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Und Zileri beendete den Satz für ihn. »...ob beim Rücktransport vielleicht noch Platz ist für Sie und Miss Abrams?«

»Ja.«

»Das geht schon in Ordnung. Da einer der erwarteten Passagiere ihr kleiner Sohn ist und es kein Gepäck gibt, ist das Gewicht kein Problem. Sie müssen morgen vor Sonnenaufgang hier sein - und am Tag darauf ebenfalls, falls das noch nötig sein wird.«

»Wir werden hier sein«, sagte Rita und wandte sich dann an Sloane. »Harry war nicht sehr optimistisch, daß er es gleich am ersten Tag schaffen würde. Der Flug morgen ist eher eine Vorsichtsmaßnahme, falls sie ihn brauchen. Er hielt den zweiten Tag von vorneherein für wahrscheinlicher.«

Es gab noch eine Sache, die Rita am Herzen lag. Ohne Crawf etwas davon zu sagen, faxte sie eine Nachricht an Les Chippingham, die am Montagmorgen auf ihn warten würde. Mit voller Absicht schickte sie die Nachricht an eins der Geräte am Hufeisen und nicht ins Büro des Chefs von CBA News. Auf diese Weise würde Chippingham das Schreiben nicht geheimhalten können, und jeder würde die Mitteilung lesen -wie es bei Chippinghams Entlassungsschreiben an Harry Partridge der Fall gewesen war, als es bei Entel Peru eintraf.

Als Adreßkopf schrieb Rita:

L. W. Chippingham, President, CBA News Kopien an alle Infotafeln.

Sie wußte natürlich, daß ihr Brief auf keiner einzigen Infotafel auftauchen würde. Aber es war ein Signal für die Kollegen am Hufeisen, daß sie seine Weiterverbreitung wünschte. Irgend jemand würde ihn kopieren und weiterreichen, er würde die Runde machen.

Ihre Nachricht lautete:

Du gemeiner, egoistischer, feiger Hundesohn! Harry Partridge auf eine Art zu feuern, wie du es getan hast - ohne Grund, Vorwarnung oder Erklärung -, nur um deiner Busenfreundin, diesem Eisberg Lloyd-Mason, einen Gefallen zu tun, ist ein Verrat an allem, was bei CBA Fairneß und Anstand bedeutet.

Harry wird aus dieser Sache hervorgehen mit einem Duft von Chanel No. 5. Du stinkst jetzt bereits wie die Kanalratte, die du bist.

Wie ich mich je dazu herablassen konnte, mit dir regelmäßig ins Bett zu gehen, ist mir heute unbegreiflich. Aber das war einmal! Und auch wenn du den letzten steifen Schwanz auf der ganzen Welt hättest, würde ich dich nicht an mich ranlassen.

Und falls du glaubst, daß ich weiterhin für dich arbeite - pfui Teufel!

In tiefer Trauer über das, was du einmal warst, im Vergleich zu dem, was aus dir geworden ist,

Deine Ex-Freundin, Ex-Bewunderin, Ex-Geliebte, Ex-Produzentin,

Rita Abrams

Rita war sich natürlich bewußt, daß nach diesem Brief Harry nicht der einzige sein würde, der sich nach einer neuen Beschäftigung umsehen mußte. Aber es war ihr gleichgültig. Sie fühlte sich viel besser, als sie den Brief in die Maschine einlegte und dabei wußte, daß er einen Augenblick später in New York sein würde.

16

Es war 2 Uhr 10 in Nueva Esperanza.

Schon seit einigen Stunden warf sich Jessica unruhig hin und her, immer wieder schlief sie kurz ein und schreckte wieder hoch, manchmal träumte sie auch, und dann wurden die Träume zu Alpträumen, die sich mit der Wirklichkeit vermischten.

Vor wenigen Augenblicken war Jessica aufgewacht und hatte geglaubt, in der vom Inneren der Hütte her schwach erhellten Fensteröffnung an der gegenüberliegenden Wand Harry Partridges Gesicht zu sehen. Dann war es so plötzlich wieder verschwunden, wie es aufgetaucht war. War sie wach oder träumte sie? Oder halluzinierte sie sogar?

Jessica schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen, doch das Gesicht erschien wieder, ganz langsam tauchte es von unten her im Fensterquadrat auf, und diesmal verschwand es nicht wieder. Eine Hand machte ein Zeichen, das sie nicht verstand, und sie konzentrierte sich wieder auf das Gesicht. War es möglich? Ihr Herz machte einen Satz bei dem Gedanken: Ja, es war möglich. Da draußen war Harry Partridge.

Der Mund formte schweigend Worte, die Lippenbewegungen waren übertrieben, so als wollte er ihr stumm etwas mitteilen. Sie konzentrierte sich und glaubte schließlich die Worte >die Wache< zu verstehen. Das war es: Wo ist die Wache?

Vincente hatte zu diesem Zeitpunkt Dienst. Vor einer Stunde hatte er Ramon abgelöst - offensichtlich viel zu spät, denn zwischen den beiden war es zu einem heftigen Streit gekommen. Ramon hatte ihn wütend angeschrien. Vincente hatte betrunken geklungen, als er zurückbrüllte, er hatte gelallt. Jessica kümmerte sich nicht um den Streit, sie war nur froh, als Ramon endlich ging, denn er war gemein und unberechenbar und beharrte noch immer auf absolutem Schweigen zwischen den Gefangenen, das inzwischen keine der anderen Wachen mehr verlangte.

Als Jessica zur Seite blickte, sah sie Vincente. Der Stuhl, auf dem er saß und den alle Wachen benutzten, stand so, daß er vom Fenster aus nicht gesehen werden konnte. Jessica war sich zwar nicht ganz sicher, aber es sah so aus, als hätte er die Augen geschlossen. Seine Waffe lehnte neben ihm an der Wand. Von einem Balken in der Nähe hing eine Kerosinlampe, in deren Schein sie das Gesicht im Fenster gesehen hatte.

Vorsichtig, damit Vincente nichts merkte, falls er plötzlich aufwachte, deutete sie mit dem Kopf in seine Richtung.

Das Gesicht am Fenster - Jessica konnte noch immer nicht so recht glauben, daß es wirklich Harry Partridge war - reagierte sofort mit einer zweiten stummen Frage. Wieder konzentrierte sie sich. Nach dem dritten Mal verstand sie: Ruf ihn!

Jessica nickte leicht, um anzudeuten, daß sie verstanden hatte. Ihr Herz raste beim Anblick Harrys. Denn das konnte nur heißen, daß die Rettung, auf die sie so lange gehofft hatten, nun unmittelbar bevorstand. Aber gleichzeitig wußte sie auch, daß das erst der Anfang war, daß ihnen noch große Schwierigkeiten bevorstanden.

»Vincente!« Sie rief gerade so laut, wie sie es für notwendig hielt, aber es reichte nicht, um ihn zu wecken. Sie versuchte es ein wenig kräftiger. »Vincente!«

Diesmal bewegte er sich. Er öffnete die Augen und sah Jessica an. Sie winkte ihn zu sich.

Vincente stand langsam auf. Es sah aus, als müsse er sich erst orientieren, als versuche er, nüchtern zu werden. Schließlich stand er und machte einen Schritt auf sie zu, drehte sich dann aber schnell um und griff nach seiner Waffe. Er hielt sie so, daß er, falls nötig, sofort schießen konnte.

Jessica mußte sich nun schleunigst eine Ausrede einfallen lassen, und sie beschloß, Vincente mit Gesten zu bitten, sie zu Nicky zu lassen. Er würde die Bitte natürlich ablehnen, doch das war im Augenblick gleichgültig.

Sie hatte keine Ahnung, was Harry vorhatte. Während sie innerlich vor Angst und Nervosität bebte, wußte sie nur, daß der Augenblick gekommen war, vom dem sie geträumt und gleichzeitig befürchtet hatte, er würde nie eintreten.

Partridge kauerte vor dem Fenster und hielt seine Browning mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fest in der Hand. Bis jetzt war alles gelaufen wie geplant, doch er wußte, daß der schwierigste und wichtigste Teil der Aktion noch vor ihm lag.

Die nächsten Sekunden boten ihm nur wenige Handlungsmöglichkeiten, und er wußte, daß er sich blitzschnell entscheiden mußte. Wie es im Augenblick aussah, konnte er die Wache wahrscheinlich mit der Waffe in Schach halten und sie dann entweder fesseln und knebeln oder sie als Geisel mitnehmen. Er zog die erste Möglichkeit vor. Es gab natürlich noch einen dritten Weg - er konnte die Wache töten, doch das wollte er vermeiden.

Eins arbeitete zu seinen Gunsten: Jessica war erfinderisch und sehr reaktionsschnell - so, wie er sie kannte.

Er hörte sie zweimal rufen, dann leise Geräusche aus einer Ecke, die er nicht einsehen konnte, und schließlich Schritte, als die Wache auf Jessica zuging. Partridge hielt den Atem an, bereit, sich sofort zu ducken, falls der Mann in seine Richtung sah.