Was natürlich stimmte, wie Partridge zugeben mußte. Aber er wußte auch, daß ihn noch lange zweifelnde Fragen plagen würden, was das Tempo seines eigenen Vorgehens anging.
»Weil du gerade da bist, Harry«, sagte Sergio jetzt, »hier ist noch etwas. Ist dein Sender, CBA, nicht eine Tochter von Globanic Industries?«
»Ja, das ist er.«
Der Radioreporter öffnete eine Schublade und holte einen Stapel zusammengehefteter Blätter heraus. »Ich bekomme meine Informationen aus vielen Quellen, unter anderem auch, und das mag dich überraschen, vom Sendero Luminoso. Sie hassen mich zwar, aber sie benutzen mich. Der Sendero hat überall Sympathisanten und Informanten, und einer von denen hat mir vor kurzem diese Papiere hier zugespielt, in der Hoffnung, daß ich darüber berichte.«
Partridge nahm die Blätter und begann zu lesen.
»Wie du siehst«, sagte Sergio, »handelt es sich hier anscheinend um einen Vertrag zwischen der peruanischen Regierung und Globanic Financial Services, einer weiteren Tochter von Globanic Industries. In Finanzkreisen nennt man so etwas einen Debt-to-Equity-Swap.«
Partridge schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, davon verstehe ich wenig.«
»Die Sache ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Aufgrund dieses Vertrags erhält Globanic riesige Ländereien zu einem Schleuderpreis, darunter zwei Gebiete, die zu Touristenzentren ausgebaut werden sollen. Als Gegenleistung wird ein Teil von Perus Auslandsschulden, die Globanic in verkehrsfähige Papiere umgewandelt hat, getilgt.«
»Ist denn das alles legal?«
»Sagen wir mal, es ist hart an der Grenze der Legalität. Aber wichtiger ist, daß es für Globanic ein sehr gutes Geschäft ist, für das peruanische Volk dagegen ein sehr schlechtes.«
»Wenn das deine Meinung ist«, entgegnete Partridge, »warum gehst du dann damit nicht an die Öffentlichkeit?«
»Bis jetzt aus zwei Gründen. Ich nehme nichts, was vom Sendero kommt, für bare Münze, und wollte deshalb erst überprüfen, ob die Information zutrifft. Nun, das habe ich getan, die Information ist richtig. Und dann ist da noch etwas: Für Globanic ist das Ganze ein so riesiges Geschäft, daß der Konzern jemand aus der Regierung mit einer beträchtlichen Summe geschmiert haben muß oder es noch tun wird. Ich arbeite im Augenblick noch daran und habe vor, es nächste Woche zu senden.«
Partridge tippte auf die Unterlagen in seiner Hand. »Kann ich vielleicht eine Kopie davon bekommen?«
»Behalt die da. Ich hab' noch eine andere.«
Tags darauf, am Freitag, ging Partridge einer Frage nach, die unbedingt noch vor dem Abflug am Samstag geklärt werden mußte. Er wollte wissen, ob sonst noch jemand die Telefonnummern kannte, die das CBA-Team zu der Wohnung in der Huancavelica Street geführt und so auf die Spur von Baudelio gebracht hatte. Wenn ja, konnte das bedeuten, daß noch andere von Nueva Esperanza wußten.
Von Kettering hatte er erfahren, daß CBA News unmittelbar nach der Entdeckung des Unterschlupfs in Hackensack das FBI informiert hatte. Es war deshalb wahrscheinlich, daß das FBI die Anrufe, die über diese Funktelefone gelaufen waren, überprüft und so von der Nummer in Lima erfahren hatte. Möglich war auch, daß das FBI diese Information an die CIA weitergegeben hatte, trotz der hinlänglich bekannten Rivalität zwischen beiden Behörden. Andererseits hätte das FBI auch die peruanische Regierung bitten können, die Nummer zu überprüfen.
Auf Partridges Bitte besuchte Fernandez am Freitagnachmittag Dolores ein zweites Mal. Er fand sie betrunken, aber noch so weit bei Verstand, daß sie ihm versichern konnte, niemand sei bei ihr in der Wohnung gewesen und habe sie ausgefragt. Also war nur CBA dieser Spur nachgegangen.
Schließlich erfuhren sie an diesem Nachmittag aus dem peruanischen Radio noch die traurige Nachricht von Angus Sloanes Tod und der Entdeckung seines abgetrennten Kopfes vor der amerikanischen Botschaft in Lima.
Sofort nach Bekanntwerden der Nachricht waren Partridge und Minh Van Canh an der Botschaft und filmten einen Bericht, der anschließend via Satellit für die Abendsendung nach New York ging. Zu diesem Zeitpunkt waren natürlich auch schon andere Fernsehteams und Pressereporter vor Ort, doch Partridge schaffte es, jedes Gespräch mit ihnen zu vermeiden.
Der schreckliche Tod von Crawfs Vater lastete schwer auf Partridges Gewissen, wie zuvor schon Nickys abgetrennte Finger. Was er nach Peru gekommen, um alle drei Geiseln zu retten, so hatte er eigentlich schon versagt - dieser Gedanke quälte ihn.
Spät am Abend kehrte Partridge in sein Hotelzimmer zurück und warf sich aufs Bett. Doch Einsamkeit und Verzweiflung hielten ihn lange wach.
Am nächsten Morgen stand er über eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, denn er hatte sich noch zwei Dinge vorgenommen. So setzte er zuerst ein einfaches, handgeschriebenes Testament auf und schrieb dann den Text für ein Telegramm. Auf dem Weg zum Flughafen ließ er Rita das Testament mit ihrer Unterschrift bezeugen und gab es ihr. Er bat sie auch, das Telegramm an eine Adresse in Oakland in Kalifornien zu schicken.
Dann unterhielten sie sich über das Umschuldungsabkommen zwischen Globanic und der peruanischen Regierung, von dem Sergio Hurtado ihm erzählt hatte. Partridge gab Rita die Unterlagen und sagte: »Wenn du das gelesen hast, sollten wir meiner Meinung nach Les Chippingham unterrichten. Aber es hat eigentlich nichts zu tun mit unserer Aufgabe hier in Peru, und ich habe auch nicht die Absicht, die Information zu verwenden. Allerdings wird Sergio nächste Woche damit an die Öffentlichkeit gehen.« Er lächelte. »Ich glaube, das ist das mindeste, was wir für Globanic tun sollten, schließlich sorgen die ja für die Butter auf unserem Brot.«
Sanft stieg die Cheyenne II in die stille, klare Luft kurz vor Sonnenaufgang. Siebzig Minuten später erreichte die Maschine die Stelle der Dschungelstraße, an der sie Partridge, Minh, O'Hara und Fernandez absetzen sollte.
Inzwischen war es hell genug, um das Gelände deutlich erkennen zu können. Die Straße war verlassen: keine Autos, keine Lastwagen, kein Anzeichen irgendeiner menschlichen Aktivität. Zu beiden Seiten der Straße erstreckte sich der Dschungel wie eine riesige, grüne Decke. Oswaldo Zileri, der Pilot, wandte sich kurz von semen Instrumenten ab und rief seinen Passagieren zu: »Wir landen jetzt. Haltet euch bereit, um schnell auszusteigen. Ich will keine Sekunde länger als nötig am Boden bleiben.«
In einer engen Kurve zog er die Maschine nach unten, flog eine kurze Strecke über der Straße und setzte dann an der breitesten Stelle auf. Kurze Zeit später standen sie bereits. So schnell es ging, sprangen die vier Passagiere mit ihren Rucksäcken und der restlichen Ausrüstung heraus. Die Cheyenne II rollte sofort wieder in Position und startete.
»Schnell in Deckung!« befahl Partridge den anderen, und die vier liefen auf den Dschungelpfad zu.
13
Ohne daß Harry Partridge an diesem hektischen Freitag etwas davon erfuhr, kam es in New York seinetwegen zu einer Krise.
Während des Frühstücks am Freitagmorgen erhielt Margot Lloyd-Mason die Nachricht, daß Theo Elliott sie »sofort« in der Globanic-Zentrale in Pleasantville zu sehen wünsche. »Sofort« hieß um zehn Uhr, wie Margot auf eine Nachfrage erfuhr. Es sei der erste Termin des Globanic-Vorsitzenden an diesem Morgen, bemerkte die Sekretärin in Pleasantville.
Margot rief sofort eine ihrer beiden Sekretärinnen zu Hause an und gab ihr den Auftrag, alle Termine für diesen Vormittag abzusagen oder zu verlegen.
Sie hatte keine Ahnung, was Theo Elliott wollte.
In der Zentrale mußte Margot schließlich mehrere Minuten in der eleganten Vorhalle warten. Zufällig saß sie dabei auf demselben Stuhl, den vier Tage zuvor der Reporter Glen Dawson vom Baltimore Star benutzt hatte.
Als Margot das Büro des Vorsitzenden betrat, vergeudete Elliott keine Zeit mit Begrüßungen, sondern fuhr sie barsch an: »Warum zum Teufel können Sie auf Ihre verdammten Reporter in Peru nicht besser aufpassen?«