»Vorsicht!« warnte sie ihn und beschloß dann, diese Art von Gespräch nicht länger fortzusetzen.
»Ich habe nicht vor, mich auf weitere Erklärungen einzulassen«, sagte sie kalt. »Ich will Ihnen nur noch eins sagen: Wenn mein Befehl nicht bis Geschäftsschluß heute abend ausgeführt wird, dann sind Sie selbst entlassen, und ich werde jemand an Ihre Stelle setzen, der tut, was ich sage.«
»Das würden Sie wirklich tun, nicht?« Er sah sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Haß an.
»Damit keine Zweifel aufkommen - ja. Und wenn Sie vorhaben, Ihren Job zu behalten, dann melden Sie mir heute abend Vollzug. Und jetzt verschwinden Sie!«
Nachdem Chippingham gegangen war, stellte Margot mit Befriedigung fest, daß sie ebenso hart sein konnte wie Theo Elliott.
Les Chippingham saß in seinem Büro in der Zentrale von CBA News, und obwohl er wußte, daß er damit das Unausweichliche nur verzögerte, erledigte er verschiedene Routineangelegenheiten, bis er schließlich um 15 Uhr seiner Sekretärin sagte, er wolle bis auf weiteres nicht gestört werden. Er brauchte Zeit zum Nachdenken.
Er verschloß die Tür von innen und setzte sich nicht an seinen Schreibtisch, sondern an den Konferenztisch, von wo er eins seiner Lieblingsbilder im Blick hatte - eine einsame Landschaft von Andrew Wyeth. Doch Chippingham registrierte das Gemälde kaum, er war zu sehr mit der anstehenden Entscheidung beschäftigt.
Er wußte, daß sein Leben in einer Krise steckte.
Wenn er Margots Befehl befolgte und Harry Partridge ohne ersichtlichen Grund feuerte, gab er seine Selbstachtung auf. Denn das würde heißen, daß er einem anständigen, äußerst fähigen und geachteten Menschen, einem Freund und Kollegen, auf eine schändliche Weise Unrecht tat, nur um die Laune eines anderen zu befriedigen. Wer dieser andere war und aus welcher Laune heraus er handelte, wußte Chippingham nicht, aber er war überzeugt, daß er und andere es irgendwann herausfinden würden. Im Augenblick wußte er nur, daß Theodore Elliott irgendwie damit zu tun hatte - Margots Reaktion auf seine wütende Bemerkung ließ daran keinen Zweifel.
Konnte Chippingham dieses Unrecht begehen und danach weiterleben? Wenn er die Maßstäbe anlegte, an denen er sein Leben auszurichten versuchte, sollte es ihm eigentlich unmöglich sein.
Andererseits - und das lag ebenso auf der Hand - wenn er, Les Chippingham, es nicht tat, dann würde es ein anderer tun. Margot hatte keinen Zweifel daran gelassen. Sie würde problemlos einen anderen finden. Es gab einfach zu viele ehrgeizige Leute, auch innerhalb von CBA News, die dazu bereit wären.
Harry Partridge hatte also so oder so keine Chance mehr -zumindest bei CBA.
Und das war der entscheidende Punkt: bei CBA.
Sobald bekannt wurde - und das würde sehr schnell passieren -, daß Harry Partridge CBA verließ und verfügbar war, blieb er vermutlich keine fünfzehn Minuten arbeitslos. Die anderen Sender würden sich nur so um ihn reißen. Harry war eine bekannte Persönlichkeit, ein Star, und galt außerdem überall als sympathischer Kerl, was auch nicht eben schadete.
Nichts, absolut nichts, würde Harry Partridge in die Knie zwingen können. Im Gegenteil, ein neuer Vertrag bei einem anderen Sender würde ihm wahrscheinlich nur Vorteile bringen.
Was aber war mit einem entlassenen Nachrichtenchef? Das war eine ganze andere Geschichte, und Chippingham wußte sehr genau, was ihm bevorstand, wenn Margot ihre Drohung wahr machte, woran er nicht zweifelte.
Als Präsident von CBA News hatte auch Chippingham einen Vertrag, der ihm bei einseitiger Auflösung eine Abfindung von ungefähr einer Million Dollar sicherte, was nach viel klang, es aber in Wirklichkeit gar nicht war. Eine beträchtliche Summe ging sofort an das Finanzamt. Da er außerdem tief in Schulden steckte, würden seine Gläubiger einen Großteil des Rests für sich beanspruchen. Und was dann noch übrigblieb, würden Stasias Anwälte einer eingehenden Prüfung unterziehen. Wenn er am Ende noch genug für ein Abendessen für zwei im Four Seasons hatte, würde ihn das überraschen.
Dann war da noch die Frage eines neuen Jobs. Um ihn würden sich die anderen Sender nicht reißen wie um Partridge. Zum einen gab es bei jedem Sender nur einen Nachrichtenchef, und er hatte in letzter Zeit nichts von einer Vakanz gehört. Zum anderen waren nur erfolgreiche Leute gefragt, und keine, die unter zweifelhaften Umständen entlassen worden waren; es gab genug Ehemalige, die das bestätigen konnten.
All das bedeutete, daß er sich mit einer untergeordneten Stellung würde begnügen müssen, und mit sehr viel weniger Geld, von dem dann Stasia auch noch ihren Teil beanspruchen würde.
Die Aussicht war erschreckend. Außer er tat, was Margot verlangte.
Etwas dramatisch ausgedrückt, dachte Chippingham, saß er nun da und schälte Schicht für Schicht von seiner Seele ab, und wenn er hineinblickte, gefiel ihm gar nicht, was er da sah.
Doch die Entscheidung war unausweichlich, denn es gab Situationen im Leben, in denen die Selbsterhaltung Vorrang hatte.
Ich hasse es, dir das antun zu müssen, Harry, dachte er, aber ich habe keine andere Wahl.
Fünfzehn Minuten später las Chippingham sich den Brief durch, den er eigenhändig getippt hatte - auf einer alten, mechanischen Underwood, die er als Erinnerung an vergangene Zeiten in seinem Büro aufbewahrte. Der Brief begann so:
Lieber Harry,
mit dem größten Bedauern muß ich dir mitteilen, daß dein Beschäftigungsverhältnis bei CBA News mit sofortiger Wirkung aufgehoben ist. Entsprechend der Bedingungen deines Vertrags mit CBA...
Chippingham wußte, daß Partridge einen Vertrag mit einer Fortzahlungsklausel hatte, was bedeutete, daß der Sender das Beschäftigungsverhältnis zwar vorzeitig beenden konnte, das Gehalt aber bis Ablauf des Vertrags weiterzahlen mußte. In Partridges Fall lief der Vertrag noch ein Jahr.
Doch eine weitere Klausel besagte, daß Partridge, wenn er diese Fortzahlung in Anspruch nahm, ein halbes Jahr lang für keinen anderen Sender arbeiten durfte.
In seinem Brief erklärte Chippingham diese zweite Klausel für ungültig. Partridge würde also die Fortzahlung erhalten und trotzdem sofort wieder arbeiten können. Das war in Chippinghams Augen das mindeste, was er unter den gegebenen Umständen für Harry tun mußte.
Er hatte vor, den Brief als Telefax nach Lima zu schicken. Im Vorzimmer stand ein Gerät, das er selbst bedienen konnte. Schon vorher war ihm klar geworden, daß er sich zu einem Telefonat nicht überwinden konnte.
Chippingham wollte den Brief eben unterzeichnen, als er ein Klopfen hörte und sah, wie die Tür aufging. Instinktiv drehte er den Brief um.
Es war Crawford Sloane. Er hatte den Ausdruck einer Agenturmeldung in der Hand. Als er sprach, klang seine Stimme erstickt, Tränen liefen ihm über die Wangen.
»Les«, sagte er, »ich mußte dich einfach sehen. Das ist eben hereingekommen.«
Er gab den Ausdruck Chippingham, der sofort zu lesen begann. Es war die Meldung der Chicago Tribune über die Entdeckung von Angus Sloanes abgetrenntem Kopf.
»O Gott! Crawf, ich...« Doch Chippingham konnte den Satz nicht beenden, er schüttelte nur den Kopf, ging zu Crawford und nahm ihn in den Arm.
Als die beiden sich wieder trennten, flüsterte Sloane: »Sag nichts. Ich weiß nicht, ob ich das durchstehen werde. Ich kann die Nachrichten heute abend nicht machen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen Theresa Toy... «
»Vergiß das alles, Crawf!« entgegnete Chippingham. »Wir werden uns schon darum kümmern.«
»Nein!« Sloane schüttelte den Kopf. »Da ist noch etwas, etwas, das ich unbedingt tun muß. Ich will einen Learjet nach Lima. Solange es noch Hoffnung gibt... für Jessica und Nicky... Ich muß dort sein.« Sloane unterbrach sich, er kämpfte mühsam um Selbstbeherrschung und fügte dann hinzu: »Ich fahre zuerst nach Larchmont und dann nach Teterboro.«