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Die Frau, die vor ihnen stand, war um die Sechzig. Früher war sie vielleicht einmal schön gewesen, aber die Zeit und das schwere Leben hatten sie aufgedunsen und grobschlächtig gemacht. Ihre Haut war fleckig, die Haare grau, strähnig und ungekämmt. Die Augen unter den gezupften, nachgezogenen Brauen waren rot und geschwollen vom Weinen, das dicke Make-up war zerlaufen. Fernandez ging an ihr vorbei in die Wohnung, die anderen folgten. Nach einem Augenblick des Zögerns schloß sie die Tür.

Partridge sah sich schnell um. Das Zimmer, das sie betreten hatten, war klein und einfach möbliert mit einigen Holzstühlen, einem Sofa mit fadenscheiniger Polsterung, einem simplen, überhäuften Holztisch und einem aus Ziegelsteinen und Brettern notdürftig zusammengebauten Bücherregal, das erstaunlich voll war und vorwiegend dicke, schwere Bände enthielt.

Fernandez wandte sich an Partridge. »Anscheinend wurde vor wenigen Stunden der Mann, mit dem sie zusammenlebte, getötet - ermordet. Sie war ausgegangen, und als sie zurückkam, fand sie ihn tot; die Polizei hat eben die Leiche fortgeschafft. Sie hat geglaubt, wir sind die Leute, die ihn ermordet haben und kommen jetzt zurück, um auch sie zu erledigen. Ich habe ihr versichert, daß sie von uns nichts zu befürchten hat.« Dann sagte er etwas zu der Frau, und sie sah Partridge an.

»Es tut uns wirklich leid, vom Tod Ihres Freundes zu hören«, versicherte ihr Partridge. »Wissen Sie, wer ihn getötet hat?«

Die Frau schüttelte den Kopf und murmelte etwas. »Sie spricht nur sehr wenig Englisch«, sagte Fernandez und übersetzte für sie. »Lo sentimos mucho la muerte de su amigo. Sabe Ud quien lo mato?«

Die Frau nickte heftig und ließ einen Wortschwall los, der mit »Der Sendero Luminoso« endete.

Es bestätigte, was Partridge befürchtet hatte. Die Person, die sie anzutreffen gehofft hatten - wer immer es war - hatte Verbindungen zum Sendero Luminoso. Aber was nützte ihnen ein Toter. So blieb nur die Frage, ob die Frau etwas von den Entführungsopfern wußte? Es schien eher unwahrscheinlich.

Nun sprach sie wieder in Spanisch, aber langsamer, so daß Partridge verstand. »Ja«, sagte er zu Fernandez, »wir würden uns gern setzen, und sagen Sie ihr, daß ich dankbar wäre, wenn sie uns ein paar Fragen beantworten würde.«

Fernandez wiederholte den Wunsch, die Frau antwortete, und er übersetzte: »Sie sagt ja, soweit sie kann. Ich habe ihr gesagt, wer Sie sind, und sie heißt übrigens Dolores. Sie läßt fragen, ob Sie etwas trinken wollen.«

»No, gracias«, sagte Partridge, worauf Dolores nickte und zum Regal ging, offenbar um sich selbst einen Drink einzugießen. Doch als sie die Gin-Flasche hob, merkte sie, daß sie leer war. Sie schien gleich wieder in Tränen auszubrechen, murmelte aber nur vor sich hin und setzte sich.

Fernandez berichtete: »Sie sagt, sie weiß nicht, wie lange sie noch lebt. Sie hat kein Geld.«

Partridge wandte sich direkt an Dolores: »Le dare dinero si Ud tiene la informacion que estoy buscando.«

Die Erwähnung des Geldes hatte einen weiteren schnellen Wortwechsel zwischen Dolores und Fernandez zur Folge. Danach sagte er: »Sie sagt, Sie sollen Ihre Fragen stellen.«

Partridge beschloß, sich lieber nicht auf sein eigenes beschränktes Spanisch zu verlassen, und ließ Fernandez weiter

übersetzen.

»Ihr Freund, der getötet wurde, was hat er gearbeitet?«

»Er war Arzt. Ein besonderer Arzt.«

»Ein Spezialist?«

»Er hat Leute einschlafen lassen.«

»Ein Anästhesist?«

Dolores schüttelte den Kopf, sie verstand das Wort nicht. Dann ging sie zu einem Schrank, wühlte darin herum und brachte einen kleinen, abgenutzten Koffer zum Vorschein. Sie öffnete ihn, zog eine Mappe mit verschiedenen Papieren heraus und blätterte sie durch. Sie nahm zwei der Dokumente und gab sie Partridge. Er sah, daß es Arztdiplome waren.

Das erste erklärte, daß Hartley Harold Gossage, ein Absolvent der Boston University Medical School, befugt war, als Arzt zu praktizieren. Das zweite ernannte diesen Hartley Harold Gossage zum »Facharzt für Anästhesie«.

Mit einer Handbewegung fragte Partridge, ob er auch die anderen Unterlagen sehen dürfe. Dolores nickte.

Einige Papiere schienen medizinische Routineangelegenheiten zu betreffen und waren ohne Bedeutung. Das dritte, das Partridge in die Hände fiel, war ein Brief auf dem Papier der Ärztekammer von Massachusetts. Er war adressiert an »H. H. Gossage« und begann wie folgt: »Hiermit wird Ihnen auf Lebenszeit die ärztliche Approbation entzogen...«

Partridge legte den Brief weg. Allmählich wurde das Bild klarer. Bei dem Mann, der hier gewohnt hatte und angeblich ermordet worden war, handelte es sich vermutlich um Gossage, einen auf Lebenszeit aus der Ärzteschaft ausgeschlossenen amerikanischen Anästhesisten, der Verbindung zum Sendero Luminoso hatte, eine Verbindung, die nahelegte, so folgerte Partridge, daß die Entführungsopfer, bevor sie aus Amerika verschleppt wurden, betäubt worden waren. Die Entdeckungen in dem Haus in Hackensack, von denen Kettering berichtet hatte, bestätigten das nur. Es war deshalb wahrscheinlich, daß dieser Ex-Arzt Gossage ihnen die Narkose gegeben hatte. Partridge verzog das Gesicht. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er den Mann lebend vor sich gehabt hätte.

Die anderen beobachteten ihn. Mit Fernandez' Hilfe nahm er die Befragung von Dolores wieder auf.

»Sie sagten uns, der Sendero Luminoso habe Ihren Freund ermordet. Warum glauben Sie das?«

»Weil er für diese bastardos gearbeitet hat.« Sie hielt inne, und plötzlich fiel ihr etwas ein. »Der Sendero hatte auch einen Namen für ihn - Baudelio.«

»Woher wissen Sie das?«

»Hat er mir erzählt.«

»Hat er Ihnen auch erzählt, was er für den Sendero gemacht hat?«

»Hin und wieder schon.« Das schwache Lächeln verschwand sofort wieder. »Wenn wir uns gemeinsam betrunken haben.«

»Haben Sie von der Entführung gewußt? Es stand alles in der Zeitung.«

Dolores schüttelte den Kopf. »Ich lese keine Zeitung. Die drucken nur Lügen.«

»War Baudelio in letzter Zeit nicht in Lima?«

Heftiges Nicken. »Er war lange weg. Er hat mir gefehlt.« Und nach einer Pause: »Er hat mich aus Amerika angerufen.«

»Ja, das wissen wir.« Alles paßt zusammen, dachte Partridge. Baudelio mußte an der Entführung beteiligt gewesen sein. Er ließ Fernandez fragen: »Wann ist er zurückgekehrt?«

Dolores überlegte, bevor sie antwortete. »Vor einer Woche. Er war froh, daß er wieder hier war. Und er hatte Angst, daß man ihn umbringen würde.«

»Hat er gesagt, warum?«

Dolores dachte nach. »Ich glaube, er hat etwas gehört. Jemand hat gesagt, daß er zu viel weiß.« Sie begann zu weinen. »Wir waren so lange zusammen. Was soll ich jetzt tun?«

Eine wichtige Frage war noch offen. Partridge hatte sie bewußt zurückgestellt, und auch jetzt bereitete sie ihm Schwierigkeiten. »Nach seiner Rückkehr aus Amerika und bevor er wieder hierherkam, war Baudelio da noch woanders in Peru?«

Dolores nickte.

»Hat er Ihnen gesagt, wo?«

»Ja. In Nueva Esperanza.«

Partridge konnte kaum glauben, was er da so plötzlich und unerwartet erfahren hatte. Seine Hände zitterten, als er in seinem Notizbuch zurückblätterte - zu den Aufzeichnungen des Interviews mit Cesar Acevedo und der Liste der Orte, aus denen der Sendero Luminoso die katholischen Ärzteteams vertrieben hatte. Ein Name sprang ihm sofort ins Auge: Nueva Esperanza.

Er hatte es geschafft! Endlich wußte er, wo Jessica, Nicky und Angus Sloane gefangengehalten wurden.

Partridge mußte sich ins Gedächtnis rufen, daß er vor allem und zuerst Fernsehkorrespondent war, als er mit Rita, Minh und O'Hara die Aufnahmen besprach, die sie brauchten - von Dolores, der Wohnung und dem Gebäude. Nachdem er Tomas zum Auto, geschickt hatte, um die anderen zu holen, standen sie jetzt alle in der Wohnung im zehnten Stock.