Margot war überrascht und fragte zurück: »Wieso aufpassen? Wir bekommen doch dauernd Komplimente für unsere Berichterstattung von dort. Und die Einschaltquoten sind... «
»Ich rede von düsteren, deprimierenden und pessimistischen Berichten.« Elliott schlug mit der Faust auf den Tisch. »Gestern abend hat mich Präsident Castaneda persönlich aus Lima angerufen. Er behauptet, alles, was CBA bis jetzt über Peru gebracht hat, sei negativ und schädlich für sein Land gewesen.
Er hat eine Mordswut auf Ihren Sender, und ich auch!«
Margot versuchte, vernünftig zu argumentieren. »Die anderen Sender und die New York Times schlagen aber die gleichen Töne an wie wir, Theo.«
»Erzählen Sie mir nichts von den anderen! Ich rede von uns! Außerdem hat Präsident Castaneda anscheinend den Eindruck, daß CBA den Meinungsführer spielt und die anderen nur folgen. Das hat er mir zumindest gesagt.«
Sie standen beide. Elliott, der ein finsteres Gesicht machte, hatte Margot keinen Stuhl angeboten. »Geht es um irgend etwas Besonderes?« fragte nun Margot.
»Allerdings!« Der Globanic-Vorsitzende wies auf einen Stapel Videocassetten auf seinem Schreibtisch. »Nach dem Anruf des Präsidenten gestern abend habe ich mir Aufzeichnungen Ihrer Abendnachrichten der letzten Woche bringen lassen. Jetzt, wo ich sie gesehen habe, weiß ich, was Castaneda meint; alles nur Trübsinn und Pessimismus und wie schlecht es um Peru steht. Nichts Positives! Nirgends wird gesagt, daß Peru eine großartige Zukunft bevorsteht, daß es ein herrliches Reiseland ist und daß diese verdammten Rebellen vom Leuchtenden Pfad bald vernichtet sein werden!«
»Man geht aber allgemein eher vom Gegenteil aus, Theo.«
Elliott stürmte weiter, als hätte er sie nicht gehört. »Ich kann verstehen, warum Castaneda wütend ist - und Globanic kann es sich nicht leisten, ihm die Laune zu verderben, das wissen Sie ganz genau. Ich habe Sie deswegen gewarnt, aber Sie wollten ja offensichtlich nicht hören. Noch etwas - auch Fossie Xenos ist wütend. Er glaubt sogar, daß Sie seinen großen Debt-to-Equity-Swap absichtlich sabotieren.«
»Das ist Unsinn, das wissen Sie doch ganz genau. Aber vielleicht können wir etwas tun, um die Lage zu verbessern.« Margot überlegte schnell, denn sie merkte, daß die Situation ernster war, als sie ursprünglich angenommen hatte.
»Ich sage Ihnen genau, was Sie tun werden.« Seine Stimme hatte einen eisigen Klang bekommen. »Ich will, daß Sie diesen vorlauten Reporter - Partridge heißt er - mit dem nächsten Flugzeug aus Peru herausschaffen und ihn entlassen.«
»Zurückholen können wir ihn natürlich. Aber mit der Entlassung bin ich mir nicht so sicher.«
»Entlassen, sagte ich! Hören Sie heute morgen schlecht, Margot? Ich will, daß dieser Kerl aus dem Sender verschwindet, damit ich gleich am Montagmorgen den peruanischen Präsidenten anrufen und ihm sagen kann: >Sehen Sie, wir haben den Unruhestifter rausgeworfen. Tut uns wirklich leid, daß wir ihn ausgerechnet in Ihr Land geschickt haben. Es war ein schlimmer Fehler, aber es wird nicht mehr vorkommen.««
Da Margot Schwierigkeiten im Sender befürchtete, erwiderte sie: »Theo, ich muß Sie darauf hinweisen, daß Partridge schon sehr lange bei CBA ist. Es müssen schon beinahe fünfundzwanzig Jahre sein, und er hat immer hervorragende Arbeit geleistet.«
Elliott gestattete sich ein schlaues Grinsen. »Dann schenken Sie dem Kerl von mir aus eine goldene Uhr. Aber Sie müssen ihn loswerden, damit ich am Montag bei Castaneda anrufen kann. Und Margot, ich möchte Sie noch vor etwas anderem warnen.«
»Wovor, Theo?«
Elliott ging hinter seinen Schreibtisch, setzte sich und winkte auch Margot zu einem Sessel. »Daß es gefährlich ist, Schreiberlinge oder Reporter für etwas Besonderes zu halten. Das sind sie nämlich nicht, obwohl sie es manchmal selber glauben und sich übertriebene Vorstellungen über ihre eigene Wichtigkeit machen. Schreiberlinge gibt es wie Sand am Meer. Wenn Sie einen feuern, sind sofort zwei andere da.«
Elliott fand langsam Gefallen an dem Thema und erzählte weiter: »Es sind Leute wie Sie und ich, Margot, die wirklich zählen in dieser Welt. Wir sind die Macher, wir sind diejenigen, die jeden Tag etwas bewegen. Deshalb können wir uns Schreiberlinge kaufen, wann immer wir wollen, und vergessen Sie dabei eins nicht - von denen kriegt man zwei für einen Penny, wie die Engländer sagen. Und wenn wir genug haben von einem ausgedienten, alten Schmierer wie Partridge, dann holen wir uns einen neuen, am besten einen grünen Jungen frisch vom College. Nichts leichter als das.«
Margot lächelte; die schlimmste Wut ihres Vorgesetzten war offensichtlich verraucht. »Ein interessanter Standpunkt.«
»Dann machen Sie ihn sich zu eigen. Ach, und noch etwas.«
»Ich höre.«
»Glauben Sie nur nicht, daß die Leute bei Globanic, mich eingeschlossen, nicht merken, wie Sie, Leon Ironwood und Fossie Xenos um Positionen kämpfen, weil jeder von euch hofft, eines Tages auf meinem Stuhl zu sitzen. Nun, ich sage Ihnen eins, Margot, was Sie und Fossie angeht, da ist Fossie Ihnen heute vormittag einige Nasenlängen voraus.«
Der Vorsitzende winkte abschließend mit der Hand. »Das ist alles. Rufen Sie mich später an, wenn die Angelegenheit mit Peru erledigt ist.«
Es war schon später Vormittag, als Margot in ihr Büro in Stonehenge zurückkehrte und sofort Leslie Chippingham zu sich rufen ließ. Der Nachrichtenchef habe sich »unverzüglich« bei ihr zu melden.
Es hatte ihr gar nicht gefallen, daß man an diesem Morgen nach ihr geschickt hatte, sie zog es vor, andere zu sich zu zitieren. Sie freute sich deshalb über diese Umkehrung der Lage.
Ebensowenig gefallen hatte ihr Elliotts Hinweis, daß Fossie Xenos ihr »einige Nasenlängen voraus« sei. Falls das wirklich stimmte, hatte sie vor, es so schnell wie möglich zu ändern.
Margot hatte nicht die Absicht, sich ihre Karrierepläne von etwas durchkreuzen zu lassen, das sie eigentlich nur als schnell und einfach zu lösende Kleinigkeit betrachtete.
Deshalb kam sie, als Chippingham kurz nach Mittag ihr Büro betrat, ebenso unverblümt zur Sache, wie Elliott es bei ihr getan hatte.
»Was ich Ihnen jetzt sage, ist ein Befehl«, begann Margot. »Und ich will keine Diskussion darüber.«
Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Das Beschäftigungsverhältnis mit Harry Partridge ist sofort zu lösen. Ich will, daß er bis morgen CBA verlassen hat. Ich weiß, daß er einen Vertrag hat, und Sie werden tun, was der für den Fall einer Auflösung vorschreibt. Außerdem muß Partridge Peru verlassen, am besten schon morgen, aber spätestens am Sonntag. Und wenn Sie dazu eine Maschine chartern müssen, dann tun Sie es.«
Mit offenem Mund starrte Chippingham sie an, er traute seinen Ohren nicht. Schließlich brachte er unter Schwierigkeiten heraus: »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«
»Das ist mein Ernst, und ich sagte, keine Diskussion«, erwiderte Margot bestimmt.
»Zum Teufel noch mal!« Chippingham hatte erregt die Stimme erhoben. »Ich werde doch nicht untätig zusehen, wie einer unserer besten Korrespondenten, der schon über zwanzig Jahre bei uns ist, ohne jeden Grund gefeuert wird.«
»Der Grund geht Sie nichts an.«
»Ich bin schließlich Chef der Nachrichtenabteilung, oder? Margot, ich flehe Sie an! Was hat Harry denn um Himmels willen getan? Ist es etwas Schlimmes? Wenn ja, dann will ich es wissen.«
»Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, es geht um die Art seiner Berichterstattung.«
»Eine bessere gibt es nicht! Sie ist ehrlich, fundiert und vorurteilslos. Da können Sie jeden fragen!«
»Das habe ich nicht nötig. Auf jeden Fall sind nicht alle Ihrer Meinung.«
Chippingham sah sie argwöhnisch an. »Da steckt doch Globanic dahinter, oder?« Dann fiel ihm etwas an. »Das kommt von Ihrem Freund, diesem kaltblütigen Tyrannen Theodore Elliott!«