Er ging zu Chuck Insens Büro, fand es aber leer. Ein Senior Producer rief ihm vom Hufeisen zu: »Hi, Harry! Chuck ist bei der Pressekonferenz, die für Crawf angesetzt wurde. Die ganze Sache wird aufgenommen. Du kannst dir das Band nachher ansehen.«
Während Partridge auf das Hufeisen zuging, fügte der Producer hinzu: »Übrigens, falls du es noch nicht weißt, Crawf setzt heute abend aus. Du wirst die Nachrichten moderieren.«
4
Im Hauptquartier der Medellin-Bande in Hackensack ließ Miguel den ganzen Abend das Radio laufen. Abwechselnd mit einigen anderen sah er sich auch auf einem tragbaren Fernseher die Nachrichten der verschiedenen Sender an, die alle über die Entführung der Sloanes berichteten.
Trotz des immensen Interesses und der ausufernden Spekulationen wurde deutlich, daß man über Identität oder Motive der Entführer noch nichts wußte. Die Behörden hatten auch keine Ahnung, welchen Fluchtweg die Entführer genommen hatten und in welcher Gegend sie sich mit ihren Opfern versteckt hielten. Einige der Berichte deuteten an, daß sie bereits viele Meilen von New York entfernt sein könnten. In anderen war zu erfahren, daß verdächtige Fahrzeuge bei Straßensperren in so entfernten Gegenden wie Ohio, Virginia und an der kanadischen Grenze aufgehalten worden waren. Einige Verbrecher waren verhaftet worden, doch keiner stand in Verbindung mit der Entführung.
Beschreibungen des Nissan Kleinbusses, den man als Tatfahrzeug vermutete, wurden auch weiterhin verbreitet. Das bedeutete, daß der Bus, den Carlos in White Plains abgestellt hatte, noch nicht gefunden worden war. Carlos war schon vor Stunden wohlbehalten in Hackensack angekommen.
Miguel und die anderen empfanden bei diesen Neuigkeiten eine gewisse Erleichterung, obwohl sie natürlich wußten, daß die Polizei in ganz Nordamerika sie suchte und sie nur vorläufig in Sicherheit waren. Weil noch immer Gefahr in der Luft lag, hatte Miguel einen Wachplan ausgearbeitet. Im Augenblick patrouillierten Luis und Julio mit Beretta Maschinenpistolen vor dem Haus, wobei sie versuchten, sich im Schatten des Haupthauses und der Nebengebäude zu verstecken.
Miguel wußte, wenn ihr Versteck entdeckt wurde und die Polizei mit großer Mannschaft anrückte, dann hätten sie nur geringe Chancen zu entkommen. Es gab eindeutige Anweisungen für diesen Falclass="underline" Keines der Entführungsopfer durfte der Polizei lebend in die Hände fallen. Nur traf der Befehl jetzt auf drei statt auf zwei Opfer zu.
Von den unterschiedlichen Nachrichtensendungen interessierte Miguel die National Evening News von CBA am meisten. Er stellte amüsiert fest, daß Crawford Sloane an diesem Abend nicht in seinem Moderatorensessel saß; ein Mann namens Partridge hatte seinen Platz eingenommen. Miguel erinnerte sich verschwommen daran, ihn schon einmal gesehen zu haben. Sloane wurde dafür während der Sendung interviewt und bei der zuvor aufgezeichneten Pressekonferenz gezeigt.
Die Pressekonferenz war gut besucht. Reporter von den Printmedien, von Fernsehen und Rundfunk drängten sich mit ihren Kamera- und Tonteams in dem dafür vorgesehenen Saal in einem anderen Gebäude von CBA, nur wenige Blocks von der Nachrichtenzentrale entfernt. Auf einer Bühne waren hastig Klappstühle aufgestellt worden, die jedoch für die Anwesenden bei weitem nicht ausreichten.
Eine formelle Vorstellung war unnötig, und Crawford Sloane begann sofort mit einer kurzen Erklärung. Er sprach von seinem Entsetzen und seiner Sorge und flehte dann die Medien und die Öffentlichkeit an, mit Informationen zur Lösung dieses Falles beizutragen. Er gab bekannt, daß man bei CBA extra zu diesem Zweck eine Telefonzentrale mit Freileitungen eingerichtet habe.
»Sie werden sich vor Spinneranrufen nicht mehr retten können.«
»Das müssen wir riskieren«, erwiderte Sloane. »Was wir brauchen, sind einige wenige Schlüsselinformationen. Und irgendwo gibt es bestimmt irgend jemand, der sie uns liefern kann.«
Zweimal während seiner Erklärung mußte Sloane innehalten, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Und jedesmal gab es im Saal ein mitfühlendes Schweigen. Ein Reporter der Los Angeles Times beschrieb ihn tags darauf als »würdevoll und beeindruckend trotz der entsetzlichen Umstände«.
Sloane gab bekannt, daß er auch Fragen beantworten wolle.
Zunächst waren die Fragen ebenfalls sehr mitfühlend. Doch mit der Zeit wurden sie unweigerlich härter.
Ein Reporterin von Associated Press wollte wissen: »Halten Sie es für möglich, daß Ihre Familie, wie einige vermuten, von ausländischen Terroristen entführt wurde?«
Sloane schüttelte den Kopf. »Es ist noch zu früh, um überhaupt an so etwas zu denken.«
AP ließ nicht locker. »Sie weichen der Frage aus. Ich fragte, ob Sie es für möglich halten.«
»Ich nehme an, daß es möglich ist«, gestand Sloane ein.
Der Reporter eines lokalen Fernsehsenders stellte die abgedroschene, aber unausweichliche Frage: »Wie fühlen Sie sich dabei?«
Ein anderer stöhnte auf, und Sloane hätte am liebsten geantwortet: Wie zum Teufel würdest du dich denn fühlen? Statt dessen antwortete er: »Ich hoffe natürlich, daß es nicht stimmt.«
Ein grauhaariger ehemaliger CBA-Korrespondent, der nun für CNN arbeitete, hielt ein Exemplar von Sloanes Buch hoch. »Sind Sie auch weiterhin der Meinung, wie Sie hier geschrieben haben, daß >Geiseln im Notfall zu opfern sindc, und sind Sie noch immer dagegen, Lösegeld zu zahlen, >ob nun auf direktem oder indirektem Wege, wie Sie es nennen?«
Sloane hatte diese Frage erwartet und antwortete: »Ich glaube nicht, daß jemand, der so direkt betroffen ist wie ich, sich darüber in diesem Augenblick objektiv äußern kann.«
»Also kommen Sie, Crawf«, fuhr der CNN-Mann beharrlich fort. »Wenn Sie hier an meiner Stelle stehen würden, würden Sie das von niemandem als Antwort akzeptieren. Ich will die Frage umformulieren: Bedauern Sie, diese Worte geschrieben zu haben?«
»In diesem Augenblick«, erwiderte Sloane, »muß ich gestehen, daß es mir lieber wäre, wenn sie nicht gegen mich verwendet würden.«
»Sie werden nicht gegen Sie verwendet, aber Sie weichen immer noch aus.«
Die Reporterin eines Nachrichtenmagazins von ABC hob ihre penetrante Stimme: »Sie sind sich doch sicher bewußt, daß Ihre Forderung, amerikanische Geiseln seien im Notfall zu opfern, bei Familien, deren Angehörige noch immer im Mittleren Osten gefangengehalten werden, große Angst und Bestürzung ausgelöst hat. Haben Sie mit diesen Familien jetzt mehr Mitleid?«
»Ich hatte immer Mitleid«, antwortete Sloane, »aber nun verstehe ich vermutlich die Angst dieser Familien besser.«
»Wollen Sie damit sagen, daß das, was Sie geschrieben haben, falsch war?«
»Nein«, erwiderte er leise. »Das will ich damit nicht sagen.«
»Wenn also Lösegeld verlangt wird, werden Sie sich beharrlich weigern?«
Er hob in einer hilflosen Geste die Hand. »Sie verlangen von mir, über etwas Spekulationen anzustellen, das noch gar nicht eingetroffen ist. Das werde ich nicht tun.«
Sloane gefiel diese Art der Befragung zwar nicht, mußte sich aber eingestehen, daß er selbst schon bei Pressekonferenzen als Fragesteller mit ähnlich harten Bandagen gekämpft hatte.
Von Newsday kam nun eine etwas weniger brisante Frage:
»Von Ihrem Sohn Nicholas wissen wir nicht viel, Mr. Sloane.«
»Weil wir die Privatsphäre unserer Familie schützen wollten. Meine Frau besteht darauf.«
»Diese Privatsphäre existiert aber nun nicht mehr«, fuhr der Reporter fort. »Ich habe gehört, Nicholas sei ein begabter Musiker, der vielleicht eines Tages Konzertpianist wird. Stimmt das?«
Sloane wußte, daß Jessica unter anderen Umständen diese Frage zurückgewiesen hätte. Aber in diesem Augenblick sah er keine Möglichkeit, sie nicht zu beantworten.