Doch wie die Antwort auch ausfiel, eine Frage blieb offen: Wenn er, Harry Partridge, nicht schaffte, was hier und jetzt zu tun war, wer dann?
Und noch etwas: Für einen Kriegsberichterstatter, vor allem für einen Fernsehkorrespondenten, waren Gewalt und Aufruhr, häßliche Verwundungen oder ein plötzlicher Tod ständige Bedrohung. Man lebte mit solchen Gefahren, ertrug sie und teilte sie mit anderen, und brachte sie Abend für Abend in die sauberen und ordentlichen Wohnzimmer des urbanen Amerika, in eine Umgebung, in der sie nur Bilder auf einem Fernsehschirm waren und daher ungefährlich für diejenigen, die zusahen.
Und doch wurden diese Bilder immer gefährlicher, sie rückten näher, sowohl zeitlich wie räumlich, und bald würden sie nicht mehr nur Bilder auf dem Schirm, sondern grausame Wirklichkeit auf den Straßen Amerikas sein, wo jetzt bereits das Verbrechen lauerte. Die Gewalt und der Terrorismus der unterprivilegierten, zerrissenen und von Kriegen verwüsteten anderen Hälfte der Welt rückten immer näher an amerikanischen Boden heran. Es war eine unausweichliche Entwicklung, die internationale Wissenschaftler schon vor Jahren vorausgesehen hatten.
Die Monroe-Doktrin, die früher als Schutz für Amerika gedacht war, funktionierte nicht mehr; inzwischen sprach man kaum mehr von ihr. Die Entführung der Sloanes durch ausländische Terroristen auf amerikanischem Boden zeigte deutlich, daß der internationale Untergrund bereits im Land Fuß gefaßt hatte. Und Schlimmeres stand noch bevor: Bombenattentate, Geiselnahmen, Straßenkämpfe. Es war tragisch, aber es gab keine Möglichkeit, es zu verhindern. Und ebenso tragisch war, daß viele bislang Unbeteiligte bald Beteiligte sein würden - ob sie es wollten oder nicht.
Partridges Beteiligung und die der anderen war also in diesem Augenb lick ganz und gar nicht unwirklich. Er nahm an, daß vor allem Minh Van Canh ähnlich dachte. Für Minh, der einen entsetzlichen Krieg in seinem zerrissenen Heimatland er- und überlebt hatte, war es vermutlich leichter als für andere, die Situation zu akzeptieren, in der sie sich im Augenblick befanden.
Für Partridge stand noch etwas anderes, ganz Persönliches hinter diesen Überlegungen: Jessica. Jessica, die wahrscheinlich sehr nahe war, irgendwo in dieser Hütte. Jessica-Gemma, deren Persönlichkeiten sich in seinen Gedanken und Erinnerungen vermischten.
Dann überkam ihn die Müdigkeit und er schlief ein.
Als er fünfzehn Minuten vor Beginn seiner Wache aufwachte, sprang er sofort aus der Hängematte und ging nach draußen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Beim Wachposten an der Lichtung war nichts Ungewöhnliches passiert, doch hatte die Beobachtung des Ortes konkrete neue Informationen und Schlußfolgerungen ergeben.
- So gab es in der etwas abseits gelegenen Hütte tatsächlich einen regelmäßigen Wechsel von bewaffneten Wachen, was darauf hindeutete, daß die Geiseln wirklich dort gefangengehalten wurden. Obgleich sich der Wachwechsel nicht immer pünktlich vollzog, mußte man von einem Vierstundenrhythmus ausgehen. Manchmal kam die Ablösung bis zu zwanzig Minuten später, und diese Unpünktlichkeit war für Partridge eine Bestätigung von Jessicas Botschaft: Die Bewachung hier ist eher nachlässig.
- Seit dem Morgen hatten zweimal Frauen mit Behältern, die vermutlich Nahrungsmittel enthielten, die Hütte betreten. Dieselbe Frau, die das Essen brachte, trug danach die Kübel aus der Hütte und schüttete den Inhalt in die Büsche.
- Offensichtlich war diese etwas abseits stehende Hütte die einzige im ganzen Dorf, die bewacht wurde.
- Die Männer der Wachtruppe waren zwar mit automatischen Gewehren bewaffnet, schienen aber weder Soldaten noch Angehörige einer trainierten Einheit zu sein.
- Der gesamte Verkehr von und nach Nueva Esperanza lief über den Fluß. Straßenfahrzeuge waren nirgends zu entdecken. Für die Bootsmotoren waren offenbar keine Zündschlüssel nötig; das machte es einfacher, eins zu stehlen, falls man auf diesem Weg fliehen mußte. Andererseits gab es genügend Boote, mit denen man sie verfolgen konnte. Ken O'Hara, der sich mit Booten auskannte, zeigte Partridge die besten.
- Alle Beobachter waren übereinstimmend der Meinung, daß die Leute im Dorf alle sehr entspannt wirkten, so als würden sie keinen Angriff von außen erwarten. »Denn sonst«, bemerkte Fernandez, »würden sie Patrouillen ausschicken, um die ganze Gegend nach Leuten wie uns abzusuchen.«
Bei Sonnenuntergang rief Partridge die anderen zusammen. »Wir haben lange genug zugesehen«, sagte er. »Heute nacht gehen wir runter.«
Er deutete mit dem Kopf auf Pabur. »Fernandez wird uns führen. Ich will um 2 Uhr bei der Hütte sein. Jeder muß sich absolut still verhalten. Wenn es etwas zu besprechen gibt, wird nur geflüstert!«
»Gibt es eine Schlachtordnung, Harry?« fragte Minh.
»Ja«, antwortete Partridge. »Ich werde mich anschleichen und versuchen, in die Hütte hineinzuspähen, und dann als erster eindringen. Minh, du kommst direkt hinter mir, als Rückendeckung. Fernandez wird zurückbleiben und die anderen Häuser beobachten, aber sofort zu uns stoßen, wenn wir Hilfe brauchen.«
Dann wandte sich Partridge an O'Hara: »Ken, du gehst direkt zum Landungssteg. Ich habe beschlossen, mit einem Boot zu fliehen. Wir wissen nicht, in welchem Zustand Jessica und Nicky sind, vielleicht schaffen sie den Rückweg zu Fuß nicht.«
»Verstanden«, erwiderte O'Hara. »Ich schnappe mir ein Boot.«
»Ja, und wenn's geht, machst du ein paar andere unbrauchbar, aber vergiß nicht - kein Lärm!«
»Es gibt aber Lärm, wenn wir den Motor anlassen.«
»Nein«, sagte Partridge. »Wir rudern in die Mitte des Flusses und lassen uns dann stromabwärts treiben. Gott sei Dank ist das unsere Richtung. Den Motor lassen wir erst an, wenn wir außer Hörweite sind.«
Noch während er sprach, merkte Partridge, daß er wie selbstverständlich davon ausging, alles würde gutgehen. Wenn nicht, mußten sie improvisieren, so gut es eben ging, und dazu gehörte auch der Waffeneinsatz.
Fernandez fiel das für den nächsten Morgen um 8 Uhr geplante Zusammentreffen mit der Cheyenne II von Aerolibertad ein, und er fragte: »Welche Landepiste ist unser Ziel - Sion oder die andere?«
»Das werde ich erst entscheiden, wenn wir im Boot sind. Es hängt davon ab, wie alles läuft und wieviel Zeit uns bleibt.«
In der Zwischenzeit sei noch einiges zu tun, schloß Partridge. Die Waffen mußten überprüft und nicht mehr benötigte Ausrüstung aussortiert werden, damit sie sich so frei und so unbehindert wie möglich bewegen konnten.
Und plötzlich packte eine Mischung aus Erregung und Angst die vier Männer.
15
Nach der Rückkehr vom Flughafen am Samstagmorgen warteten auf Rita Abrams zwei Überraschungen.
Die eine war - und damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet -, daß Crawford Sloane nach Lima kommen würde. In der CBA-Kabine bei Entel Peru fand sie die Mitteilung, daß Sloane am frühen Morgen eintreffen sollte. Vielleicht war er sogar schon da. Sie rief deshalb im Cesar's Hotel an, wo, so die Mitteilung, für ihn ein Zimmer reserviert war. Da Crawf offenbar noch nicht angekommen war, hinterließ Rita ihm eine Nachricht mit der Bitte, sie anzurufen.
Die zweite und noch größere Überraschung war das Telefax, das Les Chippingham am Abend zuvor an Harry Partridge abgeschickt hatte. Die Anweisung, daß der Brief in einen mit der Aufschrift »Persönlich« versehenen Umschlag zu stecken sei, war offensichtlich übersehen worden, denn er landete offen und zusammen mit der anderen Post in der CBA-Kabine, wo ihn jeder lesen konnte. Rita tat es und konnte nicht glauben, was sie da las.
Harry war gefeuert, CBA hatte ihn entlassen! »Mit sofortiger Wirkung«, stand in dem Brief, und er müsse Peru »am besten« schon am Samstag - also heute! -, »spätestens« aber am Sonntag verlassen. Falls kein Linienflug in die Vereinigten Staaten verfügbar sei, habe er die Erlaubnis, ein Privatflugzeug zu chartern. Wie großzügig!