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»Unser Sohn liebt die Musik, schon von frühester Kindheit an, und seine Lehrer sagen, daß er für sein Alter sehr fortgeschritten sei. Ob er aber Konzertpianist oder irgend etwas anderes wird, muß die Zukunft zeigen.«

Als nach einer Zeit dann die Fragen immer spärlicher kamen, trat Leslie Chippingham vor und erklärte die Konferenz für beendet.

Sloane wurde sofort umringt von Leuten, die ihm die Hand schütteln und ihm alles Gute wünschen wollten. Doch sobald es ging, machte er sich davon.

Nachdem Miguel alles gesehen hatte, was ihn interessierte, schaltete er den Fernseher ab und dachte über das, was er soeben erfahren hatte, nach.

Weder das Medellin-Kartell noch der Sendero Luminoso standen im Verdacht, mit der Entführung zu tun zu haben. Im Augenblick war das sehr nützlich. Ähnlich nützlich war die Tatsache, daß weder von ihm noch von den sechs anderen Entführern Beschreibungen existierten. Denn wenn die Behörden welche erhalten hätten, wären sie mit Sicherheit bereits im Umlauf.

Bei diesem Stand der Dinge, so überlegte sich Miguel, konnte er an das, was er als nächstes vorhatte, etwas ruhiger herangehen.

Er brauchte mehr Geld, und um es zu bekommen, mußte er noch heute abend telefonieren und für den nächsten Morgen ein Treffen in oder in der Nähe der Vereinten Nationen verabreden.

Von Anfang an war es ein Problem gewesen, genügend Geld in die Vereinigten Staaten zu schleusen. In Peru hatte Sendero Luminoso, der die Operation finanzierte, genug Geld. Die Schwierigkeit lag in der Umgehung der peruanischen Devisengesetze und dem Transfer von US-Dollars nach New York, der natürlich heimlich, ohne daß Quelle, Transferweg und Bestimmungsort bekannt wurden, vor sich gehen mußte.

Man hatte es sehr geschickt angestellt und sich dabei der Hilfe eines revolutionären Symphatisanten, eines Verbündeten des Sendero an einflußreicher Stelle im peruanischen Bankensystem, bedient. Dessen Komplize in New York war ein peruanischer Diplomat, ein ranghoher Mitarbeiter des peruanischen Gesandten bei den Vereinten Nationen.

Insgesamt waren 750000 Dollar vom Medellin-Kartell und vom Sendero Luminoso bereitgestellt worden. Das Geld wurde verwendet für den Sold, die Reisekosten und den Lebensunterhalt der am Unternehmen Beteiligten, für die Anmietung eines geheimen Hauptquartiers, den Kauf der sechs Fahrzeuge und der Särge, für Zahlungen an gewisse Leute in Little Columbia in Queens, die für Unterstützung und Waffen gesorgt hatten, für Provisionen, die in Peru und New York beim Geldtransfer anfielen, und für die Bestechung einer amerikanischen Bankmanagerin. Darin eingeschlossen waren auch die Kosten für die Anmietung einer Privatmaschine, in der die Gefangenen aus den Vereinigten Staaten nach Peru gebracht werden sollten.

Fast das gesamte Geld, das bis jetzt in New York ausgegeben worden war, hatte Miguel von seinem Verbindungsmann bei den Vereinten Nationen in bar erhalten.

Der Transfer lief folgendermaßen ab: Der Banker in Lima tauschte aus dem Betrag, den man ihm anvertraut hatte, jeweils 50000 Dollar heimlich um. Das Geld überwies er an eine Bank an der Dag Hammarskjöld Plaza in der Nähe der Vereinten Nationen, wo es auf einem Sonderkonto der peruanischen UNDelegation deponiert wurde. Von der Existenz dieses Sonderkontos wußten nur Jose Antonio Salaverry, eben jener vertrauenswürdige Assistent des Gesandten, der die Befugnis hatte, Schecks auszustellen, und die stellvertretende Direktorin der Bank, Helga Efferen. Die Frau kümmerte sich persönlich um das Konto.

Jose Antonio Salaverry war ebenfalls ein heimlicher Sympathisant von Sendero Luminoso, was ihn jedoch nicht daran hinderte, für den Geldtransfer Provision zu verlangen. Helga schlief regelmäßig mit dem doppelzüngigen Salaverry, und beide kultivierten, um mit dem betuchten Diplomatenvölkchen um die Vereinten Nationen mithalten zu können, einen Lebensstil, der ihre Mittel überstieg. Aus diesem Grund war ihnen das Geld, das sie mit ihren heimlichen Transaktionen verdienten, sehr willkommen.

Sooft Miguel Geld brauchte, rief er Salaverry an und nannte den Betrag. Man verabredete sich für den nächsten oder übernächsten Tag, für gewöhnlich an einem Treffpunkt im Gebäude der Vereinten Nationen, manchmal auch woanders. Salaverry brachte das Geld in einem Aktenkoffer, mit dem Miguel anschließend wegging.

Nur eins machte Miguel Sorgen. Bei einer Gelegenheit hatte Salaverry angedeutet, daß er zwar nicht genau wisse, wofür das Geld verwendet werde, und daß er auch das Versteck der Medellin-Gruppe nicht kenne, aber immerhin gewisse Vorstellungen von ihren Operationen habe. Das mußte bedeuten, daß es in Peru eine undichte Stelle gab. Miguel konnte im Augenblick nichts dagegen tun, doch er war bei seinen Kontakten mit Jose Antonio Salaverry immer auf der Hut.

Miguel warf einen flüchtigen Blick auf das Funktelefon neben sich. Einen Moment lang war er in Versuchung, es zu benutzen, doch er wußte, daß er das nicht durfte, sondern von draußen telefonieren mußte. In einem Cafe in der Nachbarschaft gab es einen Münzfernsprecher, den er schon öfters benutzt hatte. Er sah auf die Uhr: 19 Uhr 30. Wenn Miguel Glück hatte, war Salaverry bereits in seiner Wohnung in Zentrum von Manhattan.

Miguel zog einen Mantel an und verließ schnell das Haus. Er sah sich um, ob er in der Umgebung ungewöhnliche Aktivität entdeckte. Doch da war nichts.

Unterwegs fiel Miguel die Pressekonferenz mit Crawford Sloane wieder ein. Er war aufmerksam geworden, als ein von Sloane verfaßtes Buch erwähnt wurde. Offensichtlich hatte er darin die Forderungen aufgestellt, daß nie Lösegeld gezahlt werden dürfe und daß »Geiseln zur Not zu opfern« seien. Miguel hatte das Buch nicht gekannt, und er war sich sicher, daß man es im Medellin-Kartell oder bei Sendero Luminoso ebensowenig kannte. Aber er bezweifelte, daß das Wissen um die Existenz des Buches die Entscheidung, die Sloanes zu entführen, beeinflußt hätte; schließlich gab es oft einen großen Unterschied zwischen dem, was einer schrieb und veröffentlichte, und dem, was er wirklich dachte und tat. Aber inzwischen war das Buch sowieso nicht mehr relevant.

Ein weiterer interessanter Punkt bei dieser Pressekonferenz war die Beschreibung dieses mocoso, dieses Grünschnabels, der Konzertpianist werden wollte. Miguel wußte zwar noch nicht genau, was er mit dieser Information anfangen sollte, aber er prägte sie sich ein.

Als er das Cafe erreichte, sah er, daß nur wenige Leute im Gastraum saßen. Er betrat es, ging zu dem Telefon im hinteren Teil und wählte die Nummer, die er auswendig wußte. Nach drei Klingelzeichen meldete sich Salaverry. »Allo«, sagt er mit starkem spanischem Akzent.

Miguel klopfte dreimal mit dem Fingernagel auf die Sprechmuschel - sein Erkennungszeichen. Dann sagte er leise: »Morgen früh. Fünfzig Kisten.« Eine »Kiste« waren tausend Dollar.

Vom anderen Ende der Leitung kam ein erschrockenes Aufstöhnen. Und die Stimme, die folgte, klang verängstigt: »Estas loco? Daß Sie heute abend hier anrufen? Wo sind Sie? Kann der Anruf mitgehört werden?«

»Glauben Sie, ich bin ein pendejo?« entgegnete Miguel verächtlich. Doch zugleich merkte er, daß Salaverry ihn mit den Ereignissen dieses Tages in Verbindung brachte; ein Treffen mit ihm würde deshalb gefährlich sein. Aber er hatte keine andere Möglichkeit. Er brauchte Geld, um, unter anderem, einen zusätzlichen Sarg für Angus Sloane zu kaufen. Miguel wußte auch, daß auf dem Konto in New York noch eine Menge Geld lag, und er wollte etwas davon für sich selbst, bevor er das Land verließ. Er war sich ziemlich sicher, daß an Jose Antonio Salaverrys gierigen Fingern mehr als nur die Provision hängengeblieben war.

»Wir können uns morgen nicht treffen«, sagte Salaverry. »Es ist zu früh und außerdem viel zu kurzfristig, um das Geld aufzutreiben. Sie dürfen nicht...«