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Partridge wollte auch Nahaufnahmen der Arztdiplome und des Briefes aus Massachusetts, der Gossage alias Baudelio zum Aussätzigen seines Standes machte. Auch wenn der amerikanische Arzt bereits begraben war, wollte Partridge alles tun, um das, was er den Sloanes angetan hatte, für immer festzuhalten.

Doch obwohl die Rolle, die Baudelio bei der Entführung gespielt hatte, für die Story sehr wichtig war, wußte Partridge auch, daß eine sofortige Veröffentlichung ein Fehler wäre, weil man damit Informationen aus der Hand geben würde, die seine CBA-Truppe im Augenblick exklusiv besaß. Nur wollte er die Sequenz über Baudelio sofort fertigstellen, um sie schnell bei der Hand zu haben, wenn es Zeit für eine Veröffentlichung war.

Dolores wurde in Großaufnahme gefilmt und ihre Stimme im spanischen Original aufgenommen. Sie sollte später ausgeblendet und eine Übersetzung darübergelegt werden. Gegen Ende der Aufnahme sagte Fernandez zu Partridge: »Sie erinnert Sie daran, daß Sie ihr Geld versprochen haben.«

Partridge besprach sich kurz mit Rita, die dann tausend Dollar in Fünfzigerscheinen abzählte. Das war eine für die Umstände sehr großzügige Bezahlung, aber Dolores hatte ihnen zu einem wichtigen Erfolg verholfen; außerdem hatten Partridge und Rita Mitleid mit ihr und glaubten ihrer Behauptung, daß sie, trotz ihres Verhältnisses mit Baudelio, nichts von der Entführung gewußt habe.

Abschließend sagte Rita zu Fernandez: »Bitte erklären Sie ihr, daß CBA im allgemeinen nicht für Interviews zahlt und daß sie das Geld für die Bereitstellung ihrer Wohnung und die Informationen bekommt, die sie uns geliefert hat.« Es war eine rein theoretische Unterscheidung, die in der Branche häufig benutzt wurde, um zu verschleiern, daß sie genau das taten, was sie vorgaben, nicht zu tun, und New York sah es gern, wenn Produzenten sich an dieses Ritual hielten.

Dolores' Dankbarkeit nach zu urteilen, hatte sie weder zugehört noch verstanden, worum es ging. Partridge war überzeugt, daß sie die leere Gin-Flasche durch eine volle ersetzen würde, sobald die Reporter verschwunden waren.

Doch jetzt konnte Partridge sich wieder mit dem Wesentlichen beschäftigen - so schnell wie möglich eine Befreiungsexpedition nach Nueva Esperanza auf die Beine zu stellen. Bei dem Gedanken wuchs die Erregung in ihm, rührte sich wieder die alte Sucht nach Gefahr, Waffen und Kampf.

10

Am liebsten hätte Crawford Sloane jeden Tag Harry Partridge in Peru angerufen und ihn gefragt: »Gibt's was Neues?« Aber er beherrschte sich, denn er wußte, daß er von jeder neuen Entwicklung ohnehin sofort erfahren würde und daß es wichtig war, Partridge ungestört und auf seine Art arbeiten zu lassen. Sloane traute ihm noch immer mehr zu als jedem anderen, den man mit diesem Auftrag nach Peru hätte schicken können. Ein weiterer Grund für seine Zurückhaltung war die Tatsache, daß Harry Partridge ihn von sich aus mehrfach entweder spätabends oder früh am Morgen angerufen hatte, um ihn über Forschritte und Hintergründe zu informieren.

Doch seit dem letzten Anruf aus Peru waren bereits einige Tage vergangen, so daß Crawford, obgleich er enttäuscht war, annahm, daß es einfach nichts Neues zu berichten gab.

Er irrte sich.

Wovon Sloane nichts wußte und auch nichts wissen konnte, war Partridges Entscheidung, die gesamte Kommunikation zwischen Lima und New York, ob nun über Telefon, Satellit oder Geschriebenem, wegen des damit verbundenen Sicherheitsrisikos vorübergehend auszusetzen. Nach dem Interview mit General Ortiz, in dem dieser Partridge zu verstehen gegeben hatte, daß er überwacht wurde, schien es möglich, daß Telefone angezapft und sogar die Post geöffnet wurde. Satellitenübertragungen waren mit der entsprechenden Ausrüstung leicht mitzuschneiden, und auch die Benutzung anderer als der üblichen Telefonanschlüsse garantierte keine Vertraulichkeit.

Grund zur Vorsicht gab aber auch, daß es in Lima inzwischen von Journalisten und Fernsehteams wimmelte, die alle in ihrer Berichterstattung über die Sloane-Entführung konkurrierten und nach neuen Spuren suchten. Bis jetzt hatte sich Partridge die Reportermeute vom Hals halten können, doch wußte er auch, daß man wegen der bisher so erfolgreichen CBA-Berichterstattung sehr genau darauf achtete, wohin er ging und welche Leute er traf.

Partridge hatte deshalb beschlossen, nichts über seinen Besuch in der Wohnung an der Huancavelica Street und dessen Ergebnis preiszugeben, vor allem nicht über Telefon. Seine Kollegen von CBA bat er, sich ebenfalls daran zu halten, und schärfte ihnen für die Vorbereitungen der Expedition nach Nueva Esperanza absolute Verschwiegenheit ein. Nicht einmal CBA in New York durfte vorerst davon erfahren.

So betrat Crawford Sloane am Donnerstagvormittag um 10 Uhr 55, also etwas später als sonst, die CBA News-Zentrale, ohne etwas von den Entwicklungen in Lima vom Vortag zu wissen.

Begleitet wurde er von einem jungen FBI-Agenten namens Ivan Ungar, der in Crawfords Haus übernachtet hatte. Das FBI schützte Sloane auch weiterhin vor einer möglichen Entführung, und es gab Gerüchte, daß auch andere Mitarbeiter von CBA Personenschutz erhielten. Doch war seit der Kontaktaufnahme der Entführer die vierundzwanzigstündige Telefonüberwachung aufgegeben worden.

FBI-Sonderagent Otis Havelock beschäftigte sich auch weiterhin mit dem Fall, er hatte nach der Entdeckung des Unterschlupfs die Leitung der Ermittlungen in Hackensack übernommen. Wie Sloane erfahren hatte, wurde auch der Flughafen von Teterboro wegen seiner Nähe zu Hackensack vom FBI kontrolliert. So überprüfte man sämtliche Flüge, die vom Zeitpunkt der Entführung bis zu dem Tag, da bekannt wurde, daß sich Entführer und Opfer in Peru aufhielten, von dort gestartet waren. Doch wegen der Menge der Starts in diesen dreizehn Tagen kamen die Ermittlungen nur langsam voran.

Als Sloane das CBA News-Gebäude betrat, legte ein uniformierter Sicherheitsposten grüßend die Hand an die Mütze, doch von Beamten der New Yorker Stadtpolizei, die nach der Entführung über eine Woche lang den Komplex bewacht hatten, war nichts zu sehen. Der Publikumsverkehr war so stark wie früher, und obwohl die Hereinkommenden sich am Empfang ausweisen mußten, fragte sich Sloane, ob die Sicherheitsbestimmungen inzwischen wieder so nachlässig gehandhabt wurden wie vor der Entführung.

Zusammen mit Ungar betrat er einen Aufzug, fuhr in den dritten Stock und ging zu seinem Büro neben dem Hufeisen, wo einige Leute von ihrer Arbeit aufsahen und ihn begrüßten. Sloane ließ die Tür seines Büros offen. Ungar setzte sich draußen auf einen Stuhl.

Als Sloane seinen Regenmantel auf einen Haken hängte, bemerkte er auf seinem Tisch ein weißes Styroporpaket, wie es von Straßenverkaufsrestaurants benutzt wird. In der Gegend gab es einige dieser Läden, die häufig auf telefonische Bestellung Snacks oder komplette Menüs in die Büros von CBA News lieferten. Da aber Sloane nichts bestellt hatte und normalerweise in der Cafeteria zu Mittag aß, nahm er an, daß es sich um ein Versehen handelte.

Doch dann stellte er überrascht fest, daß auf dem ordentlich mit weißer Schnur verschnürten Päckchen »C. Sloane« als Empfänger angegeben war. Ohne großes Interesse nahm er eine Schere aus der Schublade, zerschnitt die Schnur und öffnete das Päckchen. Obenauf lagen einige Blatt zusammengefaltetes weißes Papier und erst darunter der eigentliche Inhalt.

Einige Sekunden lang starrte Crawford Sloane mit stummem, ungläubigem Entsetzen in die Schachtel. Dann schrie er - ein gequälter, markerschütternder Schrei. Am Hufeisen fuhren die Köpfe in die Höhe. FBI-Agent Ungar sprang auf und zog seine Pistole. Aber Sloane war allein, er schrie und schrie und starrte mit weit aufgerissenen, schreckensstarren Augen und aschfahlem Gesicht das Päckchen an.