Fernandez inspizierte die Lichtung und die Hütte, konnte aber niemand entdecken. Dann führte er die Truppe in östlicher Richtung wieder in den Dschungel hinein. Doch schon nach einer kurzen Strecke hob er die Hand und forderte die anderen auf, stehenzubleiben. Er drückte ein Farnbüschel beiseite und ließ sie hindurchsehen. In etwa einer halben Meile Entfernung und gut fünfzig Meter tiefer war eine Ansammlung baufälliger Gebäude zu sehen. Am Flußufer standen ein gutes Dutzend Hütten. Ein schlammiger Pfad führte zu einem Landungssteg, an dem einige Boote festgemacht waren.
»Gut gemacht, Leute«, sagte Partridge leise und fügte erleichtert hinzu: »Ich glaube, wir haben Nueva Esperanza gefunden.«
Hatte Partridge während des Marsches Fernandez die Führung
überlassen, so übernahm er jetzt wieder das Kommando.
»Es wird bald dunkel«, sagte er. Der Marsch hatte viel länger gedauert, als sie erwartet hatten, und die Sonne näherte sich bereits dem Horizont. »Ich will vor Einbruch der Nacht noch so viel wie möglich beobachten. Minh, nimm dein Fernglas und komm mit mir nach vorne. Fernandez und Ken, ihr paßt auf, ob von hinten jemand kommt. Wenn ihr etwas bemerkt, sagt mir sofort Bescheid.«
Partridge und Minh gingen auf den Dschungelstreifen zu, der sie vor den Blicken von unten schützte, ließen sich auf den Bauch fallen und robbten vorwärts, bis sie gut sehen konnten, aber noch immer vom Buschwerk verdeckt waren.
Langsam suchte Partridge mit seinem Fernglas die Szene ab.
Im Ort war kaum Aktivität zu bemerken. Am Landungssteg arbeiteten zwei Männer am Außenbordmotor eines Bootes. Aus einer Hütte kam eine Frau, feerte einen Kübel mit Spülwasser und ging wieder hinein. Ein Mann trat aus dem Dschungel, ging auf ein anderes Gebäude zu und verschwand darin. In einem der vielen Abfallhaufen, die überall zwischen den Hütten verstreut lagen, wühlten zwei dürre Hunde. Nueva Esperanza sah aus wie ein Slum im Dschungel.
Partridge wandte sich nun den einzelnen Gebäuden zu und beobachtete jedes mehrere Minuten lang durch sein Fernglas. Vermutlich wurden die Geiseln in einer der Hütten gefangengehalten, aber es war nicht zu erkennen, in welcher. Schon jetzt wußte Partridge, daß sie den Ort mindestens einen ganzen Tag beobachten mußten und daß an eine Rettung noch in dieser Nacht und einen Rückflug am nächsten Morgen nicht zu denken war. So richtete er sich auf eine längere Wartezeit ein und beobachtete weiter, während das Licht langsam verschwand.
Wie immer in den Tropen, wurde es nach Sonnenuntergang sehr schnell dunkel. Mattes Licht kam aus den Fenstern der Häuser, der letzte Rest des Tages war verschwunden. Partridge ließ das Fernglas sinken und rieb sich die Augen, die nach mehr als einer Stunde angestrengten Beobachtens schmerzten. Er glaubte nicht, daß sie an diesem Tag noch viel Neues erfahren würden.
In diesem Augenblick faßte Minh ihn am Arm und deutete auf die Hütten. Partridge nahm sein Fernglas und spähte in die angegebene Richtung. In dem schwachen Restlicht war eine Bewegung zu erkennen - ein Mann, der den Weg zwischen zwei Häuserzeilen entlangging. Im Gegensatz zu den anderen Bewegungen, die sie beobachtet hatten, schien dieser Mann auf ein bestimmtes Ziel zuzugehen. Und noch etwas war anders; Partridge strengte seine Augen an, um es zu erkennen... und dann sah er es. Der Mann trug ein Gewehr über der Schulter. Partridge und Minh folgten dem Mann mit ihren Ferngläsern.
Etwas abseits von den restlichen Gebäuden stand eine einzelne Hütte. Partridge hatte sie zuvor schon gesehen, doch war ihm nichts Besonderes daran aufgefallen. Der Mann hatte die Hütte erreicht und verschwand darin. Aus einer Öffnung an der Vorderseite drang schwaches Licht.
Die beiden beobachteten weiter, doch einige Minuten lang passierte nichts. Dann trat eine Gestalt aus der Hütte und ging weg. Trotz der Dunkelheit waren noch zwei Dinge zu erkennen: Es war ein anderer Mann, und auch er trug eine Waffe.
War es möglich, fragte sich Partridge aufgeregt, daß sie eben einen Wachwechsel beobachtet hatten? Die Vermutung mußte natürlich erst bestätigt werden, und das hieß weiterbeobachten. Aber es konnte durchaus sein, daß Jessica und Nicky Sloane in dieser alleinstehenden Hütte gefangengehalten wurden.
Partridge versuchte, nicht daran zu denken, daß bis vor ein oder zwei Tagen wahrscheinlich auch Angus Sloane in dieser Hütte eingesperrt gewesen war.
Die Stunden vergingen.
»Wir müssen unbedingt wissen, wieviel nachts in Nueva Esperanza los ist und wie lange, wann es still wird und die Lichter ausgehen«, erklärte Partridge den anderen. »Wir sollten uns das alles genau notieren.«
Auf Partridges Bitte blieb Minh Van Canh noch eine halbe Stunde auf Beobachtungsposten und wurde dann von Ken O'Hara abgelöst.
»Jeder von uns sollte so viel schlafen wie möglich«, sagte Partridge. »Aber wir sollten den Beobachtungsposten und den Wachposten an der Lichtung immer besetzt halten, das heißt, daß immer nur zwei auf einmal schlafen können.« Man einigte sich schließlich darauf, sich im Zweistundenrhythmus abzuwechseln.
Bereits zuvor hatte Fernandez in der Hütte, die sie bei ihrer Ankunft entdeckt hatten, die Hängematten aufgespannt und Moskitonetze darübergehängt. Die Hängematten waren nicht gerade bequem, aber die Männer, die sie benutzten, waren von den Anstrengungen des Tages so erschöpft, daß sie sofort einschliefen. Da es in der Nacht regnete und das Dach der Hütte undicht war, fanden auch die mitgebrachten Plastikplanen ihre Verwendung. Fernandez spannte sie geschickt über die Hängematten, so daß die Schlafenden geschützt waren. Die beiden Wachen hüllten sich ebenfalls in ihre Planen, bis der Regen eine halbe Stunde später aufhörte.
Gemeinsame Mahlzeiten gab es nicht. Jeder a und trank, wenn er Hunger und Durst hatte, doch wußten sie alle, daß sie mit den getrockneten Nahrungsmitteln sparsam umgehen mußten. Der Wasservorrat, den sie aus Lima mitgebracht hatten, war bereits verbraucht, und Fernandez hatte schon vor einigen Stunden die Flaschen an einem Bach gefüllt und Sterilisierungstabletten darin aufgelöst. Er hatte die anderen gewarnt, daß fast das gesamte Wasser im Dschungel mit Chemikalien, die zur Drogenherstellung benutzt wurden, verseucht sei. Das Wasser, das jetzt in den Flaschen war, schmeckte entsetzlich, und jeder versuchte, so wenig wie möglich zu trinken.
Bei Tagesanbruch hatte Partridge die Antworten auf seine Fragen über die Nachtaktivitäten in Nueva Esperanza: Es war sehr wenig los - nur gelegentlich war eine Gitarre zu hören oder eine schrille Stimme und betrunkenes Gelächter aus einer der Hütten. Dreieinhalb Stunden nach Einbruch der Nacht war alles vorbei. Um 1 Uhr 30 wurde es im Dorf still und dunkel.
Wenn Partridge mit seiner Vermutung über die Wachen und die Gefangenenhütte recht hatte, mußten sie nur noch herausfinden, wann und wie oft die Wachen gewechselt wurden. Bis zum Morgen hatte sich noch kein klares Bild ergeben. Falls es während der Nacht einen zweiten Wachwechsel gegeben hatte, hatten sie ihn übersehen.
Während des Tages behielten sie ihre Zeiteinteilung bei.
Zwei hielten immer Wache, während die anderen sich ausruhten, denn sie wußten, daß sie Kräfte sammeln mußten für später.
Als Partridge am Nachmittag in der Hängematte lag, dachte er darüber nach, was er und die anderen eigentlich taten, und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß die Situation, in der sie sich befanden, etwas Unwirkliches hatte. Er fragte sich: Passiert das hier alles tatsächlich? Sollte er mit seiner kleinen, inoffiziellen Truppe wirklich einen Rettungsversuch wagen? In wenigen Stunden würden sie töten müssen oder selber getötet werden. War das alles nicht Wahnsinn? Wie es in Macbeth heißt: »...des Lebens Fieberschauer...«
Eigentlich war er doch Journalist und Fernsehkorrespondent, sagte sich Harry, ein Beobachter von Kriegen und Konflikten, doch kein Teilnehmer daran. Doch hier war er plötzlich aus eigener Entscheidung zum Abenteurer, zum Söldner und Möchtegernsoldaten geworden. Machte dieser Frontenwechsel einen Sinn?