Er folgte dem Mädchen und nahm dem Anruf in seinem Büro entgegen.
»Mr. Sloane, hier spricht Detective York. Ich bin bei Ihnen zu Hause und habe leider eine... «
»Ich hab' es eben gehört. Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«
»Es ist leider nicht sehr viel, Sir. Wir wissen, daß Ihre Frau, Ihr Sohn und Ihr Vater den Grand Union Supermarkt vor fünfzig Minuten verlassen haben. Zeugenaussagen zufolge wurden sie in dem Geschäft von einem Mann angesprochen... «
Der Beamte wiederholte die ganze Geschichte bis zu der offensichtlich erzwungenen Abfahrt der drei in dem Nissan Kleinbus. Dann fügte er hinzu: »Wir haben eben erfahren, daß Sonderagenten des FBI bereits auf dem Weg hierher und auch zu Ihnen sind. Ich habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß man sich Sorgen um Ihre Sicherheit macht. Sie werden Schutz erhalten, aber bis zum Eintreffen der Beamten sollten Sie das Gebäude, in dem Sie sich aufhalten, nicht verlassen.«
In Sloanes Kopf drehte sich alles, die Sorge um seine Familie fraß ihn fast auf. »Gibt es schon einen Verdacht, wer dahinterstecken könnte?« fragte er ängstlich.
»Nein, Sir. Es ist alles sehr plötzlich passiert. Wir tappen noch im Dunkeln.«
»Wie viele Leute wissen bereits von dieser - von dem, was passiert ist?«
»Soweit ich weiß, nur wenige«, antwortete der Beamte und fügte hinzu: »Je länger das so bleibt, um so besser.«
»Warum?«
»Bei einer Entführung, Mr. Sloane, kann Publicity sehr schädlich sein. Wir werden vielleicht schon bald von den Entführern hören. Sie werden vermutlich versuchen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Dann werden wir, oder genauer das FBI, mit ihnen die Verhandlungen beginnen. Die ganze Welt als Zuschauer können wir dabei nicht brauchen. Und die Entführer auch nicht, weil... «
Sloane unterbrach ihn. »Detective, ich werde später mit Ihnen reden. Im Augenblick habe ich etwas sehr Wichtiges zu erledigen.«
Sloane hatte die aufkommende Hektik am Hufeisen bemerkt, und da er wußte, was sie bedeutete, wollte er ein vorschnelles Handeln verhindern. Er stürzte aus seinem Büro und rief: »Wo ist Les Chippingham?«
»Im Redaktionssaal«, erwiderte ein Chefproduzent. Dann fügte er mitfühlend hinzu: »Crawf, es tut uns allen furchtbar leid, aber ich fürchte, wir gehen auf Sendung.«
Sloane hörte es kaum noch. Er lief zur Treppe und sprang schnell hinunter. Im Redaktionssaal sah er Chippingham im Gespräch mit einigen anderen am Tisch des Inlandschefs stehen. Les fragte eben: »Können wir diesem Informanten in Larchmont trauen?«
Ernie LaSalle antwortete: »WCBA sagt, er ist ein netter alter Kerl, der seit Jahren für sie arbeitet - solide und verläßlich.«
»Dann sollten wir das bringen, was wir haben.«
Sloane sprang dazwischen. »Nein, nein, nein! Les, tu's nicht. Wir brauchen mehr Zeit. Von der Polizei habe ich eben erfahren, daß sie auf eine Kontaktaufnahme der Entführer warten. Publicity könnte meiner Familie schaden.«
»Crawf, wir wissen alle, was du durchmachst«, entgegnete LaSalle. »Aber das ist eine heiße Story, und andere haben sie auch. Die halten sie bestimmt nicht zurück. WNBC...«
Sloane schüttelte den Kopf. »Und ich sage nein!« Er sah Les Chippingham direkt in die Augen. »Les, ich flehe dich an -verschieb es!«
Ein peinliches Schweigen folgte. Jeder wußte, daß Sloane unter anderen Umständen der erste wäre, der vorwärts drängte. Aber keiner hatte den Mut, ihm zu sagen: Crawf, du denkst nicht logisch.
Chippingham sah auf die Uhr im Redaktionssaaclass="underline" 11 Uhr 54.
LaSalle hatte den Anruf von Insen übernommen. »Chuck sagt, sie sind so weit«, berichtete er. »Er will wissen, ob wir jetzt das Programm unterbrechen oder nicht.«
»Sag ihm, ich bin noch bei der Entscheidung«, erwiderte Chippingham. Sollen sie bis Mittag warten, überlegte er. Auf den Kontrollmonitoren, die von der Decke hingen, konnte er das laufende Programm aller großen Sender sehen. Bei CBA lief eben eine populäre Seifenoper, gleich im Anschluß folgte die Werbung. Eine Unterbrechung zu diesem Zeitpunkt wäre eine teure Angelegenheit. Machten diese knappen sechs Minuten wirklich so viel aus?
In diesem Augenblick piepsten mehrere Computer im Redaktionssaal laut auf. Ein leuchtendes »B« erschien auf den Bildschirmen - das Signal für eine dringende Pressemeldung. Jemand las die Meldung ab und rief: »AP hat die Entführungsgeschichte.«
Auf dem Tisch des Inlandschefs klingelte ein weiteres Telefon. LaSalle hob ab, hörte zu und sagte dann leise: »Vielen Dank für die Mitteilung.« Er legte auf und wandte sich an Chippingham: »Das war NBC. Sie wollten uns nur anstandshalber mitteilen, daß sie die Geschichte haben und sie in der Mittagsausgabe bringen.«
Die Uhr zeigte fünfzehn Sekunden vor 11 Uhr 55.
Kurz entschlossen sagte Chippingham: »Wir bringen es sofort.« Und zu LaSalle: »Sag Chuck, er soll das Programm unterbrechen.«
17
In der Zentrale von CBA News, in einem kleinen, schmucklosen Raum zwei Stockwerke unter der Erde, saßen zwei Techniker vor einem komplexen Schaltsystem mit Tausenden farbiger Lichter und Anzeigen, mit Computerterminals und Fernsehmonitoren. Zwei Seiten des Zimmers hatten Glaswände, durch die Neugierige, falls sie zufällig die tristen Korridore entlangkamen, hineinsehen konnten. Dieser Raum war die Kontrollzentrale für alle Abteilungen des Senders, die technische Kommandoleitstelle von CBA.
Von hier aus wurde das gesamte Programm gesteuert -Unterhaltungssendungen, Nachrichten, Sportberichte, Dokumentationen, Präsidentenansprachen und der Klatsch vom Capitol Hill, Liveberichte, Aufzeichnungen und die Werbung. Verglichen mit seiner Bedeutung als elektronisches Herz des Senders waren Lage und Aussehen des Raums erstaunlich unscheinbar.
In der Kontrollzentrale verlief jeder Tag routinegemäß nach einem genau abgestimmten Plan, der die vierundzwanzigstündige Sendezeit in Minuten - manchmal sogar nur sekundenlange Einheiten unterteilte. Normalerweise wurde der Ablauf von Computern gesteuert. Die Techniker hatten lediglich Überwachungsfunktion und griffen nur ein, wenn unerwartete Ereignisse eine Unterbrechung des regulären Programms notwendig machten.
Eine solche Unterbrechung stand nun bevor.
Wenige Augenblicke zuvor hatte sich Chuck Insen über Direktleitung aus dem Regieraum der Nachrichtenabteilung gemeldet und angekündigt: »Wir haben eine Sondermeldung.
Unterbrecht das Programm. Wir gehen auf Sendung - und zwar sofort!«
Noch während Insen sprach, erschien auf einem Bildschirm in der Kontrollzentrale das Dia »CBA SONDERMELDUNG«.
Der Techniker, der den Anruf entgegengenommen hatte, war ein erfahrener Mann und wußte, daß die Anordnung »sofort« genau dies meinte. Ohne dieses Wort hätte er bei Sendungen, die maximal noch eineinhalb Minuten liefen, und auch einem Werbespot bis zum Ende abgewartet und erst dann das Programm unterbrochen.
Doch »sofort« bedeutete ohne Verzögerung, ohne Aufschub. Im Augenblick lief ein einminütiger Werbespot, der noch dreißig Sekunden Sendung hatte. Der Operator legte einen Schalter um und warf damit den Spot aus dem Programm, eine einfache Handbewegung, die CBA etwa 25000 Dollar kostete. Mit einem zweiten Schalter speiste er das »SONDERMELDUNG«-Dia in die Ausstrahlung ein. Im gleichen Augenblick erschienen die leuchtendroten Buchstaben auf den Bildschirmen von über zwölf Millionen Fernsehern.
Der Operator sah auf die Digitaluhr an seinem Steuerpult: Präzise fünf Sekunden lang hielt er den Tonkanal geschlossen, um angeschlossenen Stationen, die nicht das CBA-Programm gesendet hatten, Zeit zu geben, ihr Lokalprogramm zu unterbrechen und die Sondermeldung aufzunehmen. Die meisten taten es auch.