Draußen am Dschungelrand stand Miguel über der Leiche von Angus Sloane.
Die ersten vier Schüsse hatten den alten Mann sofort getötet. Doch dann war Miguel die Beleidigung vom vergangenen Donnerstag eingefallen - Maldito hijo de puta! - und die verächtliche Bemerkung über die »Barbaren« von eben, und er hatte eine weitere Garbe aus seiner sowjetischen AK-47 in den toten Körper gejagt.
Sein Auftrag, den er in der Nacht zuvor aus Ayacucho erhalten hatte, war damit ausgeführt. Nur Gustavo hatte nun noch, mit der Hilfe von anderen, eine unangenehme Arbeit zu erledigen.
Unterdessen war bereits ein leichtes Flugzeug im Dienst des Sendero Luminoso auf dem Weg zu einer Landepiste im Dschungel, die von Nueva Esperanza auf dem Wasserweg erreicht werden konnte. Ein Boot wartete schon auf das Ergebnis von Gustavos Arbeit, und von der Piste aus würde es weiter mit dem Flugzeug nach Lima gehen.
Später am selben Vormittag kam vor der amerikanischen Botschaft an der Avenida Garcilaso de la Vega in Lima ein Auto mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ein Mann mit einer großen Pappschachtel unter dem Arm sprang heraus. Er stellte die Schachtel vor das Tor der Botschaft und lief zum Auto zurück, das sofort davonraste.
Ein Wachposten in Zivil, der die Szene beobachtet hatte, schlug sofort Alarm, und alle Eingänge der Botschaft, die wie eine Festung gebaut war, wurden vorübergehend geschlossen. Gleichzeitig wurde eine Sprengstoff Sondereinheit der peruanischen Armee um Hilfe gebeten.
Sobald sicher war, daß die Schachtel keinen Sprengstoff enthielt, wurde sie vorsichtig geöffnet. Der blutverklebte, abgetrennte Kopf eines älteren, gut siebzigjährigen Mannes kam zum Vorschein. Neben dem Kopf lag eine Brieftasche mit einer amerikanischen Versicherungskarte, einem in Florida ausgestellten Führerschein mit Foto und anderen Dokumenten, die belegten, daß es sich um den Kopf von Angus McMullen Sloane handelte.
Zur Zeit des Vorfalls hielt sich ein Reporter der Chicago Tribune in der Botschaft auf. Er hängte sich sofort an die Geschichte und war so der erste, der einen vollständigen Bericht mit dem Namen des Opfers präsentieren konnte. Der Artikel der Tribune wurde von Presseagenturen, Fernseh- und Radiosendern und anderen Zeitungen aufgegriffen und fand so sehr schnell, zuerst in Amerika und dann in der ganzen Welt, Verbreitung.
12
Die Vorbereitungen für die Rettungsexpedition nach Nueva Esperanza waren abgeschlossen.
Am Freitagnachmittag wurden die letzten Einzelheiten besprochen und die Ausrüstung vervollständigt. Am Samstag bei Sonnenaufgang wollten Partridge und seine Mannschaft von Lima aus in den Dschungel der Provinz San Martin fliegen, zu einer Piste in der Nähe des Huallaga.
Seitdem Partridge am Mittwoch den Namen des Ortes, an dem die Geiseln gefangengehalten wurden, erfahren hatte, hielt er es vor Ungeduld fast nicht mehr aus. Am liebsten wäre er sofort aufgebrochen, doch Fernandez Paburs Argumente wie auch seine eigene Erfahrung hatten ihn schließlich davon überzeugt, daß es besser war, sich Zeit zu lassen.
»Der Dschungel kann ein Freund sein; er kann aber auch ein Feind sein«, gab Fernandez zu bedenken. »Man kann nicht einfach in ihn hineinspazieren, so wie man einen anderen Stadtteil besucht. Wir werden mindestens einmal im Dschungel übernachten müssen, vielleicht sogar zweimal, und um das zu überleben, brauchen wir eine gewisse Ausrüstung. Außerdem muß ich mir den Piloten sehr sorgfältig aussuchen - wir brauchen jemand, auf den wir uns absolut verlassen können. Der Hinflug und der Abholtermin für unseren Rücktransport müssen sorgfältig geplant und zeitlich genau abgestimmt werden. Wir brauchen mindestens zwei Tage zur Vorbereitung, und auch das ist äußerst knapp.«
Das »Wir« und das »Uns« machten von Anfang an deutlich, daß der einfallsreiche Kontaktmann die Absicht hatte, an der Expedition teilzunehmen. »Sie werden mich brauchen«, sagte er einfach. »Ich war schon öfters in der Selva und kenne mich da aus.«
Als Partridge sich verpflichtet fühlte, ihn darauf hinzuweisen, daß es gefährlich werden könnte, zuckte Pabur nur die Achseln. »Das ganze Leben ist ein Risiko. In meinem Land muß man heutzutage schon auf der Hut sein, wenn man morgens aufsteht.«
Der Lufttransport war das Hauptproblem. Am Donnerstagvormittag verschwand Pabur für einige Stunden, holte dann Rita und Partridge ab und brachte sie zu einem einstöckigen Ziegelbau in der Nähe des Flughafens von Lima. In dem Gebäude waren verschiedene kleine Büros untergebracht. Sie gingen auf eine Tür zu mit der Aufschrift ALSA -Aerolibertad S. A. Fernandez trat als erster ein und stellte seine Begleiter dem Besitzer und Chefpiloten des Charterflugdienstes, Oswaldo Zileri, vor.
Zileri, etwa Mitte bis Ende Dreißig, war ein gutaussehender Mann mit markanten Zügen und einem kräftigen, athletischen Körper. Er war vorsichtig, aber geschäftsmäßig und kam sofort zum Wesentlichen. »Ich wurde informiert, daß Sie Nueva Esperanza einen Überraschungsbesuch abstatten wollen, mehr brauche ich nicht zu wissen, und mehr will ich nicht wissen.«
»Ausgezeichnet«, erwiderte Partridge. »Allerdings hoffen wir, beim Rückflug drei Passagiere mehr an Bord zu haben als beim Hinflug.«
»Die Maschine, die Sie chartern, ist eine Cheyenne II. Außer für die zwei Piloten ist an Bord Platz für sieben Passagiere. Wie Sie diese sieben Sitze nutzen, ist Ihre Sache. Können wir jetzt übers Geld reden?«
»Reden Sie mit mir darüber«, sagte Rita. »Was ist Ihr Preis?« »Sie zahlen in US-Dollar?« fragte Zileri.
Rita nickte.
»Das macht pro Hin- und Rückflug eintausendvierhundert Dollar. Falls wir am Ziel Zeit verlieren, weil wir kreisen müssen, kostet das extra. Und für die Landung in der Nähe von Nueva Esperanza verlangen wir eine Gefahrenzulage von fünftausend Dollar, denn das ist Drogengebiet, das vom Sendero Luminoso kontrolliert wird. Vor dem Abflug am Samstag hätte ich gern eine Kaution von sechstausend Dollar in bar.«
»Bekommen Sie«, erwiderte Rita. »Aber ich hätte gern eine schriftliche Aufstellung darüber.«
»Wird vor dem Abflug erledigt. Wollen Sie einige Details über meinen Flugservice wissen?«
»Ich glaube schon«, erwiderte Partridge höflich.
Mit einem Anflug von Stolz begann Zileri mit einer Erläuterung, die er sich offensichtlich für solche Situationen zurechtgelegt hatte. »Die Cheyenne II - wir haben drei davon -ist eine zweimotorige Propellermaschine. Sie ist ein außergewöhnlich zuverlässiges Flugzeug, das auch auf sehr kurzen Bahnen landen kann - und das ist im Dschungel sehr wichtig. Alle unsere Piloten, ich eingeschlossen, wurden in Amerika ausgebildet. Wir sind mit fast allen Gegenden Perus vertraut, und die Leute von der zivilen und militärischen Luftraumkontrolle kennen uns bestens. Ich werde Sie übrigens persönlich fliegen.«
»Sehr gut«, bemerkte Partridge. »Aber wir brauchen auch Ihren Rat.«
»Fernandez hat es bereits erwähnt.« Zileri ging zu einem Kartentisch, auf dem eine Karte vom Südteil der Provinz San Martin ausgebreitet lag. Die anderen folgten ihm.
»Ich nehme an, Sie wollen etwas weiter von Nueva Esperanza entfernt landen, damit Ihre Ankunft nicht bemerkt wird.«
Partridge nickte. »Korrekt.«
»Dann würde ich vorschlagen, hier zu landen.« Mit einem Bleistift markierte Zileri einen Punkt auf der Karte.
»Aber ist denn das nicht eine Straße?«
»Ja, das ist die wichtigste Straße durch den Dschungel, aber trotzdem sehr wenig befahren. An einigen Stellen, wie zum Beispiel dieser hier, haben die Drogenhändler die Fahrbahn verbreitert und neu geteert, damit ihre Maschinen landen können. Ich habe das auch schon öfters getan.«
Partridge fragte sich, zu welchem Zweck. Um Drogen zu transportieren, oder Leute, die damit handelten? Soweit er wußte, gab es in Peru kaum einen Piloten, der nicht wenigstens am Rande mit dem Drogenhandel zu tun hatte.