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Über das Land im allgemeinen hieß es: »Peru hat inzwischen das traurige Privileg, zu den brutalsten und gefährlichsten Ländern Südamerikas zu gehören.«

Auch andere Quellen kamen zu dem unvermeidlichen Schluß, daß es, was wahlloses Morden und andere Grausamkeiten betraf, kaum einen Unterschied gab zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen.

Doch gleichzeitig existierten in Peru starke demokratische Elemente, die mehr waren als nur Fassade, wie manche Kritiker behaupteten. Dazu gehörte auch die Freiheit der Presse, die in Peru eine lange Tradition hatte. Ebendiese Freiheit gestattete es Partridge und anderen ausländischen Reportern zu reisen, Fragen zu stellen, nachzuforschen und zu berichten, worüber sie wollten, ohne ihre Ausweisung oder Repressalien befürchten zu müssen. Natürlich hatte es auch Ausnahmen gegeben, aber bis jetzt nur sehr selten und in einzelnen Fällen. Partridge hatte dieses Thema vor wenigen Stunden bei einem Interview mit General Raul Ortiz, dem Chef der Antiterror-Polizei angeschnitten.

»Beunruhigt es Sie denn nicht«, hatte er den in Zivil gekleideten, steifen und ernst dreinblickenden Mann gefragt, »daß verläßliche Berichte vielen Ihrer Männer Grausamkeiten und illegale Exekutionen vorwerfen?«

»Es würde mich mehr beunruhigen«, erwiderte Ortiz mit beinahe verächtlichem Ton, »wenn meine Männer die Opfer von Exekutionen würden, was sicherlich der Fall wäre, wenn sie sich nicht verteidigen würden gegen diese Terroristen, die Ihnen und anderen so sehr am Herzen zu liegen scheinen. Und was diese unwahren Berichte betrifft, wenn unsere Regierung versuchen würde, sie zu unterdrücken, würden Leute wie Sie doch keine Ruhe geben und sie ständig in der Öffentlichkeit wiederholen. Deshalb ziehen wir eine einmalige Veröffentlichung dieser Lappalien, die vierundzwanzig Stunden später wieder vergessen sind, normalerweise vor.«

Partridge hatte um das Interview gebeten, da er glaubte, auch diesen Aspekt berücksichtigen zu müssen, obwohl er kaum Hoffnung hatte, daß dabei viel herauskommen würde. Das Innenministerium hatte dieses Treffen zwar ohne Zögern arrangiert, doch die Bitte, ein Kamerateam mitbringen zu dürfen, wurde abgelehnt. Und als er bei der Leibesvisitation im Vorzimmer des Generals um Erlaubnis bat, den mitgebrachten Minicassettenrecorder benutzen zu dürfen, nahm man ihm das Gerät ab. Niemand sagte ihm jedoch, daß er das Gespräch vertraulich behandeln müsse, und der General hatte keine Einwände, als sein Besucher sich Notizen machte.

General Ortiz' unscheinbares, holzgetäfeltes Büro war eins aus einer ganzen Flucht ähnlicher Büros in einem alten Betonklotz im Zentrum von Lima. Hohe Mauern umgaben das Gebäude, dessen eine Hälfte früher ein Gefängnis gewesen war. Am Eingang hatte er Kontrollen durch eine ganze Reihe argwöhnischer Wachen über sich ergehen lassen müssen, und der Weg über den Hof führte ihn an gepanzerten Mannschaftswagen und Wasserwerfern vorbei. Während des Gesprächs mit dem General war Partridge sich bewußt, daß es im Keller des Gebäudes Zellenblocks gab, in denen Gefangene oft zwei Wochen lang ohne jeden Kontakt zur Außenwelt festgehalten wurden und in denen gefoltert und mit brutalen Methoden verhört wurde.

Zu Beginn des Gesprächs mit Ortiz stellte Partridge die Frage, die ihn am meisten beschäftigte: Ob die Antiterror-Polizei wisse, wo die drei Geiseln gefangengehalten würden.

»Und ich hatte gedacht, Sie würden mir das sagen, nach all den Kontakten, die Sie seit Ihrer Ankunft schon geknüpft haben«, erwiderte der General. Es war das Eingeständnis, daß Partridge beobachtet wurde, und gleichzeitig eine unüberhörbare Warnung. Partridge nahm deshalb auch an, daß seine Satellitenübertragungen nach New York wie die anderer amerikanischer Sender trotz aller Pressefreiheit von der peruanischen Regierung überwacht und aufgezeichnet wurden.

Als Partridge entgegnete, daß er trotz seiner Bemühungen noch nichts über den Aufenthaltsort der amerikanischen Geiseln wisse, bemerkte Ortiz: »Dann wissen Sie jetzt, wie raffiniert und verschlagen der Sendero Luminoso, unser Staatsfeind Nummer eins, sein kann. Und auch, daß dieses Land hier sehr verschieden ist von dem Ihren, daß es hier weite Landstriche gibt, in denen man ganze Armeen verstecken kann. Doch zu Ihrer Frage: Ja, wir haben eine Vorstellung, wo Ihre Freunde sein könnten, und unsere Streitkräfte suchen diese Gegenden ab.«

»Werden Sie mir sagen, welche Gegenden?« fragte Partridge.

»Ich glaube nicht, daß das besonders klug wäre. Und es ist sowieso unmöglich, daß Sie selber dort hinfahren. Oder haben Sie etwas in dieser Richtung vor?«

Partridge verneinte, obgleich das nicht der Wahrheit entsprach.

Der Rest des Interviews verlief ähnlich, keiner traute dem anderen, man spielte Katz und Maus und versuchte, sich gegenseitig Informationen zu entlocken, ohne selbst etwas preiszugeben. Erfolg hatte am Ende keiner, doch Partridge benutzte in einer Zusammenfassung für die National Evening News zwei Zitate von General Ortiz - das eine über die »weiten Landstriche, in denen man ganze Armeen verstecken kann« und die zynische Bemerkung, daß angebliche Menschenrechtsverletzungen »Lappalien, die vierundzwanzig Stunden später wieder vergessen sind«, seien.

Da es keine Aufnahmen gab, brachte New York beide Aussagen in Textzeilen unter einem Foto des Generals.

Doch Partridge betrachtete dieses Interview nicht als ergiebig.

Befriedigender verlief etwas später das Interview mit Cesar Acevedo, auch der ein alter Freund von Partridge und ein einflußreicher Laie in der katholischen Kirche. Sie trafen sich in einem privaten Büro im hinteren Teil des Erzbischöflichen Palais' an der Plaza de Armas, dem offiziellen Stadtzentrum.

Acevedo, ein kleiner, eindringlich und sehr schnell sprechender Mann Mitte Fünfzig, besaß einen tiefen Glauben und ein profundes religiöses Wissen. Er war hauptberuflich in der Kirchenverwaltung tätig und hatte beträchtlichen Einfluß, doch den letzten Schritt, nämlich die Priesterweihe, hatte er nie gewagt. Wenn er es getan hätte, so seine Freunde, wäre er inzwischen zumindest Bischof mit guten Aussichten auf den Kardinalshut.

Cesar Acevedo hatte nie geheiratet, war jedoch in Lima gesellschaftlich sehr angesehen.

Partridge mochte Acevedo, er war bescheiden und vollkommen ehrlich und gab nie vor, etwas zu sein, was er nicht war. Auf Partridges Frage, warum er sich nie zum Priester habe weihen lassen, hatte Acevedo bei einer früheren Gelegenheit geantwortet: »So sehr ich Gott und Jesus Christus liebe, war ich doch nie bereit, mein intellektuelles Recht auf Skeptizismus aufzugeben, falls ich davon, was ich nicht hoffe, einmal Gebrauch machen müßte. Als Priester müßte ich auf dieses Recht verzichten. Schon als junger Mann konnte ich mich nicht dazu überwinden, und heute kann ich es ebensowenig.«

Acevedo war Generalsekretär des Katholischen Sozialen Aktionskomitees, das sich um die medizinische Versorgung entlegener Landesteile, in denen es kaum Ärzte oder Schwestern gab, kümmerte.

»Ich glaube«, sagte Partridge zu Beginn ihres Gesprächs, »daß du dich ab und zu auch mit dem Sendero Luminoso herumschlagen mußt.«

Acevedo lächelte. »>Herumschlagen< ist korrekt. Die Kirche billigt den Sendero natürlich nicht - weder die Ziele noch die Methoden. Aber in der praktischen Arbeit existiert eine Beziehung, wenn auch eine sehr eigenartige.«

Aus bestimmten Gründen, erklärte der Kirchenführer später, vermied es der Sendero Luminoso, sich die Kirche zum Feind zu machen, und griff sie als Institution nur höchst selten an. Doch die Rebellenorganisation traute den einzelnen Kirchenvertretern nicht, und wenn Aktionen gegen die Regierung oder Aufstände geplant wurden, vertrieben die Rebellen Priester und andere Kirchenvertreter aus dem entsprechenden Gebiet, um keine Zeugen zu haben.