»Bist du sicher, Crawf? Hältst du das für vernünftig?« fragte Chippingham zweifelnd.
»Ich werde fliegen, Les«, antwortete Sloane. »Versuch nicht, mich aufzuhalten. Wenn CBA das Flugzeug nicht bezahlt, dann zahle ich es selber.«
»Das ist nicht notwendig«, sagte Chippingham.
Kurz darauf bestellte er den Learjet. Die Maschine würde Teterboro noch in der Nacht verlassen und am Morgen in Peru landen.
Wegen der unerwarteten, tragischen Nachricht über Angus Sloane konnte Chippingham den Brief erst am späten Nachmittag unterzeichnen und nach Lima faxen. Nachdem seine Sekretärin gegangen war, schickte er den Brief an eine Telefaxnummer von Entel Peru, von wo er zur CBA-Kabine im selben Gebäude weitergeleitet würde. Er fügte eine Notiz hinzu mit der Bitte, die Nachricht in einen Umschlag mit dem Vermerk »An Mr. Harry Partridge. Persönlich.« zu stecken.
Chippingham hatte sich überlegt, ob er Crawford Sloane über den Brief informieren sollte, beschloß dann aber, es nicht zu tun, da Crawf in dieser Woche schon genug Schreckliches erlebt hatte. Er wußte, daß Crawf über den Brief empört sein würde, ebenso wie Partridge, und er erwartete entrüstete Telefonanrufe mit der Forderung nach einer Erklärung. Doch die würden frühestens am nächsten Morgen kommen, und dann mußte er sich damit auseinandersetzen, so gut es eben ging.
Schließlich rief er Margot Lloyd-Mason an, die um 18 Uhr 15 noch immer in ihrem Büro war. Zuerst sagte er ihr: »Ich habe getan, was Sie verlangt haben«, und berichtete dann von der Schreckensnachricht über Crawford Sloanes Vater.
»Ich weiß es bereits«, erwiderte sie, »und es tut mir leid. Was das andere betrifft, das haben Sie gut hingebogen. Ich hatte schon gedacht, Sie würden gar nicht mehr anrufen. Trotzdem danke.«
14
Nachdem Partridge und die drei anderen die Straße, auf der die Cheyenne II gelandet war, verlassen hatten und in den Dschungel eingedrungen waren, kamen sie nur sehr langsam vorwärts.
Der Pfad, falls man ihn überhaupt so nennen konnte, war häufig überwuchert und verschwand manchmal ganz. Oft mußten sie sich mit ihren Macheten einen Weg durch die dichte Vegetation schlagen. Hohe Bäume bildeten ein Blätterdach über ihren Köpfen, nur ab und zu war ein Fetzchen des bewölkten Himmels zu erkennen, der auf Regen hindeutete. Viele Bäume hatten grotesk verdrehte Stämme, dicke Rinden und lederige Blätter. Irgendwo hatte Partridge gelesen, daß es in Peru achttausend bekannte Baumarten gab. In Bodennähe wuchsen Bambus, Farne, Lianen und Schmarotzerpflanzen wild durcheinander und schufen jene »grüne Hölle«, von der im selben Buch die Rede war.
»Hölle« war besonders heute zutreffend wegen der drückenden, feuchten Hitze, unter der alle vier Männer zu leiden hatten. Ihre Körper waren schweißgebadet, und die Insektenschwärme waren eine zusätzliche Belastung. Zu Beginn des Fußmarsches hatten sie sich gründlich mit dem Schutzmittel eingerieben und unterwegs immer wieder neues aufgetragen, doch, wie Ken O'Hara sagte: »Die kleinen Teufel scheinen das Zeug zu mögen.«
Es gab aber auch Stellen, an denen der Pfad etwas breiter wurde und die Bodenvegetation wegen des Schattens der dicht beieinanderstehenden Bäume weniger stark wucherte. Die Männer waren sich bewußt, daß sie ohne diesen Pfad überhaupt nicht vorwärtskommen würden.
»Der Weg wird selten benutzt«, bemerkte Fernandez, »Und das ist unser Vorteil.«
Ihr Ziel war es, in die Nähe von Nueva Esperanza zu kommen, um dort von einer höhergelegenen Stelle im Dschungel und aus sicherer Entfernung den Ort während des Tages zu beobachten. Erst wenn sie genug gesehen und erfahren hatten, wollten sie einen Angriffsplan ausarbeiten.
Das ganze, über hundert Quadratmeilen große Gebiet um Nueva Esperanza war eine sanft gewellte, von dichtem Dschungel überzogene Ebene, die nur vom Huallaga unterbrochen wurde. Doch Fernandez' topographische Karte zeigte in der Nähe des Dorfes mehrere Hügel, von denen einer als Beobachtungsposten dienen konnte. Bis Nueva Esperanza waren es noch etwa neun Meilen von ihrem augenblicklichen Standort - unter diesen Bedingungen eine gewaltige Entfernung.
Partridge dachte an den versiegelten Brief, den Rita ihm von Crawford Sloane mitgebracht hatte. Crawf berichtete darin von den Signalen, die Jessica bei der Videoaufnahme hatte übermitteln können. Vor allem das zweite war ihm im Gedächtnis geblieben. Jessica hatte sich am linken Ohr gekratzt, und das bedeutete: Die Bewachung hier ist eher nachlässig. Ein Angriff von außen könnte Erfolg haben. Ob das stimmte, würde sich sehr bald erweisen.
Doch vorerst kämpften sie sich weiter durch den Dschungel.
Es war schon später Nachmittag, und alle vier waren der Erschöpfung nahe, als Fernandez sie darauf aufmerksam machte, daß sie sich Nueva Esperanza näherten. »Ich glaube, wir haben jetzt ungefähr sieben Meilen zurückgelegt«, sagte er und warnte sie dann: »Man darf uns nicht sehen. Sobald wir hören, daß sich jemand nähert, müssen wir uns im Dschungel verstecken.«
Minh Van Canh warf einen skeptischen Blick auf das dichte Dornengestrüpp zu beiden Seiten und meinte: »Klingt zwar einleuchtend, aber ich hoffe, daß es nicht nötig wird.«
Bald nach Fernandez' Warnung wurde der Weg breiter, andere Pfade kreuzten ihn. Fernandez erklärte, daß es hier überall Kokafelder gebe, auf denen zu anderen Jahreszeiten hektische Aktivität herrsche. Doch während der vier- bis sechsmonatigen Wachstumsperiode brauchten die Pflanzen sehr wenig Pflege, weshalb die meisten Bauern in der Zeit anderswo lebten und nur während der Erntezeit in ihre Hütten auf den Hügeln zurückkehrten.
Mit Hilfe von Karte und Kompaß führte Fernandez die anderen weiter. An der zusätzlichen Kraft, die jeder Schritt kostete, merkten sie, daß es allmählich aufwärtsging. Nach etwa einer Stunde erreichten sie eine Lichtung, an deren Ende eine Hütte zu sehen war.
Partridge hatte inzwischen gemerkt, daß Fernandez sich in der Gegend besser auskannte, als er ursprünglich zugegeben hatte. Als Partridge ihn danach fragte, räumte der Kontaktmann ein: »Ja, ich war schon mehrmals hier.«
Innerlich seufzte Partridge. War auch Pabur nur einer der unzähligen pseudo-aufrechten Leute, die heimlich vom allgegenwärtigen Kokainhandel profitierten? Lateinamerika und vor allem die Karibik waren voll von solchen Heuchlern, und viele von ihnen bekleideten hohe Ämter.
Als könne er Gedanken lesen, erklärte nun Fernandez: »Ich war einmal wegen einer >Hunde-und-Pony-Show< hier, die unsere Regierung für eine Delegation Ihres Außenministeriums veranstaltet hat. Es war hoher Besuch - ich glaube, der Generalstaatsanwalt -, und deshalb war auch ein ganzer Troß von Presseleuten dabei. Ich war einer von ihnen.«
Trotz seiner früheren Reaktion mußte Partridge über den Begriff »Hunde-und-Pony-Show« lächeln. Journalisten bezeichneten damit verächtlich Veranstaltungen fremder Regierungen - vor allem kommunistischer und anderer
Diktaturen -, mit denen sie amerikanische Delegationen beeindrucken wollten. Partridge konnte sich gut vorstellen, wie das hier abgelaufen war: Eine »Invasion« von Helikoptereinheiten, die ein paar Morgen Kokafelder verbrannten und einige Laborhütten in die Luft sprengten. Die Besucher lobten dann die effektive Drogenbekämpfung des Gastgeberlandes, weil sie entweder nicht wußten oder einfach ignorierten, daß riesige Pflanzungen und unzählige Labors gleich in der Nähe unberührt blieben. Tags darauf erschienen die Fotos der Besucher in den amerikanischen Zeitungen, begleitet von ihren lobenden Worten, und natürlich nahm auch das Fernsehen die Geschichte auf. Journalisten, die wußten, daß sie Teil einer Farce waren, sie aber nicht ignorieren konnten, weil auch andere darüber berichteten, schluckten hart und schämten sich insgeheim.
Und so etwas in Peru, dachte Partridge, das weder eine kommunistische noch sonst eine Diktatur war, aber bald das eine oder das andere werden konnte.