Выбрать главу

Die barsche Stimme Miguels, des Projektleiters, drang aus dem Hörer: »Welche Lieferscheinnummer?«

Julio, der Probleme mit Codes hatte, fluchte leise, während er in einem Notizbuch nach dem Schlüssel zur Entzifferung suchte. Wie alt ist die betreffende Person? stand dort.

Er sah Carlos fragend an. »Un viejo. Wie alt?«

Carlos nahm das Buch und las die Frage. »Sag ihm, Lieferscheinnummer fünfundsiebzig.«

Auf Julios Antwort folgte die nächste knappe Frage: »Irgendwas Besonderes an dem blauen Paket?«

Julio hatte genug von dem Code und antwortete unverschlüsselt: »Er hat einen Koffer dabei. Sieht aus, als wolle er länger bleiben.«

In einem verfallenen Haus südlich von Hackensack in New Jersey fluchte der Mann mit dem Codenamen Miguel leise über Julios Nachlässigkeit. Diese pendejos, mit denen er arbeiten mußte! Im Codebuch stand ein Satz, der seine Frage beantwortet hätte, und er hatte sie doch alle immer wieder gewarnt, daß bei Funktelefonen jeder mithören konnte. Abhörgeräte waren in vielen Geschäften erhältlich. Miguel hatte von einer Radiostation gehört, die sich rühmte, mit einem solchen Gerät mehrere Verbrechen vereitelt zu haben.

Estüpidos! Er konnte diesen Idioten, die man ihm da zugewiesen hatte, einfach nicht klarmachen, wie wichtig es war, vorsichtig, wachsam und auf der Hut zu sein, und zwar immer, nicht nur meistens. Schließlich hing der Erfolg der Mission und ihrer aller Leben und Freiheit davon ab.

Miguel selbst war schon immer fast zwanghaft vorsichtig gewesen. Und deshalb war er auch noch nie verhaftet worden, obwohl er von Interpol und den Behörden in Nord- und Südamerika und einigen europäischen Ländern auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher geführt wurde. In der westlichen Hemisphäre wurde ebenso intensiv nach ihm gefahndet wie in der östlichen nach seinem Terroristenkollegen Abu Nidal. Miguel gestattete sich deswegen einen gewissen Stolz, vergaß dabei jedoch nie, daß Stolz zu übergroßem Selbstvertrauen führen konnte, und auch davor war er auf der Hut.

Trotz seines langen terroristischen Vorlebens war Miguel noch immer ein junger Mann, erst Ende dreißig. Seine Erscheinung war eher unauffällig, er sah durchschnittlich gut aus, aber nicht mehr. Man konnte ihn für einen Bankangestellten oder im besten Fall für den Geschäftsführer einer kleinen Firma halten. Zum Teil kam das daher, daß er sich bewußt alle Mühe gab, unbedeutend zu wirken. Er war höflich zu Fremden, aber so unverbindlich, daß er keinen bleibenden Eindruck hinterließ; Leute, die ihn trafen und nicht wußten, wer er war, vergaßen ihn meist sofort wieder.

In der Vergangenheit war diese Unscheinbarkeit und auch die Tatsache, daß er nach außen hin keine Autorität ausstrahlte, sein großes Glück gewesen. Seine Befehlsgewalt blieb verborgen, außer für jene, über die er sie ausübte, doch die bekamen sie unmißverständlich zu spüren.

Bei dem gegenwärtigen Projekt war es für Miguel auch von Vorteil, daß er, obwohl Kolumbianer, in Auftreten und Sprache wie ein Amerikaner wirken konnte. Er hatte Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre in Berkeley Englisch studiert und sich in dieser Zeit mit viel Geduld eine akzentfreie Aussprache antrainiert.

Damals benutzte er noch seinen richtigen Namen, Ulises Rodriguez.

Seine wohlhabenden Eltern hatten ihm das Studium in Berkeley ermöglicht. Miguels Vater, ein Neurochirurg aus Bogota, hatte gehofft, sein einziger Sohn würde seinem Beispiel folgen, doch an Medizin hatte Miguel auch damals schon kein Interesse. Statt dessen sah er bereits Ende der siebziger Jahre bedeutende Veränderungen für Kolumbien voraus, die Umwandlung des damals noch aufstrebenden, demokratischen Landes mit einer soliden gesetzlichen Grundlage in ein gesetzloses, unglaublich reiches Gangsterparadies, in dem Grausamkeit und Angst diktatorisch regierten. Das, Pharaonengold des neuen Kolumbien war damals noch Marihuana, später sollte es Kokain werden.

Miguel schreckte diese bevorstehende Umwälzung nicht ab. Er hatte, ganz im Gegenteil, die feste Absicht, sich von diesem neuen Kuchen ein Stück abzuschneiden.

Unterdessen vertrieb er sich in Berkeley die Zeit und entdeckte dabei, daß er keinen Funken Gewissen besaß und Menschen schnell und entschlossen töten konnte, ohne Reue oder auch nur einen unangenehmen Nachgeschmack zu empfinden.

Das erste Mal passierte es nach einem sexuellen Abenteuer mit einer jungen Frau, die er beim Verlassen eines Busses kennengelernt hatte. Auf dem Weg von der Bushaltestelle kamen sie ins Gespräch und stellten fest, daß sie beide Studienanfänger waren. Sie schien ihn zu mögen und lud ihn in ihre Wohnung am schäbigeren Ende der Telegraph Avenue ein. Begegnungen dieser Art waren damals normal, die Angst vor AIDS gab es noch nicht.

Nach einem heftigen Bettabenteuer war Miguel eingeschlafen, und als er wieder aufwachte, sah er, wie das Mädchen seine Brieftasche durchsuchte. In ihr steckten verschiedene Ausweise mit fiktiven Namen, denn er übte schon damals für seine spätere Kriminellenkarriere. Das Mädchen interessierte sich mehr für die Papiere, als ihr guttat. Vielleicht war sie eine Informantin, doch das sollte er nie herausfinden.

Ohne lange zu zögern, sprang er aus dem Bett, packte und erwürgte sie. Noch viel später war ihm ihr ungläubiger Blick im Gedächtnis, während sie um sich schlug und sich loszureißen versuchte, und schließlich das stille, verzweifelte Flehen in ihren Augen, kurz bevor sie das Bewußtsein verlor. Mit klinisch distanziertem Interesse stellte er fest, daß das Töten ihm in keinster Weise Probleme machte.

Er blieb eiskalt, wägte seelenruhig seine Chancen ab und stellte fest, daß das Risiko, gefangen zu werden, gleich null war. Im Bus hatten die beiden nicht nebeneinander gesessen, sie hatten sich überhaupt noch nicht gekannt. Daß jemand sie auf dem Weg von der Bushaltestelle beobachtet hatte, war unwahrscheinlich. Beim Betreten des Hauses und im Aufzug zum vierten Stock war ihnen niemand begegnet.

In aller Ruhe wischte er mit einem Tuch die Stellen ab, auf denen er möglicherweise Fingerabdrücke hinterlassen hatte. Schließlich wickelte er sich ein Taschentuch um die Hand, löschte alle Lichter und verließ die Wohnung. Die Tür ließ er hinter sich ins Schloß fallen.

Er vermied den Aufzug und benutzte die Nottreppe. In der Eingangshalle sah er sich um, und als er merkte, daß sie menschenleer war, durchquerte er sie und verließ das Haus.

Am nächsten und an den folgenden Tagen suchte er in den Lokalzeitungen nach Berichten über das tote Mädchen. Doch es dauerte fast eine Woche, bis die bereits teilweise verweste Leiche gefunden wurde, und als es in den folgenden zwei oder drei Tagen keine neuen Entwicklungen und offensichtlich auch keine weiterführenden Hinweise gab, verloren die Zeitungen das Interesse an der Geschichte.

Soweit überhaupt Ermittlungen angestellt worden waren, hatten sie ihn nicht in Verbindung mit dem Mord an dem Mädchen gebracht.

Während seiner Zeit in Berkeley tötete Miguel noch zweimal - in San Francisco, auf der anderen Seite der Bucht. Beide Opfer waren Fremde. Er mordete nur des Nervenkitzels wegen und weil er darin eine gute Übung sah, um seinen sich entwickelnden Fähigkeiten als Söldner den letzten Schliff zu geben. Das war ihm offensichtlich gut gelungen, den in keinem der Fälle wurde er verdächtigt oder auch nur von der Polizei verhört.

Von Berkeley nach Kolumbien zurückgekehrt, suchte Miguel Anschluß an die eben entstehende Allianz der Drogenkönige. Er hatte einen Pilotenschein und flog mehrmals Kokapaste von Peru zur Weiterverarbeitung nach Kolumbien. Durch die Freundschaft mit der berüchtigten aber einflußreichen Familie Ochoa wurden ihm jedoch bald andere Türen geöffnet. Schließlich kam die M-19 mit ihren Mordorgien. Miguel war an allen großen und vielen kleineren Blutbädern beteiligt, und schon bald konnte er die Leichen, die er hinterließ, nicht mehr zählen. Allmählich wurde sein Name international bekannt, doch dank seiner fast pedantischen Vorsicht gab es sonst kaum Informationen über ihn.