Verband angelegt hatte, verließ sie Nickys Zelle, verschloß sie aber nicht. Statt dessen kam sie zu Jessicas Zelle und öffnete das Vorhängeschloß. Wieder legte sie den Finger an den Mund. Dann winkte sie Jessica heraus und deutete auf Nickys offene Zellentür.
Jessicas Herz machte einen Satz.
»Aber vor Tagesanbruch müssen Sie zurück sein«, flüsterte Socorro. Sie deutete mit dem Kopf auf Vincente. »Er wird Ihnen sagen, wann.«
Jessica wollte schon auf Nicky zugehen, blieb aber dann plötzlich stehen und drehte sich um. Aus einem unerklärlichen Gefühl heraus ging sie zu Socorro und küßte sie auf die Wange.
Sekunden später hielt sie Nicky bereits im Arm, vorsichtig und behutsam, um seine bandagierte Hand nicht zu berühren.
»O Mom!« flüsterte er.
Sie drückten sich aneinander, so gut es eben ging. Augenblicke später war Nicky eingeschlafen.
7
Bei CBA hatte man beschlossen, die Überprüfung der Immobilienanzeigen in den Lokalzeitungen einzustellen.
Als man die Aktion vor knapp zwei Wochen begonnen hatte, schien es noch wichtig, den Unterschlupf der Entführer in den Vereinigten Staaten aufzuspüren. Damals hoffte man, zumindest Spuren zu finden, die darauf hindeuteten, wohin die Entführer mit ihren Geiseln verschwunden waren.
Inzwischen aber wußte man, daß die Sloanes vom Sendero Luminoso an einem noch nicht bekannten Ort in Peru gefangengehalten wurden.
So war die Suche nach der Operationsbasis lediglich aus journalistischer Sicht nach wie vor interessant und nicht, weil man hoffte, noch wesentliche Erkenntnisse zu gewinnen.
Trotzdem konnte man die Aktion nicht als Fehlschlag bezeichnen. Schließlich hatte Jonathan Mony dabei die spanische Wochenzeitung Semana entdeckt, die direkt zu dem Leichenbestatter Alberto Godoy geführt hatte. Von Godoy hatte man von dem Verkauf der Särge erfahren, er hatte außerdem den Terroristen Ulises Rodriguez eindeutig identifiziert. Godoys Geldscheine lieferten dann auch den Hinweis auf die American-Amazonas Bank und die Morde an Jose Antonio Salaverry und Helga Efferen sowie deren Verbindungen nach Peru.
So war man allgemein der Ansicht, daß allein diese Erfolge die Aktion rechtfertigten.
Aber würde eine Fortsetzung der Suche noch neue Ergebnisse liefern?
Don Kettering, der jetzt die Spezialeinheit leitete, glaubte es nicht. Der Chefproduzent der Truppe, Norman Jaeger, ebenfalls nicht. Und sogar Teddy Cooper, der die Aktion initiiert und überwacht hatte, bekam Schwierigkeiten, Gründe für eine Fortsetzung zu finden.
Bei der Sitzung der Spezialeinheit am Dienstagmorgen kam das Thema zur Sprache.
Vier Tage waren seit dem ausführlichen Bericht über die Ermittlungserfolge und der Sondersendung mit den Forderungen der Entführer und Jessicas Erklärung vergangen.
In der Zwischenzeit war es zu der Enthüllung von Theodore Elliotts Indiskretion gekommen, die zur Folge hatte, daß die Welt bereits von jener Entscheidung wußte, die CBA frühestens am folgenden Donnerstag hatte veröffentlichen wollen. Es war bemerkenswert, daß niemand bei CBA den Baltimore Star kritisierte. Schließlich wußten alle, daß Reporter und Redakteure des Star nur getan hatten, was jedes Nachrichtenunternehmen, und sicherlich auch CBA, unter diesen Umständen getan hätte.
Theodore Elliott hatte das Vorgefallene weder erklärt noch sich dafür entschuldigt.
In Peru waren Rita Abrams und der Cutter Bob Watson am Samstag zu Harry Partridge, Minh Van Canh und Ken O'Hara gestoßen. Am Montag übermittelten sie via Satellit ihren ersten Bericht aus Lima, der zum Aufmacher der National Evening News von diesem Abend wurde.